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Amputiert von Gord Rollo

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Beraubt man einen Menschen um sein Geld, seine Hoffnungen, seine Familie und seiner Zukunft – wie weit würde besagtes Individuum gehen, um alles wieder ungeschehen zu machen? Für Michael Fox kommen derlei Fragen erst gar nicht in den Sinn, er IST unten angekommen und wird auch nie wieder den Weg zurück in sein altes Leben finden, Punkt. Ein kleiner Fehler genügte damals, um das Schicksal in voller Härte zuschlagen zu lassen. Die verregnete Nacht, in der Fox’ Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, besiegelte gleichzeitig das alte Dasein des Michael Fox. Suchte er zunächst Trost in der Flasche, wurde ihm seine Alkoholsüchtigkeit letztlich zum Verhängnis. Die Folge: ein immer größer werdender Schneeball, der in der Folge zur ausgewachsenen Lawine angewachsen war – kein Job, kein Geld, keine Wohnung und zuletzt ein Dasein als Obdachloser auf den grauen Straßen einer ihm fremd gewordenen Stadt. Gemeinsam mit einem gleichfalls obdachlosen Kumpel schlägt er sich nun die Zeit in einem alten Container unter einer Eisenbahnbrücke tot. Einzige Höhepunkte in seinem erbärmlichen Dasein sind die gelegentliche Einnahme billigen Drogen, die langsam aber sicher Geist und Körper aufzulösen beginnen und der gelegentliche Sex mit anonymen Fixerinnen. Doch in seinen klaren Momenten besinnt sich Fox an früher – und weiß, dass er jene grausame Nacht von damals niemals wird ungeschehen machen. Der einzige Ausweg, so wird es ihm bewusst, besteht im Selbstmord; vorzugsweise mittels einem der tagtäglich über seinem Haupte vorbeiziehenden Züge. Schnell und schmerzlos – und ohne dass ihm jemand eine Träne nachweinen wird.

Inmitten seiner suiziden Gedanken taucht plötzlich eine Limousine vor dem Container auf – und mit ihm ein sonderbarer Fremder mit einem noch sonderbareren Anliegen. Besser gesagt einem Angebot: Zwei Millionen Dollar für Fox’ rechten Arm.

Entgegen anfänglicher Bedenken nimmt Fox die Offerte an. Was hat er auch schon zu verlieren? Selbst wenn sich der durchtrainierte Gönner wirklich als Blender herausstellen würde – er wäre weiterhin obdachlos und seines alten Lebens beraubt. Und eines funktionstüchtigen Armes, zugegeben. Sollte sich das großzügige Angebot jedoch als richtig bewahrheiten …

Gemeinsam mit anderen Obdachlosen wird Fox in eine geheimnisvolle Villa gebracht, die nicht nur als luxuriöses Domizil gedacht ist, sondern zudem die Funktion einer autarken Privatklinik innehat; betrieben von dem gleichermaßen zuvorkommenden, kultivierten und geheimnisvollen Nathan Marshall, einem begnadetem Neurochirurgen, dessen Traum – scheinbar – ein aus Einzelteilen zusammengesetzter, völlig neuer Mensch zu sein scheint, der jedoch in Wirklichkeit edlere Motive zu verfolgen scheint … oder?

Buchstäblich am eigenen Leibe erfahren Michael und drei weitere Probanden, dass Marshalls Ziele weniger dem Verstand eines engagierten und visionären Mediziners entsprungen sind, sondern eher einem ruchlosen, vom Wahn infizierten Individuum, das weder Scheu noch Skrupel kennt. Hilflos und an ihre Betten gefesselt, wird die Riege um Michael Stück für Stück „abgeerntet“, bis letztlich nur noch Torsi von der Existenz der Männer zeugen. Und selbst nach den schrecklichen Prozeduren findet der Alptraum kein Ende. Vielmehr werden die arm- und beinlosen Opfer regelmäßig angezapft, um somit für steten Blutvorrat in den Labors jenes modernen Frankenstein zu sorgen.

