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Leseprobe des kommenden Romanes "Atlantis" von Ulrike Jonack:

Was bisher geschah:

Das terranische Galaxy Ship 2, die „Explorer“, ist schon seit geraumer Zeit in einem langweiligen Sektor unterwegs. Mit an Bord: Zwei Kara, Bewohner des Planeten Warén, die in einer Art Forschungsausstausch als Lernende auf die „Explorer“ kamen. Mit ihrer vernunftbetonten Art nerven Imnoi und Mit‘Xitlan alle an Bord: Captain Michaela Brauer, den Ersten Offizier Jason Boor… nur der Arzt Leonard Cohen, der als Kara-Spezialist gilt, scheint dagegen immun. Möglicherweise, weil er eine Zeitlang auf Warén war. Aber auch Brauer war dort und leidet trotzdem. Vielleicht ist es auch die Monotonie des bisherigen Fluges, die sie erschöpft, oder die harmlose aber lästige Mars-Grippe. Cohen jedenfalls hat ihr erstmal eine Pause verordnet und als guter Freund leistet er ihr dabei ein wenig Gesellschaft…

 

Michaela lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch. „Das war zuviel“, stellte sie fest.

„Du wolltest eine zweite Portion!“ erinnerte Leonard.

„Ich weiß, aber die Soße war einfach zu gut.“

„Du ißt Pasta doch mit jeder Soße“, erwiderte Leonard Cohen und räumte das Geschirr in die Spüle.

„Nicht mit jeder“, widersprach die Frau und streckte sich gähnend. „Außerdem hättest du ja nicht zwei Portionen für mich mitbringen brauchen.“

Leonard Cohen setzte sich in den Sessel Michaela gegenüber und versuchte, beleidigt auszusehen. „Ich bin also Schuld, wenn du dich überfrißt!“

Michaela lächelte. „Gib’s auf, Leo! Ich weiß, daß du nicht böse auf mich sein kannst.“

„Das stimmt“, gab Cohen zu und seufzte. „Das ist insofern bedauerlich, daß ich auch nicht richtig wütend werden kann, wenn du meine Anweisungen ignorierst.“

„Ach nein?“ staunte Michaela.

„Nein. Dann würde ich dir nämlich den Hintern versohlen und dich im Bett festbinden, damit du dich ausruhst!“

Die Frau schnappte theatralisch nach Luft. „Wie redest du denn mit deinem Captain?!“

„Wie ich es für richtig halte“, erwiderte der Arzt und grinste. „Du hättest ja den Antrag der Waréner ablehnen können. Dann wäre ich auch nicht hier und könnte dich nicht ärgern.“

„Mooment!“ widersprach Michaela und setzte sich aufrecht hin. „Was heißt hier Antrag? Das Flottenkommando hat mir die beiden ins Schiff gesetzt.“

Leonard Cohen zog die Augenbrauen zusammen. „So?“

„Ja!“ beteuerte die Frau.

„Das ist ja ’n Ding! Ich habe von den Kara gehört, daß sie um dein Einverständnis gebeten haben, auf die ,Explorer‘ kommen zu dürfen.“

„Ich bin nie gefragt worden. Ich hab nur ’n Befehl gekriegt. – Und sie wollten wirklich auf mein Schiff?“

„Ich hab mich schon gewundert, wieso du die Waréner an Bord nimmst, wenn du sie nicht leiden kannst.“

„Wer sagt denn, daß ich sie nicht leiden kann?“

„Ach komm!“ winkte Cohen ab. „Ich kenne dich gut genug, um zu sehen, daß du mit den Kara nicht klarkommst. Wenn ich auch nicht verstehe, weshalb. Du müßtest doch mit ihrer Art besser vertraut sein, als jeder andere hier an Bord. Außer mir vielleicht“, fügte er hinzu.

Michaela antwortete nicht. Sie fixierte einen Punkt irgendwo hinter dem Mann. Cohen drehte sich unwillkürlich um. „Was ist da?“

Brauer schrak auf. „Was?“

„Du warst eben ziemlich weit weg.“

„Ich … “ Sie schüttelte sich wie unter einem Kälteschauer. Sofort war der Arzt bei ihr.

„Mir war, als riefe jemand nach mir“, murmelte Brauer.

Cohen legte ihr prüfend die Hand auf die Stirn. „Deine Temperatur ist gestiegen“, stellte er fest. „Du legst dich sofort hin!“

Michaela Brauer nickte kraftlos. Sie stand auf und tappte ins Schlafzimmer.

Der Arzt beobachtete sie besorgt. „Ich werde dir was holen“, sagte er. „Micha? Hörst du?“

Michaela brummte etwas und ließ sich auf das Bett fallen. Noch ehe Cohen das Quartier verlassen hatte, war die Frau eingeschlafen.

