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Lost Girls – Verlorene Mädchen

Alan Moore fragt den Comic nicht zum ersten Mal:

»Wann wirst Du endlich erwachsen?«

 

Redakteur: Christian Endres

 

Träume, verloren zwischen gesellschaftlicher Scheinmoral sowie Spitze und Seide, wiedergefunden auf nackter, schweißgetränkter Frauenhaut – und zwar auf einer opiumwolkenverhangenen Insel der Lust irgendwo zwischen Nimmerland, Oz und dem Wunderland. Und auf Papier. Genauer gesagt in der deutschen Ausgabe von Alan Moores und Melinda Gebbies pornografischem Erwachsenencomic-Highlight Lost Girls...

 

Ein wunderschön gestalteter Schuber, drei Hardcover im Überformat, weißes Leinen mit Goldprägung und Schutzumschlag, ein angemessener, aber doch recht stattlicher Preis - sieht so ein schmuddeliger Comic-Porno aus? Sicher nicht. Was nun nicht automatisch heißen soll, dass Alan Moores und Melinda Gebbies erotischer Comicbrocken in drei Akten keine Pornografie ist. Das wäre schlichtweg falsch. Denn Lost Girls ist trotz seiner Wurzeln in den Märchenreichen der großen eskapistischen Kinderbuchklassiker des 19. Jahrhunderts so pornografisch wie der Papst katholisch. Doch wenn Lost Girls schon Pornografie ist, dann wenigstens von der literarischen, der anspruchsvollen Sorte. Dass es letzteres gibt, beweist Comic-Schwarzmaler Alan Moore de facto auf jeder der über 330 Seiten des faszinierenden Werkes, das auf der schmalen, scharfen Klinge zwischen brillanter Kunst und abartigem Schund tanzt.

 

In den Episoden um seine verlorenen Mädchen aus den Romanklassikern – inzwischen allesamt mehr oder minder gereifte Frauen – betreibt der britische Star-Autor glücklicherweise keinen ebenso billigen wie schnellen Voyeurismus der grellen Internet-Popkultur. Moore verpackt die sexuellen Fantasien und Ausschweifungen seiner Protagonistinnen in einer gewohnt hochliterarischen Hülle, die sich ebenso wie die Aufmachung der Bände definitiv sehen lassen kann (und die ungeachtet des vermeintlichen Comic-Sittenverfalls ein gewisses Fundament des Anspruchs legt).

 

Doch mal ehrlich: Hätte man von Alan Moore und einer Gesamtentstehungszeit von knapp sechzehn Jahren etwas anderes erwartet? Moore, das ist immerhin jener 1953 in Northhampton, England geborene Comicgott, der sich durch Arbeiten wie Swamp Thing, Watchmen, V wie Vendetta, Batman: The Killing Joke oder From Hell ab den 1980ern selbst zum einflussreichsten aller zeitgenössischen Comic-Autoren machte. Schon zu Lebzeiten ist Moore eine echte Legende: was er anpackt, wird auch weit über die sonst üblichen Kreise hinaus eifrig diskutiert und besprochen – und zu guter letzt meist als große Kunst geadelt, nicht selten sogar als zeitloser Meilenstein des (nicht immer nur) grafischen Erzählens.

 

Und dennoch. Lost Girls ist ohne Frage explizit und überschreitet regelmäßig die Grenzen des guten Geschmacks, bricht mit so ziemlich jedem Tabu und hält nicht viel von gutem Anstand. Weder Wendy, noch Alice oder Dorothy werden je wieder sein, was sie zuvor einmal gewesen sind – ja, die drei großen Jugendromane werden bei neuerlicher Lektüre definitiv nie mehr ganz das sein, was sie zuvor für einen gewesen sind. Was da als erotischer Kunstcomic in ungemein ausdrucksstarken Bildern von Melinda Gebbie daher kommt, ist unterm Strich nun mal über weite Strecken stark pornografisch und oftmals jenseits von Gut und Böse - aber es ist eben alles auch verdammt gut, eine königliche Inszenierung der lustvollen Verderbtheit – eine sexuelle Loslösung in einem abgeschotteten Refugium, in dem die Vergangenheit verarbeitet und die Zukunft so lange wie möglich – ganz traditionell, ganz eskapistisch – fern gehalten wird.

 

Thomas Manns »Zauberberg« trifft Frank L. Baum (Dorothy - hierbei vor allem die Musical-Variante des ersten und bekanntesten Oz-Romans), Lewis Carroll (Alice) und J. M. Barrie (Wendy). Das nicht nur von Mann genutzte Setting eines alpinen Hotels hoch über den Problemen der alten Dame Europa kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sowie die weiblichen Protagonistinnen aus den Kinderbuchklassikern prägen die Ausgangssituation der freizügigen Graphic Novel, in deren Subtext neben all dem hemmungslosen Kopulieren auch gesellschaftliche, moralische und existenzielle Themen behandelt werden – erfrischenderweise weit weniger versteckt und anstrengend als in anderen seitenstarken Comic-Monstern des Briten.

