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Bad Monkeys von Matt Ruff

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Jane Charlotte wurde verhaftet, da sie einen Menschen getötet hat, den sie nicht töten sollte. Im Verhör packte sie aus und das führte sie in die psychiatrische Abteilung der Strafvollzugsanstalt Clark Country. Dort wird sie von Dr. Vale befragt, der eine unglaubliche Geschichte zu hören bekommt: Jane wurde von einer Geheimgesellschaft rekrutiert, die das Böse in allen Formen bekämpft. Ihre Abteilung heißt "Bad Monkeys" und ist für die Liquidierung unrettbarer Bösewichte zuständig. Angefangen hatte es allerdings vor zweiundzwanzig Jahren. Zu der Zeit trieb ein Serienkiller in Janes Gegend sein Unwesen. Er entführte und ermordete kleine Jungen. Jane kam ihm zufälligerweise auf die Spur und geriet in eine Operation der Bad Monkeys. Dr. Vale macht auf einige Unstimmigkeiten aufmerksam, doch Jane weist dieses als Nod-Problem ab: Wer an die Bibel glaubt, der findet es nicht problematisch, wenn Kain, immerhin der Sohn der ersten Menschen, im Lande Nod auf andere Menschen trifft. So wie es dafür eine unbekannte Lösung gibt, gibt es auch für die Unstimmigkeiten eine Lösung. Im Laufe der Sitzungen werden die Ereignisse aus Janes Bericht immer bizarrer, während Dr. Vale langsam verschiedene Geheimnisse Janes ans Licht bringt.

 

Die Geschichte besteht aus zwei Erzählsträngen. Da sind zunächst die Sitzungen in der psychiatrischen Abteilung, in denen Jane mit dem Arzt Dr. Vale ihr Leben bespricht. Die Erzählhaltung ist dabei objektiv: Mit nüchternen Sätzen werden die wenigen Handlungen und die sparsame Einrichtung geschildert; dominierend sind die direkten Figurenreden, in denen Dr. Vale und Jane die fragwürdigen Punkte ihres Berichtes durchgehen. Diese kurzen Kapitel lesen sich beinahe wie Theaterdramen.

Auf ein solches Kapitel folgt jeweils ein Kapitel, in dem Jane mit quasi natürlicher Sprache eine Episode ihres Lebens vorstellt. Erzählt wird hierbei aus Janes personaler Perspektive. Vereinzelt werden Fragen des Arztes in autonomer Rede eingeschoben. Jane beginnt ihren Bericht damit, ihren familiären Hintergrund vorzustellen: Der Vater hatte die Familie in den späten 70ern verlassen, die überforderte Mutter musste einerseits viel arbeiten, andererseits sich um ihre beiden Kinder kümmern. Der vierzehnjährigen Jane versuchte sie viel Verantwortung für den kleineren Bruder zu übertragen, doch Jane wollte nicht aufpassen, sondern mit ihrer Freundin kiffen; immer schärfer werdende Streitereien waren unvermeidlich. Als Jane beim Hasch-Anbau erwischt wurde und ihren Bruder mit in die Sache zog, rastete ihre Mutter aus und ein weiteres Zusammenleben schien unmöglich. Jane musste San Francisco verlassen und wurde bei Onkel und Tante in einem Kaff untergebracht. Dort hatte sie auch den ersten Kontakt zur Organisation. Auf der Suche nach einem Hasch-Lieferanten spitzelte sie den Hausmeister ihrer Schule aus. Als sie feststellte, dass der Hausmeister kleine Jungen beobachtete, wurde ihr klar, dass er der Würgeengel ist, der schon einige Kinder stranguliert hatte. Zunächst scheint es, als würde er davon kommen, da es keine Beweise gibt, doch mit Hilfe der Bad Monkeys konnte sie ihn zur Strecke bringen. Rekrutiert wurde sie noch nicht, aber sie erhielt eine Art Einladung – eine Münze mit dem Sinnspruch: Omnes Mundum Facimus (Wir alle machen die Welt). Dr. Vale weist allerdings auf ein unpassendes Detail hin: Zwar wurde der Hausmeister tot aufgefunden, nachdem eine unbekannte Schülerin ihn beschuldigt hatte, der Würgeengel zu sein, aber es gab nicht nur keine Beweise gegen ihn, nach seinem Tod ist noch ein weiterer Junge dem Mörder zum Opfer gefallen. Nach Jane ein Nod-Problem.