 

Mit’Xitlans Oberkörper wiegte sich im Rhythmus einer unhörbaren Melodie. Das Öllicht verbreitete einen betäubenden Duft und das Funkeln des Kristalls verlangte nach Aufmerksamkeit.

Imnoi hatte Mühe, sich auf Mit’Xitlan zu konzentrieren. Er versuchte, etwas von dem zu sehen, was in dem Freund vorging. Er erkannte Anstrengung und wußte nicht, ob es seine eigene war. Fiebrige Hitze stieg auf. Ein schwarzer Schlund öffnete sich, sog an der Wirklichkeit. Gierige Hände griffen nach Imnois Bewußtsein, forderten Vereinigung.

Instinktiver Widerstand. Der Strudel verlor an Kraft, glättete sich und spiegelte gelbe Augen. Unschuldig fragende Augen, auf die Imnoi keine Antwort wußte. Ein Lidschlag löschte auch das.

Dann herrschte Stille. Licht sickerte ein. Flacher Atem. Imnoi sah Mit’Xitlan zu Boden gesunken. Wollte zu ihm, taumelte. Fiel.

Mit’Xitlan hob den Kopf. Er sah zu Imnoi. „Es ist in mir“, hauchte er.

Imnoi rappelte sich auf. Er half dem Freund beim Aufstehen.

„Es ist in mir“, wiederholte Mit’Xitlan etwas fester.

Imnoi nickte stumm.

„Ich weiß nicht, was es ist“, erklärte Mit’Xitlan. Er stand nun wieder ganz sicher. „Aber ich kann es kontrollieren.“

Imnoi hob skeptisch eine Braue. „In der Steuerzentrale hatte ich zweimal das Empfinden, du verlörest die Kontrolle.“

Mit’Xitlan löschte endlich das Öllicht und schlug den Kristall in das Zeremonientuch ein. Dann verließ er den kleinen Altarraum. In der Tür wandte er sich um und sagte: „Es geschah öfter. Diese beiden Male, von denen du sprichst, bemerkte ich es nur zu spät, um rechtzeitig zu reagieren.“

Imnoi musterte Mit’Xitlan. „Dir ist klar, daß es in das Bewußtsein des Ersten Offiziers eingedrungen war?“

„Es schadete ihm jedoch nicht“, verteidigte sich Mit’Xitlan.

„Das kannst du nicht einschätzen!“ wies Imnoi ihn zurecht. „Die Unversehrtheit der Psyche der Menschen ist nicht mit unserem Maß zu prüfen. Und selbst wenn du recht hast, bleibt doch bedenklich, daß der kommandierende Offizier für eine Spanne von Minuten ohne bewußte Kontrolle über sein Denken war! Hätte er in dieser Zeit eine Entscheidung treffen müssen, hätte er vermutlich versagt. Das kann unter Umständen den Untergang des Schiffes bedeuten.“

Mit’Xitlan schwieg betreten. Er setzte sich auf einen Schemel.

„Wir sollten mit Dr. Cohen sprechen“, schlug Imnoi vor und setzte sich ebenfalls.

„Worüber? Er wird nichts finden, wo wir selbst nicht hinsehen können.“

„Schon möglich. Aber du wirst alle Kraft brauchen, um das, was in dir ist, unter Kontrolle zu behalten. Dr. Cohen kann dich als krank einstufen, wodurch keine weitere Erklärung notwendig wird für deine Abwesenheit von unserem regulären Ausbildungsprogramm.“

„Er wird wissen wollen, warum er mich als krank einstufen soll. Er wird eine Untersuchung vornehmen.“

Imnoi lächelte. „Was sollte er finden, wo wir selbst nicht hinsehen können?“ zitierte er den Freund. „Behaupte, du fühltest dich schwach! Und wenn wir nicht bald eine Lösung finden, wird das nicht lange eine Lüge bleiben. Es wird auf jeden Fall genügen, um dem Arzt Krankheit vorzutäuschen.“

„Ja. Menschen sind mit Worten leicht zu manipulieren“, erwiderte Mit’Xitlan und stand auf. „Ich werde sofort zu ihm gehen.“ Er zögerte. Es schien, als warte er auf eine Bemerkung Imnois, die ihn zurückhalten könnte. Doch Imnoi schwieg.

 

Michaela Brauer erwachte von einem Moment zum anderen und fühlte sich tatendurstig. Alles um sie herum schien klarer, frischer als vor Stunden. Obwohl die Frau wußte, daß das nur Einbildung sein konnte, genoß sie diese Atmosphäre. Sie duschte ausgiebig, buk sich zwei Croissants auf und aß vergnügt. Dann beschloß sie, zu lesen. Vorher jedoch wollte Michaela Brauer nur mal schnell in der Zentrale nach Neuigkeiten fragen.

