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Apollos Auge von G. K. Chesterton

Reihe: Die Bibliothek von Babel Band 7

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Apollos Auge ist der siebente Band der Bibliothek von Babel, einer Reihe von J. L. Borges herausgegebener phantastischer Geschichten. Der Band enthält fünf Geschichten von G. K. Chesterton. Der kundige Leser würde nun vielleicht Der Mann, der Donerstag war oder eine ähnliche phantastische Geschichte erwarten, doch Borges wählt vier Gesichten über den berühmten katholischen Amateurdetektiv Pater Brown und eine weitere recht unbekannte aus. Das ist zumindest eine ungewöhnliche Wahl, denn keine der Geschichten ist im üblichen maximalistischen oder gar minimalistischen Sinn von Phantastik phantastisch. Mithin realistisch in dem Sinne, dass Alltägliches thematisiert wird, sind sie auch nicht. Die Geschichten sind dahingehend fantastisch, dass sie sich mit höchst ungewöhnlichen Ereignissen befassen, die den Leser erst einmal vor dem Kopf stoßen – doch Pater Brown wird eine Lösung dafür finden. Damit steht der geistliche Ermittler eher in der Tradition von E. A. Poes Auguste Dupin oder A. C. Doyles Sherlock Holmes als Agatha Christies Hercule Poirot oder Ellery Queens Ellery Queen oder gar Arthur Machens Mr. Dyson; letzterer nutzt selbst höchst ungewöhnliche Methoden und ermittelt z. T. in übernatürlichen Fällen – im späteren Band 16. der Reihe (A. Machen: Die leuchtende Pyramide) wird noch von ihm zu hören sein. Christie und Queen schrieben Whodunits im eigentlichen Sinne, also solche, bei denen der Leser mitraten kann, während Poe und Doyle den Triumph des logischen Denkens, des wissenschaftlich Rationalen über das Irrationale, das Unverständliche präsentieren. Auch wenn die Art der Geschichte stärker den der zwei Logikern gleicht, so verweisen doch die Methoden Pater Browns auf die von M. Poirot. Den Fällen dieser illustren Amateure ist jedoch eine gewisse Überspanntheit gemein.

 

Die Geschichten im Einzelnen sind:

Die drei Reiter der Apokalypse (30 S.): Der eigenartige Mr. Pond erzählt dem bekannten Diplomaten Sir Hubert Wotton eine noch eigenartigere Geschichte, die erläutern soll, warum ein preußischer Marschall aufgrund der großen Disziplin seiner Soldaten scheiterte. Denn Marschall von Grock hielt es für notwendig den polnischen Poeten Petrowski hinrichten zu lassen. Da der verantwortliche Offizier den Dichter entlassen würde, wurde ein Bote mit der Exekutionsorder entsandt. Seine Majestät der Kaiser, der die Gesangstimme des Polen schätzte, ließ einen Boten mit einem Begnadigungsschreiben losschicken – der allerdings starb. Dennoch überlebte der Versschmied die Nacht – eben wegen der gehorsamen Diener – Unglaublich! finden die Zuhörer. Mr. Pond erörtert den Vorfall.

 

Die seltsamen Schritte (36 S.): Pater Brown wird zum äußerst luxuriösen Hotel Vernon gerufen, da einer der Kellner – ein Italiener – im Sterben liegt. Nachdem die Angelegenheit abgeschlossen ist, hat der eigenwillige Pater noch etwas zu schreiben. Da genau zu jenem Zeitpunkt der exklusive Klub "Der zwölf wahren Fischer" sich dort versammelt und fremde Gäste höchst störend sind, erhält er einen Nebenraum. Während er schreibt, hört er etwas Seltsames: Einen Mann, der den Gang zunächst herunterläuft und dann gemessen schreitet – auf dem Rückweg umgekehrt. Dieses sonderbare Gebaren wiederholt sich mehrfach. Als dann dem Klub der einflussreichen Politiker das wertvolle Tafelsilber gestohlen wird, kann Pater Brown sein kriminalistisches Gespür zum Tragen bringen.

