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Amberville von Tim Davys

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Werbeprofi Eric Bär wird aus dem Schlaf gerissen, als die Vergangenheit in Form von Nicholas Taube und seinen Gorillas in seine Wohnung und damit sein Leben einbricht. Verbrecherboss Nicholas kommt – während seine Männchen für's Grobe die gediegene Einrichtung zu Kleinholz verarbeiten – direkt auf den Punkt: Sein Name stünde auf der Todesliste – Erics Einwände, dass die nur ein Märchen sei, lässt er nicht gelten – und sein ehemaliger Mitarbeiter solle jetzt dafür sorgen, dass sein Name gestrichen werde. Sonst würden sich die Gorillas die bezaubernde Emma Kaninchen, Erics Gattin, vornehmen. Eric weiß zwar nicht genau, was jetzt zu tun ist, aber er ist sich ganz sicher, dass die Schluffen, die seine jetzigen Bekannten darstellen, überhaupt nichts ausrichten können. So macht Eric sich daran, die alte Gang zusammenzutrommeln – was nicht ganz leicht ist, da mindestens Marek Schlange einen hübschen Posten in der Verwaltung hat.

 

Eric Bär lebt in der (natürlich fiktiven) Stadt Mollisan Town, genauer gesagt im Viertel Amberville. Die Stadt besteht aus vier Vierteln, die einstmals einzelne Dörfer waren – das bürgerliche Amberville, das großstädtische Tourquai, das eigenbrötlerische Lanceheim und das heruntergekommene Yok. Insgesamt hat die Stadt etwa vier Millionen Einwohner. Während Werbefachmann Eric in einer Glitzerwelt lebt, in der Kreativität und Erfolg schon mal in Klubs mit "dekadenten Weibern" abgefeiert werden, gibt es auch finstere Schattenseiten – so sammelt die Kirche unter dem Fadux Odenrick Pinguin im Namen des Schöpfers Magnus Kleiderspenden für die Armen.

Das ganze Setting wirkt sehr künstlich, was durch einen wesentlichen Umstand noch erheblich verstärkt wird: Alle Einwohner sind Stofftiere. Darum auch die seltsamen Nachnamen – sie bezeichnen die Körperform. Damit ergeben sich auch erhebliche Unterschiede zur Realität. Da Stofftiere nicht wachsen, werden sie auch nicht geboren – sie werden in der Fabrik gefertigt. Stofftiere, die einen Kinderwunsch haben, richten diesen an die Verwaltung; werden sie als würdig erachtet, werden sie auf die Kinderliste gesetzt und erhalten 'Nachwuchs'. Dieser wird mit grünen Lieferwagen ausgeliefert. Die Eltern haben dann die Aufgabe, ihm alles Mögliche beizubringen. Irgendwann werden die Stofftiere dann wieder abgeholt. Von den Chauffeuren mit ihren roten Lieferwagen. Gibt es auch eine Todesliste? Wenn ja, wird diese ebenfalls von der Verwaltung erstellt?

Das Setting ist insgesamt sehr ungewöhnlich, nicht nur thematisch, auch formal, denn es wird zwar vieles beschrieben, aber kaum Konkreta, dafür die Gesellschaftsstrukturen. Diese wiederum sind offensichtlich fiktiv – sie erinnern an eine Art Gedankenexperiment. Damit wird das Setting zu einer seltsamen Mischung aus symbolischer Kulisse und Milieu. Neben der fiktiven Stadt und ihren Stofftier-Einwohnern gibt es keine weiteren phantastischen Elemente; diese sind nicht nur unnötig, sondern wären sogar störend.

 

Auch bei der Handhabung der Figuren gibt es Seltsamkeiten. Die wichtigste Figur ist zweifelsohne Eric Bär. Erics Eltern sind der Moralist Bloom Boxer und die von allen bewunderte Edda Nashorn – die den wichtigsten Posten in der Verwaltung innehält. Trotz – oder gerade wegen – dieser anständigen Eltern hatte Eric eine Phase in der Jugend, in der er viele Drogen konsumierte und für Nicholas Taube arbeitete. Irgendwann hatte er jedoch genug, kehrte der Unterwelt und seiner alten Gang den Rücken, lernte die Künstlerin Emma Kaninchen kennen und lieben und stieg in der Werbebranche auf. Die Werbebranche bietet einem Männchen wie ihm große Chancen, denn er hat ein Gespür für die (irrationalen) Sehnsüchte seiner Mitstofftiere und ist ein schamloser Lügner. Im Verlauf der Geschichte wird der Leser vermutlich das eine oder andere Mal von Eric Bär überrascht werden.

Zu denken geben werden ihm jedenfalls die Aussagen von Teddy, Erics Zwillingsbären. Der sieht einiges von Erics Darstellung anders, doch auch in seinem Leben gibt es Widersprüche. Mit Teddy nun zur ersten Seltsamkeit: Ist Teddy nun eine Nebenfigur oder eine Hauptfigur? Für das erste ist seine Rolle zu groß, für das zweite zu klein. Vor dasselbe Dilemma stellen den Leser die drei alten Mitstreiter Erics: Tom-Tom Krähe, ein einfach gestrickter Haudrauf, Sam Gazelle, ein homosexueller und sadistischer Drogenjunkie, und Marek Schlange, ein cleverer und geduldiger Intrigant. Auf dem ersten Blick sind es alle eher klischeehafte Typen, doch auch sie werden noch weiter entwickelt. Wiederum: Für Hauptfiguren zu wenig, für Nebenfiguren überraschend detailliert. Daneben gibt es noch typische Nebenfiguren: Der knallharte Gangsterboss Nicholas Taube, die anscheinend aufrechten Eltern der Zwillinge, die liebenswerte Emma Kaninchen, die rätselhafte Rut Ratte, um nur ein paar zu nennen.