Am Komm-Pult dort tat mittlerweile David Seton Dienst. Der stille, immer ein wenig geheimnisvoll lächelnde Engländer reagierte etwas verwundert, als Brauer ihn bat, nicht erst den Kommandierenden Offizier zu stören, sondern einfach eine Verbindung zum automatischen Zentralen-Logbuch herzustellen. Doch offenbar hatte Wildor Aslan bemerkt, daß Seton mit dem Captain sprach, denn er schaltete sich in das Gespräch ein.

„Kann ich Ihnen helfen, Sir?“ fragte der Zweite Offizier und sah dabei auffällig unauffällig zur Uhr.

Michaela schmunzelte versteckt. Vermutlich war Aslan schon von Leonard gewarnt worden, daß sie sich nicht an die verordnete Dienstpause halten würde. Äußerlich blieb Brauer jedoch ernst und fragte nach dem Stand der Erkundung des Asteroiden.

Wildor Aslan sah auf irgendein Instrument rechts von ihm, was auf Brauers Komm-Schirm den Eindruck erweckte, der Zweite Offizier weiche ihrem Blick aus. „Wir zeichnen noch immer die Daten der Vorab-Sonde auf“, antwortete Aslan auf Brauers Frage. Er schaute jetzt links am Captain vorbei. „Die ersten decodierten Bilder deuten jedoch bereits auf künstliche Strukturen auf der Oberfläche des ehemaligen Planeten hin.“

„Des … “, setzte Michaela zu einer Frage an, doch Aslan drehte sich zu jemandem um, den Brauer nicht sehen konnte. Sie hörte im Hintergrund eine verblüffte Stimme. Dann wandte sich Aslan wieder ihr zu und sagte: „Der Satellit des ehemaligen Planeten wurde soeben als metallische, oberflächlich verschlackte Konstruktion identifiziert, Sir. Die Sonde hat im Innern des Satelliten schwache Reststrahlungen atomarer Energien messen können.“

Brauer runzelte die Stirn. Wieso wunderte sie sich nicht über diese Nachricht?

Aslan wartete. Über die Komm-Leitung drang die gedämpfte Stimme des Copiloten, der irgendwem irgendwelche Daten ansagte.

„Ich komme vorbei“, sagte der Captain schließlich.

Fünf Minuten später stand Michaela Brauer neben dem Zweiten Offizier am Sensorpult. Ihr Atem verriet noch, daß sie gelaufen war. Sie studierte die Anzeigen, sah sich die Aufzeichnungen an und hob immer wieder die Brauen.

Wildor Aslan war einen Schritt zurückgetreten, als wollte er dem Captain nicht im Weg stehen.

Brauer drehte sich um, so plötzlich, daß Aslan zusammenzuckte. Sie spießte mit dem Zeigefinger in Aslans Richtung. „Wissen Sie, was wir da vor unserm Bug haben?“

Der Zweite Offizier nickte unschlüssig. „Einen ehemaligen Planeten mit einem künstlichen Satelliten, Sir.“

„Mit einer künstlichen Sonne!“ korrigierte ihn die Frau strahlend. „Was bedeutet, daß der Planet bewohnt gewesen sein muß!“ Ohne Wildor Aslans Entgegnung abzuwarten, wandte sich Brauer an den Copiloten. „Versuchen Sie herauszubekommen, wann die Sonne zerstört worden ist!“

Andreas McCullogh sah sie verwirrt an. „Ich fürchte, dazu haben wir viel zu wenige Anhaltspunkte, Captain.“

„Dann lassen Sie sich etwas einfallen, Mr. McCullogh!“ erwiderte Brauer ohne Vorwurf. „Zur Not müssen Sie eben sehen, ob schon einer der Spezialisten wach ist und Ihnen helfen kann.“

McCullogh sah möglichst unauffällig zur Uhr. Es war mitten in der Nacht und damit recht unwahrscheinlich, daß einer der Wissenschaftler ansprechbar war.

„Mr. Aslan?“ war Brauer schon beim nächsten. „Wir beide versuchen inzwischen, auf der Oberfläche des Planeten Anzeichen für eine ehemalige Besiedlung zu finden.“ Und sie verschwand mit dem Zweiten Offizier im Captainsraum.

