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Größtenteils Harmlos

Autorenspezial zu Douglas Adams

 

Redakteur: Christian Endres

 

Es gibt Bücher und es gibt Bücher. Auf der einen Seite wären da zunächst jene Bücher, die ob ihres namhaften Autors gekauft und gelesen werden, ihrer Thematik oder der halbnackten Schönheit auf dem Buchdeckel wegen, manchmal auch aufgrund religiöser Überzeugung oder einer Kombination mehrerer dieser Komponenten (wobei ich persönlich besonders die Kombination von religiösem Inhalt und der Schönheit auf dem Buckdeckel als gestalterisch und werbetechnisch recht reizvoll erachten würde ...). Auf der anderen Seite gibt es da aber natürlich auch diese Hand voll handverlesener, schlichtweg zeitloser und in irgendeiner Hinsicht bestimmt auch klassischer Bücher, die primär um ihrer selbst willen gelesen werden (ja, sowas soll´s tatsächlich geben ...). Douglas Adams’ »Per Anhalter durch die Galaxis« (und dessen vier nicht minder abenteuerliche Folgebände) gehören zweifellos zu dieser letzten Kategorie und erfreuen seit ihrem Erscheinen ganze Heerscharen von Lesern, die sich bereitwillig von dem Kult um Arthur Dent, Ford Prefect und Co. anstecken lassen und sich mit ihnen auf die wahrscheinlich rasanteste Reise durch die Galaxis begeben ...

 

Per Anhalter durch die Galaxis

Der Anhalter ist Kult. Das ist für manch einen alleine sicherlich schon Grund genug, sich die nicht immer ganz so einfachen Bücher vorzunehmen und sich mit Douglas Adams’ humorvollen Science-Fiction-Werk der Extraklasse auseinanderzusetzen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine Vielzahl Personen, die sonst überhaupt nichts mit Science Fiction anfzuangen wissen, eines Tages urplötzlich in der Straßenbahn sitzen und ihre Haltestelle verpassen, weil sie gerade in eine insgesamt mehr als eintausend Seiten umfassende Geschichte über ferne Planeten, fremde Zivilisationen und pfeilschnelle Raumschiffe vertieft sind, ohne dass sie dabei überhaupt wissen, wie sie zu diesem Buch gekommen sind (geschweige denn, wie sie jetzt vom Straßenbahndepot wieder nach Hause kommen sollen).

 

Erstaunlicherweise mochte Douglas Adams trotz der ungeheuren Popularität seiner Bücher rund um die Welt das Verfassen selbiger überhaupt nicht und sträubte sich regelmäßig dagegen. Er ersann gerne Ideen, ja, und auch das Ausarbeiten von Konzepten und das Schreiben von Sketchen oder Hörspielen mochte er sehr gerne und konnte Stunden damit verbrignen, über seine Szene und die richtigen Hintergrundgeräusche nachzugrübeln – aber das Schreiben von Romanen, das ging ihm teilweise nur äußerst schwer von der Hand und depremierte ihn bei Zeiten sogar regelrecht, wenn er denn einmal nicht weiter kam und am liebsten das insbesondere in seinem Fall legendäre Handtuch geworfen hätte. Es gibt die verrücktesten Anekdoten darüber, wie seine Lektoren und Redakteure ihn dazu zwingen mussten, einen Roman nach drei- oder viermaligem Verschieben des Abgabetermins endlich fertigzustellen (etwa die, dass man ihn in ein Hotelzimmer sperrte, wie einen Sträfling in einem Hochsicherheitsgefängnis unter strenge Bewachung stellte und nur ab und dann zum Joggen in den Park gehen ließ).

