Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Backup von Cory Doctorow

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Julius verwirklicht den Traum seines Leben: Er lebt in Floridas Disney World. Seine Freundin Lil hat großen Einfluss in der Ad-hoc-kratie, dem lokal entscheidenden Gremium, des Liberty Squares, dem Tom Sawyers Insel, die Halle der Präsidenten und das Spukhaus angehören, da sie in der Verwaltung hervorragende Arbeit leistet und ihre Eltern zur ursprünglichen Ad-hoc-kratie gehörten. In der Gesellschaft der Zukunft, der Bitchun Society, wird diese Arbeit mit Anerkennung, die in Woppel gemessen wird, belohnt. Zwar muss niemand verhungern, doch wenn man keinen Woppel hat, dann kann man nicht mal den Fahrstuhl rufen. Einen ersten Schatten auf die Idylle wirft die Ankunft von Julius' altem Kumpel Dan. Dan war einst ein hoch angesehener Missionar der Bitchun Society – doch jetzt gibt es nichts mehr zu missionieren. Dan ist überflüssig geworden, all seine Woppel sind verbraucht – und den Mumm Selbstmord zu begehen hat er nicht. Was soll er bloß tun? Dann wird Debra immer bedrohlicher – sie will die Halle der Präsidenten übernehmen. Da kommt es ihr gerade recht, dass Julius erschossen wird. In der Zeit der Unruhe, in der Julius aus einem Backup rekonstruiert wird, reißt sie die Kontrolle an sich. Julius begreift: Wenn niemand gegen Debra vorgeht, dann wird sein Traum zerstört werden.

 

Die Bitchun Society begann ihren Siegeszug im 21. Jahrhundert – im 23. Jahrhundert hat sie alle Feinde überlebt. Weil Missionare wie Dan sie von der segensreichen Gesellschaft überzeugten oder weil sie schlicht und einfach der Altersschwäche erlegen sind. Diese Unannehmlichkeit hat die Bitchun Society längst gemeistert. Alle Möglichkeiten des Posthumanismus stehen den Menschen offen: Wer will kann sich verjüngen (Frauen sollen jung und attraktiv sein), sich ein älteres Aussehen verpassen lassen (Männer sollen erfahren und würdig wirken) oder sich noch radikaler verändern (zusätzliche Gelenke, ein elfisches Gesicht oder ein dünnes Fell sind kein Problem – allerdings gehen die Bewohner Dotorows Bitchun Society nicht soweit wie die Transhumanen aus Alastair Reynolds Chasm City). Aber damit nicht genug: Der Geist des Menschen ist digitalisierbar. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit werden die Synapsenverbindungen aufgezeichnet und als Backup gesichert. Bei Bedarf – wenn der alte Körper krank oder gestorben ist – wird das Backup auf einen neuen Klon installiert. Nur die Lebenszeit zwischen dem letzen Backup und dem Aufgeben des alten Körpers geht verloren. Überhaupt ist es eine Gesellschaft jenseits des materiellen Mangels – selbst die Ärmsten, die über keine Woppel verfügen, müssen nicht hungern, haben Netzzugang, können Reisen und Backups anlegen. Woppel messen die gesellschaftliche Anerkennung; bei positiven Leistungen erlangt man welche, bei negativen verliert man sie wieder. Dieses System geht wohl auf die britische Kreditwürdigkeit zurück; Charles Stross, mit dem Doctorow bisweilen zusammenarbeitet, verwendete ein ähnliches System gesellschaftlicher Anerkennung in Accelerando, welches er aber nicht entwickelte.

Die Gesellschaft wird nur wenig ausgeführt, doch es scheint eine weltweite, direkte Meritokratie zu sein, da über das Netz anscheinend jeder jedem Woppel geben kann. Einen Staat im herkömmlichen Sinne scheint es auch nicht mehr zu geben – alles scheint von den kleinen autonomen Ad-hoc-kratien verwaltet zu werden. Feindliche Übernahmen werden dann vom Woppelstand entschieden. Damit erinnert die Gesellschaft an eine postmoderne Anarchie, in der Might (Woppel) makes Right gilt.

An diesem Punkt stellt der Roman den Leser aber vor ein Problem: Einerseits ist das Setting das Kernthema der Geschichte, doch andererseits bleiben viele Fragen offen: Die Bitchun Society hat vielfach ihre Gegner einfach überlebt, doch Ideen sind bekanntlich langlebiger als ihre Träger – warum also sind die anderen Gesellschaftsformen weltweit unpraktizierbar geworden? Wie kam es überhaupt zu der scheinbar unauflösbaren Verbindung von Bitchun Society und Technologie des Posthumanismus? Wenn es keine professionellen Ermittler gibt – warum wird dann nicht mehr Gewalt angewandt und vertuscht? Hackt denn niemand sein Woppel-Konto? Doctorow hat keine soziologische Utopie geschrieben, die die Makrostrukturen der Gesellschaft behandelt, sondern eine kulturwissenschaftliche Utopie, die sich mit den Mikrostrukturen der Gesellschaft befasst. Es wird gezeigt, wie ein Einzelner lebt – die großen Fragen bleiben außen vor.