 

Jason Boor war ungewöhnlich früh aufgewacht und deshalb schon weit vor Dienstbeginn auf dem Weg zur Zentrale. Er plante, den Zeitvorsprung zu nutzen, um sich mit dem Material der Vorab-Sonde vertraut zu machen. Wenn er es an die Spezial-Abteilungen herausgab, wollte er schon ein paar Fragen an die Fachleute formuliert haben. Vielleicht bot sich der Planetoid ja für die Installation einer Basis an. Obwohl für solche Zwecke natürlich ein energiespendender Stern in der Nähe besser wäre.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat der Erste Offizier in die Steuerzentrale. Er erwartete nicht, die Pulte am Ende der Nachtschicht optimal besetzt vorzufinden, aber daß nur der Steuermann und ein Copilot im Dienst waren, ließ ihn die Stirn runzeln. Etwas verärgert trat Jason Boor an die Navigationskonsole. Sie war aktiviert.

„Was soll das?“ fragte Boor ungnädig.

„Solana ist eben mal beim Captain“, antwortete Friedbert Müller vom Steuerpult her.

Boor sah ihn irritiert an. „Beim Captain?“

„Ja“, bestätigte Müller. „Im Bereitschaftsraum. Es geht wohl um einen Kurs, der … “ Er unterbrach sich, weil Boor schon in den Captainsraum eilte.

„Ah, Mr. Boor!“ empfing ihn Brauer. „Guten Morgen! Sie sind ja überpünktlich heute.“

„Ich hatte nicht erwartet, Sie im Dienst anzutreffen, Captain“, erwiderte Boor, reichte dabei Aslan grüßend die Hand und nickte Lorena Solana zu.

„Ich konnte nicht schlafen“, erwiderte Brauer obenhin. „Außerdem ist das hier viel interessanter, sehen Sie!“

Lorena Solana hüstelte.

„Ach ja!“ fiel dem Captain ein. „Der Kurs! Also machen Sie es so, wie es Mr. Aslan eben vorgeschlagen hat! Und geben Sie die Daten samt Zeitindizes bitte auch an die einzelnen Abteilungen, damit die ihre Untersuchungen darauf abstimmen können.“

„Aye, Sir“, antwortete Solana und verschwand.

Boor sah ihr einen Moment lang nach und fragte sich, ob er sich im Dienstplan irrte oder ob die Frau ebenfalls zeitiger erschienen war.

„Sehen Sie!“ unterbrach Brauer Boors Gedanken. „Die Daten der Vorab-Sonde belegen eindeutig, daß der Satellit ursprünglich so was wie eine künstliche Sonne gewesen sein muß. Und zwar wurde in seinem Inneren Energie erzeugt und diese dann auf der dem Planeten zugewandten Seite abgestrahlt. Vermutlich. Und hier“, Brauer wies auf Sondenbilder der Planetenoberfläche, „können Sie noch die alten Strukturen einer großen Stadt und einiger Randsiedlungen erkennen.“ Sie verschränkte die Arme und sah Boor an. „Na, was halten Sie davon?“

„Das ist … “, murmelte Boor noch einigermaßen überrascht, „… ziemlich interessant.“

„Interessant??“ wiederholte Brauer. „Es ist faszinierend!“

Boor sah den Zweiten Offizier lächeln.

„Sie haben doch gleich Dienstschluß, Mr. Aslan“, fiel dem Captain plötzlich ein. „Ich will Sie nicht um Ihre verdiente Ruhe bringen. Jetzt, wo Mr. Boor hier ist, können Sie ruhig gehen.“

Aslan nickte und verabschiedete sich. Das heißt: Er wollte sich eben verabschieden, als Leonard Cohen in den Bereitschaftsraum gestürzt kam. Der Arzt baute sich vor Michaela Brauer auf, stemmte die Arme in die Seiten und sah die Frau streng an.

„Moment!“ kam Brauer ihm zuvor. „Ich habe die offizielle Erlaubnis von Tian, wieder Dienst zu tun.“

„Wann hast du denn mit ihm gesprochen, he?“ pulverte Cohen.

Michaela Brauer zwang sich zur Ruhe. „Heute morgen.“

„Da hat Bo sicher noch halb geschlafen!“ behauptete der Arzt. „Sonst hätte er dich wenigstens zu einer Untersuchung gebeten!“

Brauer schwieg. Sie musterte Cohen mit dem zurechtweisenden Blick des Ranghöheren, der dem Untergebenen noch die Chance einräumt, von allein zum richtigen Ton zurückzufinden.

Cohen ignorierte diesen Blick. „Außerdem bin ich dein behandelnder Arzt, und ich entscheide, wann du wieder fit bist! Nicht Dr. Tian! Und wenn er hundertmal der Chefarzt ist! Hab ich mich klar ausgedrückt?“

„Glasklar, Dr. Cohen“, antwortete Brauer eisig. „Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie helfen?“

Der Arzt setzte zu einer heftigen Entgegnung an, schüttelte dann aber nur den Kopf, sagte: „Nein, Sir!“ und stakte trotzig aus dem Zimmer.