Nun zur zweiten Seltsamkeit: In ihrer Typenhaftigkeit wirken die Figuren eher zentrisch, doch der Umstand, dass sie alle Stofftiere sind, lässt sie klar exzentrisch wirken – wer erwartet schon von Stofftieren, dass sie sadistisch sind – was zu einem reizvollen Widerspruch führt. Die Schattenseiten, die alle Figuren haben, verstärken diesen Effekt noch.

 

Diese Seltsamkeiten setzen sich beim Plot fort. Da das Cover den Roman als Krimi beschreibt, liegt es nahe, den Roman auch als solchen zu lesen. Der Plot gibt auch Anlass dazu: Nicholas Taube, eine große Nummer des organisierten Verbrechens, hat gehört, dass er auf der Todesliste steht. Sein alter Spezi Eric soll das ändern. Es gilt, die Liste aufzuspüren und den Schreiber von einer Änderung zu überzeugen. Da die Stofftiere einen Hang zu Schattenseiten haben, spielen Betrug, Korruption und Gewalt auf allen Ebenen eine stetige Rolle. Aber die Spannungsquellen passen nicht so recht dazu: Zwar gibt es unzählige überraschende Wendungen, einige Action-Szenen und natürlich die Todesdrohung gegen Emma. Doch so richtig bedrohlich wirkt das alles nicht – die Stofftiere verleihen allem eine satirische Note. Dazu passt, dass die Protagonisten sich nicht spürbar anstrengen müssen. Hinzu kommen noch die vielen Charakterisierungen und daraus resultierende Transversalspannung. Damit wirkt die Suche nach der Todesliste wie eine Queste – doch auch hier bleiben die Anstrengungen aus. Letztlich sei noch an das Setting mit den Überlegungen zum Funktionieren einer Gesellschaft erinnert – hier ist der Leser geneigt, nach tiefer greifenden Ideen, die auf eine Utopie (oder Dystopie) verweisen, zu suchen. Allerdings scheinen die Ideen nicht sonderlich tief greifend zu sein, weshalb der Roman leicht prätentiös wirken kann.

Die eigenwillige Diffusität der Spannungsquellen und der Handlungsaufbau, der im Rückblick klar auf den Effekt getrimmt ist, sorgten zweifellos für manch böse Kritik. Nichtsdestoweniger ist der Plotfluss bei aller Unklarheit recht hoch.

 

Erzähltechnisch ist der Roman recht variantenreich. Es gibt grob gesagt zwei Handlungsstränge und einige Facetten-Einschübe. Der erste Handlungsstrang ist die Suche nach der Todesliste. Er ist klar dramatisch aufgebaut. Der zweite Strang ist die Charakterisierung der Familie von Eric und besonders seine Beziehung zu Teddy. Dieser Strang ist episodisch aufgebaut. Beide verlaufen regressiv, wobei dieses beim zweiten erheblich deutlicher ist.

Die Erzählperspektive des ersten Strangs ist eine Mischung aus auktorialer und personaler Perspektive, besonders der Erics. Beim zweiten Strang ist es komplizierter: Vielfach ist er mit dem ersten verschmolzen und entsprechend aus derselben Perspektive erzählt, doch viele Episoden werden auch von Teddy als Ich-Erzähler geschildert. Die Facetten-Einschübe bieten einen anderen Blickwinkel auf Momente der Handlung aus der Perspektive von Randfiguren.

Der Stil wandelt sich mit jeder Perspektive erheblich. Während der Hauptstrang mit seinen knappen, adjektivarmen Sätzen an den hardboiled-Krimi anknüpft, zeigt Teddys pathetischer Plauderton, dass etwas mit ihm nicht stimmt – er ist offenkundig ein unzuverlässiger Erzähler – dann gibt es einen Einschub der die stream-of-consciousness-Technik verwendet und dergleichen mehr.

 

Fazit:

Der bösartige Gangsterboss Nicholas Taube stellt Eric Bär vor die Wahl: Entweder streicht Eric Nicholas Namen von der Todesliste oder er verabschiedet sich von der geliebten Emma Kaninchen. Eine Jagd in die finstersten Schatten Ambervilles beginnt. Mit Amberville hat Tim Davys einen sehr ungewöhnlichen Roman geschrieben – zwar wirkt er bisweilen so, doch letztlich ist er weder Krimi noch Gedankenexperiment, sondern eine sorgfältig konstruierte Krimi-Farce voller Gegensätze und skurrilen Stofftieren. Wer das bedenkt, kann sich gut unterhalten lassen.

 

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Kommentare:

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Roman:

Titel: Amberville

Reihe: -

Original: Amberville (2007)

Autor: Tim Davys

Übersetzung aus dem Schwedischen: Angelika Kutsch

Verlag: Piper Verlag (August 2008)

Seiten: 383 Gebunden

Titelbild: Patrik Lindvall

ISBN-13: 978-3-492-05206-1

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.03.2010, zuletzt aktualisiert: 19.07.2019 10:00