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Von Mäusen und Mutanten

Redakteur: Olaf Kieser

 

Habt ihr was gemerkt? Mitten in der Krise hatte man bei der Walt Disney Company entschieden, mal richtig Geld auszugeben. Für vergleichsweise schlappe 4 Mrd. US-Dollar erwarb man den Comic-Giganten Marvel. Zu den bekanntesten Figuren des Verlages gehören Spiderman, die X-Men, Wolverine, Iron Man und die Fantastic Four. Wie kam es dazu? Und was bedeutet das für die Fans von Spiderman und Co.? Die folgende messerscharfe Analyse gibt einige interessante Antworten und wagt einen Blick in die Zukunft.

 

War Marvel durch die Krise zu einem Not leidenden Comicverlag geworden, der sich gegen eine Übernahme nicht wehren konnte? Glaubt man den Finanzexperten, so war das eindeutig nicht der Fall. Beispielsweise berichtete die Financial Times Deutschland von gut laufenden Geschäften und erhöhten Gewinnprognosen bei Marvel für 2009. Das war nicht immer so. Noch Mitte der 90er Jahre stand der Verlag vor dem endgültigen Aus. Von der Fast-Pleite hat sich Marvel inzwischen gut erholt und mittlerweile in ein „Mini-Disney“ verwandelt. Der Verlag hält die Rechte an rund 5000 Figuren. Darunter befinden sich Helden und so manche Anti-Helden. Zu letzteren zählen beispielsweise der Punisher (ein fanatischer Verbrecherjäger und eindeutiger Befürworter von Selbstjustiz), der Ghost Rider (ein Dämonen und Unholde jagender Dämon) und sogar der so beliebte Wolverine (neigt zu Wutausbrüchen und tötet schon mal Gegner). Dazu kommen noch ein Haufen fieser Schurken. Marvels Figuren besitzen oft einen gewissen Anteil von Realismus. So muss z.B. der nette Spiderman sich nicht nur mit Schurken prügeln, er hat auch Liebeskummer, muss studieren und die Miete auftreiben. Ein zentrales Thema bei den X-Men ist Rassismus. Viele Figuren sind gespalten oder haben Schwächen ( Iron Man Tony Stark ist bzw. war Alkoholiker) und wirken daher modern und glaubwürdig. Das große Geld macht Marvel aber längst nicht mehr nur mit dem Verkauf von Comics. Kinofilme, DVDs, Computerspiele und allerlei Merchandising sorgen für einen anhaltenden warmen Geldregen für den Verlag. Die Finanzpresse beurteilt die Übernahme insgesamt recht positiv. Zwar seien 4 Mrd. Dollar für Superhelden viel Geld, doch könnte der große Mediendeal Hoffnung bei der angeschlagenen Branche wecken, so die FTD. Disney, schon vor dem Deal der größte Medienkonzern der Welt, wächst nun noch weiter und enteilt der Konkurrenz zunehmend.

 

Warum sollten es aber ausgerechnet die derzeit grimmigsten Superhelden sein? Mit dem Kauf von Marvel schließt Disney eine weitere bedeutende Lücke in seiner Produktpalette. Zunächst hatte man ja das freche Pixar dem Konzern zugeführt. So erlangte Disney wieder die verloren gegangene Führungsrolle im Animationsbereich. Disney gebietet neben Mäusen und Enten auch über zahlreiche Prinzessinnen. Viele sind gezeichnet (Cinderella, Arielle, Kim Possible...) und ein paar, wie Hannah Montana, gibt es wirklich. Das spricht aber vorwiegend Mädchen an und bietet gefahrlose und in der Regel leicht konsumierbare Familienunterhaltung. Die Jungs blieben ein wenig außen vor. Marvels Comics werden dagegen besonders von Jungen und Teenagern bis hin zu Thirtysomethings gelesen und gekauft. Das ist ein Publikum, auf das Disney bisher eher weniger Zugriff hatte. Andererseits werden die meisten von Marvels Comics eher weniger von kleinen Jungs und Mädchen gelesen. Das ist schon mal eine gute Ausgangsbasis, doch es geht noch weiter. Bei weiteren Marvel-Verfilmungen könnte Disney seine ausgereifte 3D-Technologie einbringen. Oder warum nicht gleich mit Pixar einen CGI-Superheldenfilm machen? Mit The Incredibles hat das Studio vor ein paar Jahren schon erste positive Erfahrungen in dem Bereich gesammelt. Auf jeden Fall hat die Vermarktungsmaschinerie von Disney viel neues Futter bekommen.

 

So viel zu den wirtschaftlichen Aspekten des Deals. Als Comicleser stellt man sich jedoch wahrscheinlich ganz andere Fragen bezüglich der zukünftigen Entwicklung seiner Lieblingsserien.

Darf man sich nun auf gewagte Crossover freuen? Wird Spiderman nun mit den Panzerknackern zu tun bekommen? Könnte Dr. Doom die Herrschaft über Entenhausen an sich reißen? Wird Dagobert Duck der reichste Mann . . . äh . . . Erpel des Marvel-Universums?

 

In Internet-Foren wird die Übernahme natürlich kontrovers von Fans und Insidern diskutiert. Dabei herrschen im wesentlichen zwei entgegengesetzte Meinungen vor. Gruppe A ist sich ziemlich sicher, dass Disney stark bei Marvel eingreifen und die geliebten Comics disneyfizieren wird. Es wird befürchtet, dass man kontroversen Figuren oder Serien mit geringer Auflage ein rasches Ende bereitet. Disney steht schließlich familienfreundliche Unterhaltung und wird folglich alles den eigenen Vorstellungen anpassen. Tatsächlich haben gerade die beiden großen Comicverlage DC und Marvel so etwas immer wieder mal gemacht, wenn man sich einen kleineren Verlag einverleibte. Bei DC zog man einst der subversiven Superheldenserie The Authority vom gerade übernommenen Wildstorm-Verlag den Zahn. Ein rabiates Superheldenteam mit zwei offen schwulen Mitgliedern, sexuell kompromittierende Situationen und die handstreichartige Übernahme der Kontrolle über die USA waren eindeutig zu viel. Die Serie gibt’s zwar noch, sie ist aber nur noch ein Schatten ihrer selbst. Laura Hudson vertritt auf comicsalliance.com die entgegengesetzte Position, kommt also eher aus Gruppe B. Sie rät dazu, den Ball flach zu halten. Hudson verweist darauf, dass Disney Pixar auch nicht an die kurze Leine genommen hätte. Das kleine Studio hat weitgehende Autonomie. Auch mische der Konkurrent Time Warner sich kaum bei seinem Comic-Verlag DC ein.

 

Tatsächlich spricht wirklich einiges dafür, dass Disney die Dinge bei Marvel zumindest im Bereich Comic weitgehend laufen lassen wird. Man kann sich nämlich einen Spiderman- oder X-Men-Film ansehen, ohne jemals einen Comic der jeweiligen Figur bzw. Serie in der Hand gehalten bzw. gelesen zu haben.

 

 

 


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Erstellt: 11.11.2009, zuletzt aktualisiert: 26.01.2015 22:52