Wildor Aslan huschte hinter ihm ebenfalls hinaus und ließ Brauer und Boor in der betretenen Stille zurück. Michaela Brauer atmete tief durch und entspannte sich.

„Er macht sich nur Sorgen um Sie, Captain“, sagte Jason Boor.

Brauer nickte. „Ich weiß.“ Sie setzte sich auf ihren Platz hinter dem Schreibtisch.

Boor ließ sich ihr gegenüber nieder. „Gestatten Sie ein offenes Wort?“

„Sicher!“

„Der Asteroid … “, begann Boor.

„Planet!“ korrigierte Brauer.

„Also der Planet ist sicher eine interessante Entdeckung und verspricht weitere interessante Entdeckungen, aber … Was haben Sie davon, wenn Sie mitten in der Arbeit wegen Erschöpfung ausfallen, Sir?“

Eine Sekunde lang starrte Brauer ihren Ersten Offizier sprachlos an. Dann lächelte sie und nickte. „Sie haben recht, Jason. Und auch Leonard ist zu Recht verärgert. Aber erstens bin ich nicht so krank, wie er tut. Zweitens ist die Fernerkundung des Planeten nicht so anstrengend, daß man dabei ins Koma fallen könnte, und drittens entschuldigt auch noch so tiefe Freundschaft nicht den Ton, den er gegen mich als Captain angeschlagen hat. Aber danke für Ihren Rettungsversuch. – So, nun zum aktuellen Thema! Da der Planet in der Tat interessant ist, möchte ich, daß Sie mit einem Landetrupp hinunter gehen, sobald wir in annehmbarer Nähe sind. Schauen Sie sich die Bilder an und sagen Sie mir, wo Ihrer Meinung nach der beste Landeplatz wäre!“

 

Imnoi war gerade im Begriff, zur Steuerzentrale zu gehen, als Mit’Xitlan vom Arzt zurückkehrte. Cohen hatte den Waréner gestern abend gebeten, vor der Tagschicht noch einmal zu einer Untersuchung zu kommen, um eine wie er meinte exakte Diagnose als Krankschreibungsgrund in die Akten eintragen zu können. Jetzt, als Mit’Xitlan in das Quartier der Kara trat, wußte Imnoi, daß irgend etwas schiefgelaufen war.

„Cohen weiß, daß dein Problem mentaler Natur ist“, nahm er an.

Mit’Xitlan schüttelte den Kopf und trat in die Kochnische, um einen Schluck Wasser zu trinken.

„Was glaubt er dann, festgestellt zu haben?“

Mit’Xitlan spülte das Glas aus und stellte es in den Trockner. „Dr. Tian erschien während der Untersuchung. Er führte die Tests zu Ende. Cohen ging. Er schien wütend zu sein.“

Imnoi lächelte innerlich. Er konnte sich vorstellen, wie Leonard Cohen auf so plumpe Einmischung in seine Arbeit reagiert hatte. Ein anderer Teil von Imnois Gedanken registrierte, daß Tians Erscheinen nicht alles gewesen war, was nicht geplant gewesen war.

„Dr. Yongbo Tian“, erklärte Mit’Xitlan, während er die warénische Robe gegen Hemd und Hose des terranischen Standards tauschte, „stellte diverse Ungewöhnlichkeiten bei den ermittelten Daten fest, interpretierte sie jedoch als in der Norm liegend und erteilte mir Diensterlaubnis.“

„Versuchtest du, ihn davon zu überzeugen, daß du dich nicht einsatzfähig fühlst?“

Mit’Xitlan nickte. „Und ob!“

Imnoi hob eine Braue, irritiert über die untypische Deutlichkeit, mit der Mit’Xitlan seine Gefühle zeigte. „Mit welchem Ergebnis?“ erkundigte er sich.

„Tian meinte nur, ich würde das schon überstehen.“ Mit’Xitlan klang frustriert. „Er sagte, ich könnte es ja mal mit einem Tee versuchen, den ich im Nahrungsmittelspeicher unter der Nummer 237-89c finden könnte. Ich habe auf dem Weg hierher nachgesehen: Es ist ein terranischer Pfefferminztee mit Hibiskusblüten. Für therapeutische Zwecke wenig wirkungsvoll.“ Er sah zur Uhr. „Wenn wir noch pünktlich sein wollen, müssen wir jetzt gehen.“

„Wirst du die Kontrolle behalten können?“ fragte Imnoi.