 

Ungeachtet dessen war Douglas Adams aber ein begnadeter Schriftsteller, der es zum Leidwesen aller Liebhaber geradliniger Plots jedoch nicht immer verstabd, den Fluß seiner vielen Ideen zu zügeln, sondern alle Einfälle stets ohne viel Federlesen und Zaudern in seine Geschichten einfließen ließ, weshalb gerade die »Anhalter«-Romane in dem zweifelhaften Ruf stehen, ein wenig wirr und planlos zu sein und manchmal mehr Verwirrung denn sonst etwas beim Leser zu stiften. Doch ist es nicht gerade dieses unkonventionelle Chaos, das seinen ganz eigenen Charme besitzt und diese Bücher so einmalig und letztlich auch lesenswert macht? So oder so, wer sich dazu entschließt, Adams’ abgefahrenes Weltraumepos zu lesen, der weiß in der Regel ohnehin von vorne herein im Groben, worauf er sich einlässt, kann das Ganze in vollen Zügen genießen und wird sich alsbald im Adams’schen Chaos ebenso wohl wie heimisch fühlen. Keine Panik heißt einmal mehr die Devise, denn meistens war es trotz aller Ausgefallenheit und Verrücktheit dann ja doch eher harmlos, was Adams mit dem Leser angestellt hat.

 

Viel interessanter als die Frage nach Norm und Konventionalität ist da schon die Frage nach der Anziehungskraft der Bücher. Was macht die Faszination an einem fünfteiligen Mammut-Werk wie dem Anhalter aus? Einem Buch, das (alle Teile zusammengenommen, wohlgemerkt) nicht nur die Dicke eines kleinen Telefonbuchs hat, sondern nebenbei von der gnadenlosen Zerstörung der Erde durch eine außerirdische Rasse, einem Restaurant am Ende des Universums und dem Verschwinden der Delphine aus den Meeren unseres blauen Planeten zu berichten weiß, der in interdimensionalen Datenbanken übrigens lediglich mit den Worten mostly harmless (»größtenteils harmlos«) erwähnt wird. Worin genau liegt der Reiz, dem nunmehr heimatlosen Unglücksraben Arthur Dent, seinem gewieften Freund Ford Prefect und dem manisch depressiven Roboter Marvin auf ihrer abenteuerlichen Reise quer durch die Galaxis zu folgen, mit ihnen zu leiden und zu lachen oder ihren Zwiegesprächen mit höflichen Türen und dämlichen Panzern zu lauschen? Was animiert Menschen wie mich dazu, sich die 42 auf ihrem Wagenkennzeichen verewigen zu lassen, ein lässiges »Don´t Panic!« in ihr Sprachreportoire aufzunehmen oder am 25. Mai mit einem um die Schultern geschwungen Handtuch durch die Innenstädte der Metropolen dieser Welt zu stolzieren?

 

Nun, mit Schuld daran ist wohl einmal mehr dieses ominöse Phänomen der Weltflucht – ein Laster, das den Lesern phantastischer Literatur gerne angedichtet wird und wohl auch (aber nicht nur) in diesem Fall durchaus eine gewisse Berechtigung findet. Denn auch im Anhalter wird der Leser an die Hand genommen und tritt aus der Realität, um den nicht immer rosigen Alltag hinter sich zu lassen und sich auf eine Reise in die mehr oder weniger unendlichen Weiten des Alls zu begeben. Die Geschichte des Anhalters führt ihn zu den erstaunlichsten Ecken des Universums, ohne dass das Gespräch auch nur einmal auf die Schwiegermutter kommt, die gerade zu Besuch ist. Die Zubereitung eines schmackhaften Sandwiches oder die Überwindung der Schwerkraft begeistern auf ähnliche Weise wie die Begegnung mit dem Computer, der die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest kennt, und lässt alltägliche Sorgen – und sogar die Schwiegermutter – in der Regel recht schnell vergessen. Douglas Adams verstand es obendrein meisterhaft, seinen liebenswert schrulligen Figuren binnen kürzester Zeit Leben eizuhauchen und sie dem Leser zu guten Freunden werden zu lassen, so dass man sie nur allzu bereitwillig auf ihren verrückten Space-Odysseen begleitet und auf Dauer an ihren Abenteuern teilhaben möchte – und wenn schon nicht auf Ewig, dann doch bitte so lange, bis uns der Wowbagger beleidigt oder wir herausfinden, was es mit der 42 auf sich hat ...