 

Die eigenwillig, aber sehr schön illustrierte Geschichte der Lost Girls erzeugt ab dem zweiten Kapitel einen gewaltigen Sog. Weniger die freimütigen Sex-Darstellungen, als viel mehr die Dialoge und das ganze Konstrukt aus unterdrückten und andernorts hemmungslos ausgelebten Gefühlen und Wünschen samt der „Neuinterpretationen“ der Kinderbuchklassiker fesseln den Leser. Und natürlich ist Lost Girls auch handwerklich ein großartiger, ganz raffiniert gemachter Comic - ein narrativ ungemein dicht und klug erzähltes Meisterwerk mit abwechselnd subtilen oder schonungslosen Bildern und Querverweisen, das den literarischen Klassikern um Oz und das Nimmerland eine ganz neue Note gibt, während Moore und Gebbie mit Schattenspielen an der Wand schablonenhaften Oralsex stilisieren und gleichzeitig die Tristesse des Ehelebens an den Pranger stellen.

 

So ist das eben mit Lost Girls: Man nimmt den gleichgeschlechtlichen Sex, das allgegenwärtige Masturbieren und die im dritten Band schier überpräsente Sodomie in der weißen Bibel freilich stets wahr - man müsste blind sein, täte man es nicht – doch durch den Zusammenhang, in den Moore all die Lasterhaftigkeit einbettet, wirkt das gesammelte pornografische Material keineswegs plump. Man sollte die Geschichte natürlich nicht übersymbolisieren und ihren wahren, erotisch-pornografischen Kern somit retuschieren - aber dass der tabulose, enthemmte Sex nicht ausschließlich allein um seiner selbst Willen dargestellt wird, sollte bei einem bekannten Subtext-Prediger wie Moore wohl offenkundig sein.

 

Wie schon die viktorianische Gesellschaftsstunde From Hell, so hat auch Lost Girls seinen Ursprung in Stephen R. Bissettes Taboo, genau genommen der Nummer 5 aus dem Jahre 1991 (richtig: das war jene Indy-Anthologiereihe von jenem Steve Bissette, mit dem Moore den literarischen Horrorcomic durch ihr gemeinsames Wirken an Swamp Thing – schon damals mit unvergesslich psychodelischen Pflanzensexszenen! – auf immer verändert hatte). Und nachdem Moore und Gebbie ein Jahr nach Veröffentlichung der US-Gesamtausgabe bei Top Shelf einander im Juni 2007 sogar das Ja-Wort gegeben haben, liegt das beachtliche Comicwerk in drei Bänden nun endlich auch auf Deutsch vor, bereit, den deutschem Publikum passend zum Comic Salon in Erlangen präsentiert zu werden.

 

Moore und Gebbie ist zweifellos gelungen, was der exzentrische Comicfreak aus Northampton sich von Beginn an auf die Fahne geschrieben hatte: Moore wollte das Niveau der Pornografie heben, ihren Hintergründen (ein wichtiger Bestandteil von Lost Girls) den Anspruch lehren und ihr damit letzten Endes mehr Substanz zu verleihen, um den Porno als Genre voran zu bringen. Insofern bleibt der erste Eindruck bestehen und bestätigt die Empfindungen, welche die schöne Hardcover-Aufmachung direkt weckt: Pornos gibt es andernorts billiger und weniger anspruchsvoll, dafür aber auch um einiges schlechter. Wer allerdings Intellekt und Sexualität miteinander ringen und von einem wahren Meister seines Faches literarisch (und in jeder erdenklichen Hinsicht hemmungslos) vermengt sehen möchte, der lässt sich von Moores und Gebbies Meisterwerk über die Insel der verlorenen Mädchen mit großem Staunen hinter die bittersüßen Scheinmoralitäten des Lebens führen.

 

Und wer nach all den Jahren tatsächlich immer noch glauben sollte, dass Comics reiner Kinderkram sind und die geschlechtslos anmutenden Superhelden-Recken das Maß aller Dinge sind - bitte sehr.

 

Viel Spaß mit Lost Girls.

 

Und wie schon gesagt: Das große Staunen ...

 

 

Eure Meinung:


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Lost Girls

Lost Girls

 

von Alan Moore & Melinda Gebbie

3 Hardcover-Alben

im Schuber, 336 Seiten

ISBN: 978-3-936480-00-9

 

Cross Cult, erhältlich ab Mai 2008

(Premiere auf dem Comic Salon

in Erlangen, 22. bis 25. Mai)

 

Lost Girls bei Cross Cult

 

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 05.05.2008, zuletzt aktualisiert: 26.01.2015 19:52