Mit’Xitlan hob die Schultern. Wieder eine Geste, die Imnoi bei dem Freund noch niemals gesehen hatte. „Ich werde müssen. Der Teil meiner Gedanken, den ich frei haben werde, genügt sicher, um in der Zentrale nicht aufzufallen. Die Leistung menschlicher Lernender erreiche ich damit. Es sollte genügen, um Normalität vorzutäuschen.“

Imnoi nickte, obwohl er daran zweifelte. Den Piloten und dem Ersten Offizier mochte Mit’Xitlan erfolgreich den Unbelasteten vorspielen, doch der Captain würde früher oder später bemerken, daß der Kara ein Problem hatte. Nicht nur, daß Michaelas Psi-Quotient für einen Terraner sehr hoch war und sie deshalb mentale Turbulenzen erspüren konnte. Aus einer für Imnoi nicht erklärbaren Abneigung heraus beobachtete die Frau die Waréner. Aufmerksamer, als es ihr vielleicht selbst bewußt war. Und dabei spielte es überhaupt keine Rolle, daß sie im Moment auf Cohens Anweisung hin nicht in der Zentrale sein würde. Oder sein sollte, wie Imnoi vorsichtig einschränkte, denn er hatte das Gefühl, daß sie den Captain treffen würden, wenn er und Mit’Xitlan zum Dienst kamen.

Zwei Minuten später bestätigte sich sein Verdacht. Allerdings machte die Frau ganz den Eindruck, heute tatsächlich nicht so sehr auf die Waréner zu achten. Sie erwiderte geistesabwesend deren Gruß und vertiefte sich dann wieder in die Daten auf ihrem Pult.

Jason Boor sah die beiden Kara erstaunt an, dann schien er sich zu erinnern. „Ich wollte Sie ja heute in das Navigationsprogramm einweisen. Es tut mir leid, aber es ist zur Zeit ziemlich ungünstig. Der Anflug auf den Planeten ist etwas verworren und beansprucht die Piloten vollständig.“

„Wenn Sie gestatten“, schlug Imnoi vor, „dann kann Mit’Xitlan durch Beobachten der Arbeit von Navigator und Steuermann die Grundlagen der Bedienung der Pulte erfassen. Und ich selbst wäre froh, mich noch weiter in der Auswertung der am Sensorpult eingehenden Daten üben zu können.“

„Durch Beobachten?“ fragte Boor und blickte skeptisch zu Mit’Xitlan.

Der nickte. „Die theoretischen Grundlagen von Navigation und Steuertechnik sind mir aus den Lehrmaterialien vertraut, mit denen wir uns im Selbststudium zur Vorbereitung auf den Dienst beschäftigt haben.“

Boor kratzte sich am haarlosen Hinterkopf.

Brauer bemerkte diese Geste und sah auf. „Das geht schon in Ordnung, Mr. Boor“, sagte sie. „Schlimmstenfalls ist es uneffektiv genutzte Zeit für die Kara. Mit’Xitlan wird sich schon melden, wenn er merkt, daß es nichts bringt.“

Sie lächelte Mit’Xitlan zu.

Der Waréner senkte zustimmend den Kopf.

An Imnoi sah die Frau haarscharf vorbei. Trotzdem spürte der Kara ihre Aufmerksamkeit und verschloß seine Gedanken vor ihr. Er wandte sich Wil Richards zu und erkundigte sich leise nach dem Stand der Erkundung des Planeten.

Michaela Brauer versuchte, sich wieder auf das Kleine Pult zu konzentrieren. Sie hatte sich die aktuellen Sondenbilder auf den mittleren Bildschirm gelegt und beobachtete nun die darauf vorbeiziehende Landschaft.

In rötlichen Tönen erhob sich ein zerklüftetes Gebirgsmassiv bis über die dünnfasrigen Wolken. Einzelne Gipfel spießten der Sonde entgegen, vereinten sich zu Kämmen und Graten, an denen sich die Wolken stauten. Dahinter, im Windschatten der Berge, stürzten die Hänge in eine Ebene. Ihr Boden schien von Sand bedeckt …

Die Erinnerung an eine andere Wüste drängte sich Michaela auf: eine karanische Zeltsiedlung und nahe dabei zwei Lander der Menschen. Unter dem Sonnendach hochaufgerichtet Toteymon, einer der beiden neuen Ka der Stadt. Neben ihm ein Junge, still und weniger würdig, nichtsdestotrotz der zweite der regierenden Ka. Und er spricht von der Verschmelzung des Herrschers Kal mit dem Kara Toteymon, von der Person Kal’Toteymon, dem ersten Symbionten Waréns. Als Wahrer Herrscher Kal Führer der stofflosen Wesen, Former des Nanokosmos. Als Kara Toteymon einer der Lenker der Stadt, Bauherr der Altarhallen. Kal, dessen Kraft die Gedanken weit über die Zimmerwände hinaus tragen kann. Toteymon, dessen Körper die schützenden Mauern der Stadt zu verlassen in der Lage ist. Kal, der Wasser unterm Fels erspürt, und Toteymon, der das Wasser freilegt. Kal, der Toteymons Körper vor Krankheit schützt, und Toteymon, in dessen Körper Kal lebt. Ein Überwesen. Aber schwach in der komplizierten Balance seiner Teile.