 

Die letzten ihrer Art

Der Ideenreichtrum, den Adams in seiner Anhalter-Serie eindrucksvoll zur Schau stellte, fand seine Fortsetzung in den beiden Dirk-Gentley-Romanen. Wer könnte jemals Dirks außergewöhnliche Methode vergessen, seinen Weg zu finden, indem er dem erstbesten Auto einer bestimmten Farbe hinterherfährt, oder das Problem mit dem in Treppenhaus quer gestellten Sofa?

 

Adams’ wissenschaftlich anmutenden Werke – hier sei einmal das bekannteste, »The Last Chance To See« (»Die letzten ihrer Art«) genannt – profitierten wirtschaftlich gesehen leider nicht immer von der internationalen Bekanntheit ihres Autors, wenngleich sie Adams auch den größten Spaß beim Schreiben gemacht haben und ihm von all seinen Büchern möglicherweise am meisten am Herzen lagen, da er einzig und allein hier seiner Arbeit als Schriftsteller richtig gerne nachgegangen ist. Gerade »The Tast Chance To See«, das er mit Mark Carwardine verfasste, nachdem er mit diesem rund um den Globus vom Aussterben bedrohte Tiere aufgesucht hatte, zählte definitiv zu Adams’ persönlichen Highlights in seiner Karriere als Autor – was man auch beim Lesen merkt. Ich persönlich halte das Buch für maßlos unterschätzt und würde ihm von Herzen mehr Beachtung gönnen.

 

Ein treuer und manchmal angenehm verwirrungstiftender Begleiter des Alltags ist das Wörterbuch »The Deeper Meaning of Liff« (»Der tiefere Sinn des Labenz«), in dem englische (und z. B. in der deutschen Übersetzung im zweiten Teil auch deutsche), nicht ganz gewöhnliche Ortsnamen bestimmten Situationen oder Dingen zugeordnet werden, die so noch keinen Namen besitzen, die jeder aber kennt und sich vielleicht schon immer mal gefragt hat, wie dieses oder jenes denn einheitlich mit einem Namen versehen werden könnte ...

 

Den Abschluss von Adams’ literarischen Gesamtwerk bildet das postum veröffentlichte »The Salmon Of Doubt« (»Lachs im Zweifel«), eine wahre Fundgrube für die zahlreichen Adams-Fans, in dem Briefe, Interviews und Anekdoten sowie die ersten zehn Kapitel des angefangenen dritten Dirk-Gentley-Romans enthalten sind. Der rundum gelungene Inhalt des Buches ist aus dem Wissen von Freunden, Verwandten und Kollegen sowie der Festplatte von Douglas’ Macintosh-Computers zusammengetragen und ist deren stiller Tribut an den Schriftsteller, aber auch den Menschen Douglas Adams.

 

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Kurz nach Douglas Adams’ plötzlichem Tod im Mai 2001 ging ein Aufschrei durch die Reihen seiner Fans. Ein zwar fremder, aber irgendwie doch ganz nahe stehender, geschätzter Mensch war viel zu früh von uns gegangen, ohne sich gebührend zu verabschieden oder und zumindest die Zeit einzuräumen, um uns auf das endgültige Goodbye vorzubereiten.

 

Kurzerhand erklärte man den 25. des selben Monats also zum Douglas-Adams-Gedenktag – dem Towel Day (»Handtuchtag«). Seit dem stelzen an diesem Tage Jahr für Jahr Menschen jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Hautfarbe rund um den Globus mit schlapprigen Handtüchern durch die Weltgeschichte, um sich ihres Douglas zu erinnern. Es kann durchaus vorkommen, dass sich wildfremde Menschen auf der Straße in den Armen liegen, einander stolz ihre schmutzig-nahrhaften Handtücher präsentieren oder über das Verschwinden der Delphine debattieren – und Passanten einen großzügigen Bogen um sie machen, ohne dass das die Adams’schen Leser dabei auch nur im Geringsten stört (wenn sie es überhaupt bemerken).