 

Die Ehre des Israel Gow (27 S.): Inspektor Craven von Scotland Yard und der Amateurdetektiv Flambeau untersuchen den Tod des letzten Lords von Glengyle, der schon einige Tage vorher beerdigt wurde – wenn es denn sein Leichnam war, der auf dem Friedhof begraben wurde. Vom Haushalt ist nur noch ein debiler Bediensteter übrig, Israel Gow, der den Lord auch unter die Erde gebracht hatte. Die Detektive finden allerlei Seltsamkeiten im Anwesen: Viele Edelsteine, aber alle ohne Fassung; Haufen über Haufen von losen Schnupftabak; kleine, verstreut herumliegende Zahnräder und Triebfedern; Bündel von Wachskerzen, aber keine Kerzenleuchter – als die beiden Ermittler neben weiteren Skurrilitäten Pater Brown berichten, dass aus den uralten katholischen Gebetsbüchern der Name Gottes entfernt wurde, geht diesem ein Licht auf: Schwarze Magie, Hexenwerk und Teufelsanbetung! Schnell muss die Leiche exhumiert werden.

 

Apollos Auge (28 S.): Pater Brown besucht seinen Freund Flambeau in dessen neuem Detektivbüro im ebenso neuen, amerikanisch wirkenden Wolkenkratzer. Das Gebäude ist noch kaum bezogen, jedoch findet sich unter Flambeaus Räumlichkeiten das Schreibbüro der Schwestern Stacy; die ältere, Pauline, ist nicht nur eine feurige Feministin, sondern auch die Erbin einer halben Grafschaft. Über Flambeau hat der eindrucksvolle Kalon, der neue Hohepriester Apollos, sein Domizil aufgeschlagen. Es scheint, als ob Pauline gefallen an der offensiven Lehre des Neu-Heiden findet – bis sie im Fahrstuhlschacht zu Tode stürzt. War es ein Unfall, Selbstmord – oder Mord? Während Flambeau noch verwirrt ist, hat Pater Brown schon eine genaue Vorstellung bezüglich der Schuldfrage.

 

Das Duell des Doktor Hirsch (29 S.): Dr. Hirsch ist nicht nur ein hervorragender französischer Wissenschaftler, der strenge Moralist ist den europäischen Pazifisten auch eine Galionsfigur in der Politik und ein Vorbild im Privaten. Dann aber wird ein Skandal laut: Dr. Hirsch soll seine Formel für einen lautlosen Sprengstoff an das deutsche Militär verraten haben. Er versucht sich mit dem aufgebrachten Oberst Dubosc gütlich zu einigen. Doch dieser moniert, dass der Doktor ein persönliches Gespräch meide, also fordert der Kommisskopf ein Duell, wie es in Frankreich üblich ist. Dem friedliebenden Dr. Hirsch bleibt nichts übrig als darauf einzugehen. Während Flambeau noch überlegt, ob er dem Oberst als Sekundant dienen soll, scheint Pater Brown die ganze Angelegenheit rätselhaft.

 

Schauplatz sind mehrfach London, einmal Paris und die Sümpfe im preußisch-polnischen Gebiet. Die Wahl ist zwar nicht ohne Einfluss auf die Geschichte, jedoch nicht in Form des Milieus, sondern eher als eine Art atmosphärischer Untermalung.

Figuren gibt es jeweils nur wenige und diese werden auch nur skizzenhaft ausgeführt, wobei üblicherweise eine zentrale Eigenschaft beinahe ins parodistische Überzogen wird – sie neigen also dazu exzentrische Typen zu sein.

Erzählt sind die Geschichten aus einer Mischung von auktorialer und objektiver Perspektive; der Stil ist hierbei recht konventionell. Die Sprache ist klar, wenn auch etwas geschwätzig, und durchzogen von einer freundlichen Ironie, die auch vor Pater Brown nicht zurückschreckt.

 

Fazit:

Pater Brown stößt auf unglaubliche Begebenheiten – doch mit seinem messerscharfen Verstand bringt er Klarheit in die Angelegenheiten. Die Kurzgeschichten dieser Sammlung sind zwar weniger phantastisch, denn ungewöhnlich, aber dennoch immer überraschend und humorvoll. Wer Club Stories und Tall Tales mag, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

 

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Eure Meinung:

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Buch

Apollos Auge

Reihe: Die Bibliothek von Babel Band 7

Autor: G. K. Chesterton

Edition Büchergilde, 2007

Hardcover, 163 Seiten

 

ISBN-10: 3940111074

ISBN-13: 978-3940111074

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.06.2007, zuletzt aktualisiert: 22.07.2018 21:26