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Autonom von Annalee Newitz

Rezension von Markus Mäurer

 

Im Jahr 2140 sind die Nationen, wie wir sie kannten, zerfallen und es haben sich Föderationen und Wirtschaftszonen gebildet. Es gab irgendeinen Kollaps, auf den aber nicht weiter eingegangen wird, doch der Kapitalismus hat sich endgültig mit seiner hässlichsten Fratze durchgesetzt, und die Welt wird nun vollends von Konzernen beherrscht. Durch das Kontraktarbeitersystem ist im Prinzip auch die Sklaverei wieder eingeführt worden. Hinzu kommen Bots, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet wie richtige Personen agieren, aber nur selten wirkliche Autonomie besitzen.

 

In diesem Szenario ist Judith »Jack« Chen als Pharmapiratin unterwegs, so richtig mit U-Boot, und rekonstruiert/raubkopiert Medikamente, die für viele Menschen in ihrer legalen Form unbezahlbar sind. Bis eines dieser Medikamente (na ja, oft sind es einfach leistungssteigernde Pillen oder Tabletten, die sonstige Manipulationen an der körpereigenen Biochemie vornehmen) fatale Auswirkungen für jene hat, die es eingenommen haben (eine Pille, die einen arbeiten lässt, bis man tot umfällt; einige der Folgen dieser Sucht sind wirklich originell). Fortan wird Jack – begleitet vom Sklaven Dreinull – von dem Geheimagenten Eliaz und dessen Militärbot Paladin gejagt.

 

Paladin scheint eigentlich ein ganz netter Typ zu sein, nur dass sie ohne jegliche Hemmungen foltert und mordet, und dabei eine sexuelle und emotionale Beziehung zu ihrem menschlichen Partner Eliza entwickelt. Hier ist es interessant, wie sich eine Beziehung zwischen Mensch und Maschine (in nicht-menschenähnlichem Körper) entwickeln könnte. Damit betritt Newitz nicht unbedingt Neuland - zuletzt hat es z. B. Becky Chambers in Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten behandelt - fügt dieser Konstellation aber einen interessanten Aspekt hinzu.

 

Das Thema künstliche Intelligenz an sich und die Persönlichkeitsentwicklung der Bots ist mir einen Tick zu menschlich geraten, da finde ich den Ansatz von Zachary Mason in Void Star interessanter, wo die KI’s sich zu solch abstrakten und fremdartigen Wesen entwickelt haben, dass eine Kommunikation mit ihnen kaum möglich ist. Aber Neewitz geht es vermutlich um einen anderen Punkt, nämlich der Frage, was einen Menschen und eine autonome Persönlichkeit ausmacht.

 

Der eigentliche Plot um die Jagd der beiden Agenten nach der Piratin Chen ist ehrlich gesagt etwas dünn und altbacken, interessant macht den Roman das Drumherum. All die kleinen Ideen aus dem Bereich der Biochemie und Biotechnologie; das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen und Bots; die Art, wie die Piraten vorgehen und was sie alles piratieren. Man merkt dem Buch schon an, dass es vor allem als Ideenliteratur gedacht ist:

 

Trotzdem bin ich die Arbeit an Autonom so angegangen, als würde ich einen Sachtext schreiben, schreibt Lewitz in einem Essay auf Tor Online.

 

Trotzdem ist es ihr mit Jack gelungen, eine faszinierende Persönlichkeit zu erschaffen, die mehr als nur ein Symbol für eine bestimmte Ausprägung oder Ideologie von Newitz’ Zukunftsvision ist.

 

Ich muss aber auch gestehen, dass ich mir das Buch noch eine Ecke cooler vorgestellt hatte, nachdem ich die Stichworte Piratin und U-Boot las. Doch das U-Boot taucht nur kurz am Anfang auf. Und die Piratinnentätigkeit fällt auch recht unspektakulär aus – bis auf einen messerreichen Konflikt gleich zu Beginn.

 

Nichtsdestotrotz habe ich das Buch in der ausgezeichneten Übersetzung von Birgit Herden gerne und innerhalb kürzester Zeit gelesen. In dieser Form zumindest ist mir noch nichts begegnet, das so detailliert und interessant über die möglichen Entwicklungen der Biotechnologie berichtet.

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Buch:

Autonom

Autonom

Original: Autonomous, 2017

Autorin: Annalee Newitz

Taschenbuch, 352 Seiten

Fischer Tor, Mai 2018

Übersetzerin: Birgit Herden

 

ISBN-10: 3596702585

ISBN-13: 978-3596702589

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B076Q1LSKZ

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.06.2018, zuletzt aktualisiert: 10.01.2019 15:22