Jemand tippte Michaela Brauer an. Sie sah auf.

Leonard. „Ich muß dich sprechen“, sagte er und ging in den Captainsraum.

Michaela Brauer schüttelte die Benommenheit ab. Zum Glück schien niemand etwas von ihrer geistigen Abwesenheit bemerkt zu haben. Auch der Arzt nicht, wie Brauer feststellte, als sie ihm folgte.

„Also?“ fragte sie ihn. „Was gibt es so Wichtiges?“

„Tian. Er mischt sich in meine Arbeit ein.“

Michaela atmete tief durch. „Leo, ich wollte dich nicht kränken, aber die Sache mit dem Planeten … “

„Vergessen!“ unterbrach Cohen. „Darum geht es gar nicht. Ich hätte dich nicht gesund geschrieben. Du hast es gewußt und mich ausgetrickst. OK, du bist selber über achtzehn und mußt wissen, was du tust. Nein: Ich rede von Mit’Xitlan. Er kam gestern abend zu mir, weil er sich nicht wohl fühlte. Ich habe ihn heute früh noch mal bestellt, um einige Parameter zu überprüfen. Da kam Tian rein und hat mich förmlich rausgeschmissen.“

Brauer riß die Augen auf und fiel auf ihren Stuhl. „Rausgeschmissen?“

„Nicht ganz“, gab Cohen zu. „Aber er hat die Untersuchung einfach übernommen und Mit’Xitlan zum Dienst gelassen.“

„Und du findest, der Kara ist nicht fit dafür?“

Cohen stützte sich auf den Tisch und beugte sich zu Brauer vor. „Das ist nicht der Punkt, Micha! Tian hat keinerlei Erfahrung mit der Biologie der Kara!“

„Die Biologie der Kara unterscheidet sich nicht von der der Menschen“, erinnerte der Captain. „Sie bewegen sich zwar im Randgebiet der Stoffwechseldaten des terranischen Normals, aber sie sind noch drin.“

Der Arzt verdrehte die Augen.

„Ist das etwa falsch?“

„Absolut! OK, nicht ganz absolut, aber so ziemlich. Terraner, bei denen sich zwei oder drei Werte in diesen Grenzbereichen bewegen, haben in der Regel Probleme mit der Standard-Medizin. Und bei Kara bewegen sich alle Werte im Grenzbereich! Und dazu kommt ihre viel höhere Sensibilität gegenüber psychischen Effekten und Einflüssen! Tians Kenntnisse reichen einfach nicht! Er ist … Standard-Mediziner. Sicher ein guter, ein sehr guter, aber eben ein Standard-Mediziner!“

„Gut“, erwiderte Brauer. „Ich kläre das mit Tian.“

Cohen nickte erleichtert und setzte sich. „Ich war mir nicht sicher, ob du’s nicht als Nörgelei auffaßt“, gab er zu.

Michaela hob die Brauen. „Warum sollte ich? Wegen dem Streit vorhin? Leo, so gut kenn ich dich schon! Und ich hätte das mit Tian heute früh auch nicht gemacht, wenn ich wirklich krank wäre. Wenn ich noch Fieber gehabt hätte oder so.“

„Klar“, nickte der Mann. „Weiß ich doch.“

Michaela lächelte. „Gut, daß das aus dem Weg ist. Was ist nun mit Mit’Xitlan?“

„Ach nichts Weltbewegendes. Er klagt über Unwohlsein und wollte, daß ich ihn vom Ausbildungsprogramm befreie, damit er sich auskurieren kann. Kara sind ziemlich gut, sich selbst zu kurieren.“

„Hast du was bei ihm gefunden?“

Cohen schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ein paar uncharakteristische Schwankungen in den Stoffwechseldaten. Bei einem Menschen würde ich von einer leichten Migräne sprechen. Ich denke, wenn‘s ernster wird, meldet sich Mit’Xitlan noch mal.“

Brauer hörte stirnrunzelnd zu. „Hast du Psycho-Checks durchgeführt?“ erkundigte sie sich.

„Davon war nicht die Rede, als er kam. Du denkst, es könnte was Mentales sein?“

Michaela hob die Schultern.

