Spiritistische Sitzungen sind heutzutage aus der Mode gekommen. Ich selbst habe trotz Interesse noch nie an einem solchen Ereignis teilgenommen. Allerdings muss ich einräumen, dass ich auch noch nie mit Nachdruck nach einem solchen gesucht hätte. Vor hundert Jahren oder früher, so scheint es mir, waren solche Geistertreffen häufiger im Angebot, vielleicht bieten Fernsehen und Internet heute modernere Attraktionen. Séancen werden zudem ohnehin von vielen Menschen als Hokuspokus abgetan.
Was außer der Anrufung eines Verstorbenen und dessen Erscheinen durch ein Medium noch alles passieren kann erzählt Frank R. Stockton in seiner Novelle Amos Kilbright. Besagter Kilbright ist bei einem Bootsunglück in jungen Jahren ums Leben gekommen, wird bei einer Séance gerufen, materialisiert sich und schildert den weiteren Vorgang nun aus seiner Sicht.
Die Spiritisten, die sich recht unbedachter Weise in den Kopf gesetzt hatten, der Großvater des alten Scott müsse eine höchst ehrenwürdige Erscheinung sein, waren bei meinem Anblick enttäuscht und meinten, es sei infolge irgendeines Versehens nicht der richtige Geist aufgerufen worden. Sie stellten mich daher sozusagen beiseite und wandten sich anderen Gegenständen zu. Der alte Scott entfernte sich unbefriedigt und in seinem Unglauben an die Spiritisten bestärkt, während ich, wie schon gesagt, unwissentlich der Einwirkung der wiederbelebenden Kraft ausgesetzt blieb, bis ich wieder mein jetziges volles leibliches Dasein erlangt hatte.
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Auf diesem Weg gelangt Amos Kilbright wieder unter die Lebenden. Damit beginnt der eigentliche Konflikt, der Thema dieses Büchleins ist. Der Verstorbene ist als reale Person in den Kreis der Sterblichen gerückt, eine Persona non grata, Rechte-los da juristisch nicht mehr existent und von Gefahren bedroht, die erst aus der Logik seines Daseins entspringen.
Kilbright sieht hingegen eine zweite Chance, sein viel zu kurzes Leben fortzusetzen. Er sucht Hilfe, findet Freunde und sogar eine Anstellung – zum Missfallen der Spiritisten. Diese betrachten ihn nämlich als ihr Eigentum und wollen ihn je nach Belieben in die Welt der Geister schicken und wieder zurückholen. Damit wäre ein normales Leben für Kilbright unmöglich. Dieser beginnt jedoch sein neues Leben nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten in die neue Zeit zu genießen, verliebt sich und möchte Heiraten, doch das wollen die Spiritisten unterwandern.
Der Konflikt klingt skurril und absurd, doch wenn man die logische Argumentation Schritt für Schritt verfolgt, nimmt die Handlung mehr und mehr an Spannung zu, zumal sie auf einem völlig neuen obskuren Fundament fußt. Spiritisten gegen Kilbright und dessen neu gefundene Freunde. Selbst der alte Scott, der seinen jungen Großvater nun als solchen anerkennen soll, muss mit allen Mitteln überzeugt werden.
Lars Dangel würdigt in seinem Nachwort die kuriose Idee der Geschichte und liefert Informationen zu dem 1834 in Philadelphia geborenen Autor. Ein lesenswertes Buch, dass zu einigen Gedankenexperimenten einlädt und dabei nicht an Spannung verliert.