 

Die zentrale Figur ist der Ich-Erzähler Julius. Julius wurde im 21. Jahrhundert geboren. Er hatte ausreichend Zeit um 3 Symphonien zu komponieren, 4 Doktorgrade in verschiedenen Disziplinen zu erlangen und 10 Sprachen zu erlernen. Sein Woppelstand ist gut, er lebt den Traum seines Lebens – er gehört den Ad-hoc-kraten des Liberty Squares an – und hat eine tolle Freundin. Es scheint alles in bester Ordnung für diesen coolen Hundertfünfzigjährigen zu sein. Doch je mehr sein Traum in Gefahr gerät, desto unfreundlichere Seiten zeigt er: Er wird ungeduldig und arrogant. Die Anderen werden zur gesichtslosen Masse, die es zu manipulieren gilt – eine seiner Doktorarbeiten ist zu dem Thema. Sein Ehrgeiz und seine Loyalität treiben ihn sogar zu schäbigen Taten an. Dennoch machen ihn seine Loyalität auch zu einem unerschütterlichen Freund und seine Kreativität zu einer interessanten Person. Zu beginn der Geschichte ist seine Freundin Lil 23 Jahre alt – 15% von Julius und es irritiert ihn. Der hübsche Rotschopf ist penibel und ernsthaft: Was sie anfängt, das führt sie mit größter Gründlichkeit zu ende. Sie ist nur begrenzt Risiko bereit, lässt sich jedoch bisweilen von Julius mitreißen. Die kecke junge Frau ist zwar manchmal etwas naiv, kann aber gut mit Menschen umgehen. Dan ist ziemlich runtergekommen, als er bei seinem alten Kumpel Julius im Park ankommt, beginnt sich indes bald wieder aufzurappeln. Er ist ein "Salz-der-Erde"-Typ: einfach, geradeaus, freundlich und tiefblickend; er geht mit seinen Freunden durch dick und dünn und auch mit ihnen Pferde stehlen, wenn es sein muss. Dennoch sollte man sich nicht täuschen lassen, denn er ist keineswegs ein Simpelton, der sich übertölpeln lässt. Eigentlich ist er ein furchtloser Draufgänger – doch die endgültige Selbsttötung bringt er nicht über sich. Vielleicht kann er mit Würde gehen, wenn sein Woppel wieder stimmt. Daneben gibt es noch einige weitere Figuren wie die ehrgeizige, opportunistische und höchst effiziente Modernisiererin Debra.

Die exzentrischen Figuren sind weitgehend psychologisch stimmig entwickelt, nur gegen Ende gibt es einige holprige Wandlungen. Zwar wird nur Julius vollständig ausgeführt – die anderen Figuren nur da, wo es der Plot verlangt – aber dennoch wirken sie alle vielschichtig und rund.

 

Der Plot vereint Momente aus Julius' Entwicklungsgeschichte und der Rivalität zwischen Julius und Debra: Beide wollen den Liberty Square. Während Julius möglichst viel erhalten will, strebt Debra eine radikale Erneuerung an. Ihre Fehde fechten sie mit ungewöhnlichen Mitteln aus – schließlich geht es um öffentliche Anerkennung, um Woppel. Da ist der Tod nur eine vorübergehende Schikane, der Gesichtsverlust aber kann das endgültige Aus bedeuten. Die Spannungsquellen sind weit gestreut: Es gibt die Bedrohung des Liberty Squares, die konkreten Aktionen, die zwischen Propaganda und Sabotage rangieren, die Entwicklung der Figuren sowie der Beziehungen untereinander und die Wunder der Bitchun Society, die mit Julius' Leben verknüpft sind.

Der Plot fließt einigermaßen rasch, wenngleich die Erläuterungen mitunter etwas weit ausholen und damit bremsend wirken.

 

Die Handlung ist eigentlich dramatisch und progressiv aufgebaut, wird aber oftmals von regressiven Episoden unterbrochen, die Details erläutern. Es gibt nur einen Strang, der konsequent vom Ich-Erzähler geschildert wird.

Der Stil ist erwartungsgemäß empathisch. Die Sätze sind mittellang bis lang, aber stets gradlinig und flüssig lesbar. Die Wortwahl schwankt zwischen neutralem und saloppem Tonfall, wobei eine Anzahl gespreizt klingender Exoten für die Wunder verwendet wird.

 

Zu erwähnen ist noch dreierlei: Zunächst, dass der Roman 2004 mit dem Locus Award für den besten ersten Roman ausgezeichnet wurde. Dann der ungewöhnliche Lizenzvertrag, unter dem der Roman veröffentlicht wurde: Es ist der erste auf Deutsch veröffentlichte Creative Commons-Roman. Schließlich die real existierende Bitchun Society; diese hat sich im Anschluss an den Roman gebildet.

 

Fazit:

Die eiskalte Modernisiererin Debra will die Kontrolle über den Liberty Square der Disney World von Florida erlangen – wird es Julius mit seinen Freunden Lil und Dan gelingen ihre Nische in der Bitchun Society zu verteidigen? Doctorows Erstling ist eine ungewöhnliche Utopie jenseits des materiellen Mangels, die von in kleinen Meritokratien, den Ad-hoc-kratien, organisierten Posthumanen dominiert wird; die interessanten und weitgehend stimmigen Figuren sind eine weitere Stärke des Romans.

 

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Backup

Autor: Cory Doctorow

Heyne (10. September 2007)

Broschiert: 286 Seiten

ISBN-10: 3453522974

ISBN-13: 978-3453522978

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 19.10.2007, zuletzt aktualisiert: 15.01.2019 09:44