„Und selbst wenn“, meinte Cohen. „Auf dem Gebiet bin ich ohnehin ein Laie. Machen kann ich da nicht viel.“

Der Captain lehnte sich zurück. „Behalte Mit’Xitlan trotzdem mal unter diesem Aspekt im Auge!“ Sie stand auf. „Ich muß wieder rüber.“

Leonard Cohen erhob sich ebenfalls. „Ich verschwinde gleich hinten raus. Und ich seh mir Mit’Xitlans Daten gleich noch mal an.“

Michaela nickte und ging in die Zentrale. Sie ertappte sich dabei, Mit’Xitlan bewußt zu übersehen, ärgerte sich darüber und schaute sich kurz zu ihm um. Sie sah die Waréner einen raschen Blick wechseln, ignorierte ihn aber.

Brauer trat zum Pult für die Sondenüberwachung. „Wie sieht es aus, Mr. Boor?“

Boor kratzte sich an der Schläfe. „Wir haben mit unseren Sensoren und denen der Sonde fast Dreiviertel der Planetenoberfläche im Erfassungsbereich.“

„Und?“ fragte Brauer nach.

„Überall diese Ruinen, Sir. Der Planet muß ziemlich dicht besiedelt gewesen sein, früher.“

„Lebenszeichen?“

Boor schüttelte den Kopf.

„Ich habe hier vielleicht etwas“, meldete sich Wil Richards unsicher. Er deutete auf einen der Monitore, auf dem in einem Talkessel Umrisse von Gebäuden zu erkennen waren. „Es scheint eine intakte Energiequelle in diesem Komplex hier zu geben. Vielleicht hat jemand dort drin überlebt.“

„Das ist sehr unwahrscheinlich“, behauptete Imnoi und trat hinter Richards hervor.

Brauer sah ihn an.

„Es genügt nicht, Energie zu haben, um zu überleben“, erklärte Imnoi.

Brauer verspürte das dringende Bedürfnis, dem Waréner zu widersprechen.

Boor kam ihr zuvor. „Sie könnten mit dieser Energie ja ein Gewächshaus betreiben. Wir kennen ihren Entwicklungsstand nicht.“

Imnoi hob eine Braue. „Sir, bei allem gebotenen Respekt: Die Energiemenge, die wir in den Ruinen feststellen können, reicht nicht, um eine überlebensfähig große Gruppe höher entwickelter Lebewesen mit Wärme, Wasser und mit Nahrungsmitteln zu versorgen.“

Boor sah den Waréner skeptisch an. „Sind Sie sicher?“

„Zu 85,53 Prozent, Sir“, antwortete Imnoi ohne Zögern.

Boor brauchte ein paar Augenblicke, um zu begreifen, daß der Kara die Prozentangabe völlig ernst meinte. „So“, sagte er dann. „Wir … sollten trotzdem intensiver nach Lebenszeichen suchen. 15 Prozent Wahrscheinlichkeit für Überlebende kann man nicht einfach unter den Tisch fallen lassen.“

„14 einhalb Prozent. Für höheres Leben, Sir“, korrigierte Imnoi sachlich. „Die Wahrscheinlichkeit, auf Überlebende der ehemals zivilisationsbildenden Spezies zu stoßen, beträgt nur sieben Komma sieben null Prozent.“

„Sieben Komma sieben null Prozent“, brummelte Sauders andächtig an seinem Steuerpult. „Das nenne ich wahrhaft kühn gerundet.“

Damit brachte er alle zum Schmunzeln. Die Kara ausgenommen. Mit’Xitlan schien die Amüsiertheit der Menschen nicht zu verstehen. Imnoi dagegen, so versicherte sich Brauer durch einen raschen Blick, nahm Sauders Kommentar gelassen, fast ein wenig nachsichtig hin. Für einen Moment hatte Michaela sogar den Eindruck, in Imnois Augen ein Lächeln aufblitzen zu sehen. Doch noch ehe sie sich darüber vollständig klar werden konnte, kündigte das Piepen der Bordkommunikation einen Ruf an.

„Dr. Tian für Sie, Captain“, erklärte Roxana Collet.

„Legen Sie mir das Gespräch in mein Zimmer“, bat Brauer und ging hinüber. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Mr. Boor, wären Sie so nett, ein Landeteam zusammenzustellen?“ Dann verschwand sie im Bereitschaftsraum.

Boor sah ihr nach. Die Entscheidung des Captains kam überraschend für ihn. Sie wußten doch noch viel zu wenig, um auf dem Planeten zu landen! Was, wenn die Energiequelle in den Ruinen eine Gefahr darstellte? Der Erste Offizier schüttelte über sich selbst den Kopf. Sicher hatte der Captain diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Boor fragte sich, wie er daran auch nur einen Augenblick hatte zweifeln können. Dann begann er, sich Gedanken über Mitglieder des Landeteams zu machen.

 

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Erstellt: 09.06.2005, zuletzt aktualisiert: 07.02.2015 20:56