Doch selbst die nicht enden wollenden Torturen können Franks unbändigen Willen nach Rache bändigen. Ein Versprechen, welches zusätzliche Nahrung erhält, nachdem ihn Marshall als Versuchskaninchen für sein neuestes und wohl ambitioniertes Experiment auserkoren hat: Ist es möglich, auch ein menschliches Gehirn zu verpflanzen? Ein grausamer, unmenschlicher Gedanke – und gleichzeitig die Chance für Frank, seinem Peiniger alles zurückzahlen zu können, da der bevorstehende Großversuch eine entscheidende Schwachstelle besitzt …

 

Mit Gord Rollo präsentiert sich ein weiterer US-Nachwuchsautor aus dem Umkreis seines bereits etablierten Kollegen Brian Keene der deutschen Leserschaft. Doch anstelle der momentan grassierenden Vampir- und Zombiewelle hat sich der gebürtige Schotte für das klassische »Frankenstein«- Motiv entschieden und entsprechend aufgewertet. Ein mutiger Schritt, der gottlob nicht in einen Sturz ausartet. Wer dabei auf eine ähnlich gelagerte, gotisch angehauchte Schauermär hofft, der sollte sich nach einem anderen Werk umschauen. Wie Keene, wurde auch Rollo von Altmeister Richard Laymon inspiriert, was sich besonders in den mehrfach ziemlich derben, aber niemals deplatziert wirkenden Passagen sehr deutlich erkennen lässt. Vielmehr streicht Rollo aus dem »Sex & Gore«-Repertoire seines Vorbilds den ersten Teil und setzt den zweiten in angenehm wohldosierten Dosen ein. Dadurch entstehen einige wirklich heftige Schockmomente, die der ohnehin alles andere als fröhlich gestimmten Geschichte noch mehr scharfe Konturen verleihen. Dominiert wird Amputiert allerdings von der Stimme seines Helden, des sehr sympathischen und äußerst glaubwürdig daherkommenden Michael Fox. Rollo schafft es, dass einem dieser, vom Schicksal so arg gebeutelte Mensch binnen weniger Seiten ans Herz wächst und man ihm im Verlaufe des Romans nichts sehnlicher wünscht, als das seine furchtbare Odyssee des Schreckens doch irgendwann ein (gutes) Ende nehmen möge. Zugegeben, auch »Amputiert« besitzt die eine oder andere, marginale, Schwachstelle. Hie und da herrscht zwischen den Seiten gelegentlich Leerlauf und auch diverse Aspekte des »Mad Scientist« Marshall und seiner Schergen kommen stellenweise arg überzogen rüber. Doch sind dies, wie bereits erwähnt, eher Randnotizen denn gravierende Minuspunkte, die ob der Tatsache, dass dies Rollos Erstling ist, sogar noch wohlwollender registriert werden.

 

Fazit:

Mit »Amputiert« legt Gord Rollo einen beeindruckenden, überzeugenden und bärenstarken Erstling vor, der besonders den Freunden von knochentrockenem modernem Horror gut munden dürfte. Sicherlich schon jetzt ein Genre-Highlight des Jahres. Diesen Autor gilt es im Auge zu behalten!

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Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

Gord Rollo
Freitag, 06. Mai 2011 07:20 Uhr
Thank you so much for the kind words. I don't speak or read German but reading the translated version of your review made my day. I hope some of my other books will someday be translated as well.

All my best,

Gord

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Buch:

Amputiert

Original: The Jigsaw Man

Autor: Gord Rollo

Taschenbuch, 336 Seiten

Übersetzer: Michael Krug

Otherworld-Verlag, Januar 2011

 

ISBN-10: 3800095386

ISBN-13: 978-3800095384

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu Gord Rollo

 


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Erstellt: 30.04.2011, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51