 

Mit Douglas Adams ist ein Mensch aus dem Leben geschieden, der es nicht nur wie kein zweiter vermochte, Leser überall auf der Welt in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern, sondern auch eine Persönlichkeit, wie sie vielseitiger nicht hätte sein können. Adams war begnadeter Humorist und Satiriker, facettenreicher Schriftsteller, angagierter Umweltschützer, ambitionierter Software-Entwickler, überzeugter Internet-Pionier, abstrakter Denker und Kenner der Wissenschaften, aber auch passionierter Mac-User (was einiges erklärt, aber nichts entschuldigt) und aufmerksamer Weltenbummler zugleich – und selbst damit sind wir noch nicht am Ende der Liste seiner Tätigkeiten oder Interessen angekommen, war er doch obendrein auch Pförtner, Leibwächter und Radioproduzent und vieles mehr (Neil Gaiman formulierte es einmal treffend, indem er Douglas Adams’ Vielseitigkeit als Traum eines jeden Verlages beschrieb, wenn es darum geht, den Text für den Buchrücken oder die Umschlagklappen zu schreiben).

 

Millionen von Lesern und unheilbar Süchtigen verschlingen auch heute noch Adams’ Bücher und halten unter Aufsicht des BBCs (wo die ganze Sache ja mit den Radiosendungen erst ihren Anfang genommen hat) die Internetseite h2g2.com am Leben, einen Versuch, das Prinzip des in den Büchern beschriebenen Anhalters in das von Adams so geschätzte Internet zu projizieren.

 

Im Sommer 2005 stand dann der erste Kinofilm ins Haus, welcher der Erfolgsgeschichte des Anhalters – und damit natürlich auch der seines Schöpfers – ein neues Kapitel hinzufügen sollte. Trotz ambitionierter Herangehensweise an diese Aufgabe gelang das den Beteiligten leider nicht ganz, doch schloss sich, da der an Adams’ erstenn Anhalter-Roman angelehnte Science-Fiction-Blockbuster in direkter Konkurrenz zu Star Wars Episode III: Die Rache der Sith trat, wenigstens einmal mehr der Kreis in dieser Beziehung. Zudem wurde immerhin das Interesse an Douglas Adams und seinem Hauptwerk wieder neu entfacht, und so ließ sich auch der Heyne-Verlag nicht lumpen und spendierte dem ersten, zum Film passenden Band eine zum Design des Movies passende Neuauflage im Taschenbuchformat mit vielen Bildern und Hintergrundinfos zum Kinofilm, der dieser Tage übrigens auf DVD erschienen ist und einem die Galaxis gewissermaßen ins Wohnzimmer bringt.

 

Ob weitere Filme geplant sind, steht derzeit noch in den Sternen, und nach dem ersten Teil bin ich mir ehrlich gesagt nicht einmal so sicher, ob es denn besonders wünschenswert wäre, wenn man direkt an den ersten Film anknüpfen würde. Doch was auch immer die Zukunft an neuen Kapiteln in dieser niemals enden wollenden Erfolgsstory bringen wird – Douglas Adams wird auf ewig einen Platz im Herzen von Millionen von Lesern und Fans haben.

 

Vielen von ihnen wird es unter Umständen ähnlich gehen wir mir: Viele hatten so wie ich leider nie das Glück, ihn persönlich kennen lernen zu dürfen, doch wissen wir alle, dass uns seit dem 11. Mai 2001 irgend etwas fehlt.

Wir vermissen dich, Douglas.

 

So long, and thanks for all the fish.

 

 

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Erstellt: 06.11.2005, zuletzt aktualisiert: 15.09.2019 17:26