Nach dieser Episode hat Janes folgende Charakterzüge: Sie ist aggressiv, rebellisch und bereit Risiken einzugehen um andere zu schützen. Sie ist aber auch unzuverlässig, was sich nicht nur in ihren Handlungen, sondern auch in ihrer Erzählung widerspiegelt: Wie weit kann man Jane glauben? Jane Charlotte ist eine interessante und vielschichtige Figur, die mit viel Sorgfalt entwickelt wird. Nach und nach lernt man die ruppige, gewitzte und charismatische Frau kennen und kann selbst unmoralisches Verhalten nachvollziehen. Die anderen Figuren sind knapp skizziert und zentrisch. Zumeist haben sie nur eine zentrale Eigenschaft, die zu ihrer Funktion in der Geschichte passt: Der Robert True, der Mann von Kosten-Nutzen, ist abwägend, Mr. Dixon vom Malefitz, die über Dienstvergehen wachen, ist misstrauisch und der Arzt ist skeptisch um Verständnis bemüht – so wie man sich typische Vertreter ihrer jeweiligen Zünfte vorstellt.

 

Zwar spielt sich das Berichtete zumeist 2001 und 2002 in San Francisco ab, das mit knappen Sätzen plastisch als Milieu beschrieben wird, doch wartet der Bericht mit allerlei Überraschungen auf. Da sind zunächst mal die Organisation und ihre vielen Abteilungen. Diese tragen absurde Namen: "Die Abteilung für die finale Ausschaltung nicht zu rettender Personen" wird jedoch nur "Bad Monkeys" genannt, da die Bösewichte schlechte Affen sind. Neben Janes Abteilung gibt es noch Kosten-Nutzen, die entscheiden welche Maßnahmen zu treffen sind, Panopticon, die ein weites Überwachungsnetz betreiben, Catering, die logistische Aufgaben übernehmen – und die Grusel-Clowns, die als unheimliche Clowns verkleidet mit einem Beil und anderen Werkzeugen ihrer speziellen Aufgabe nachgehen. Nach Jane verwenden die Abteilungen futuristisches Gerät: Mit der Eyes-Only-Technik lässt sich fast jede Person zuverlässig überwachen, es gibt perfekte Lügendetektoren und ausgeschaltet werden die schlechten Affen mittels NT-Pistole: Die Strahlenwaffe lässt das Ziel wahlweise einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleiden. Aber es ist stets fragwürdig, wie weit Janes Bericht zuverlässig ist. Gibt es wirklich einen perfekten Lügendetektor?

Diese phantastischen Elemente entstammen Verschwörungsgeschichten und Hightech-Thrillern; sie werden nie weiter in ihrer Funktionsweise erläutert, was gut zum zweifelhaften Geisteszustand von Jane passt.

 

Nicht nur die phantastischen Elemente entstammen diesem Genregemisch, auch wesentliche Plot-Elemente folgen deren Maßgaben. Rasant entwickelt sich die Geschichte Plotpunkt folgt auf Plotpunkt, in Janes Geschichten spielen Action und überraschende Wendungen eine große Rolle. Die Bezeichnung page-turner passt hier perfekt. Doch auch die erwähnten phantastischen Elemente können die Leser ins Staunen versetzen: Gegen Ende gibt es eine Sequenz, die oftmals als Anspielung auf den ersten Matrix-Film verstanden wird. Dieses ist sprachlich brillant umgesetzt, so dass der Leser doppelt staunen darf. Überhaupt gibt es eine Reihe von Anspielungen auf verschiedene Bereiche der Pop-Kultur. Philip K. Dicks Werke, vor allem Minority Report und Erinnerungen en gros (engl.: Total Recall), dienten aufgrund der geschilderten Überwachungstechniken und ob der tiefen Verunsicherung, was Real und was Illusion ist, als Inspirationsquelle. Zudem sind die Figuren Jane Charlotte und ihr Bruder Phil nach dem Autor und seiner früh verstorbenen Schwester benannt. Außerdem werden diverse Urban Legends und dergleichen geschickt verwoben.

Weiter gibt es für den Leser viel zum Mitraten: Welche von Dr. Vale herausgearbeiteten Unstimmigkeiten lassen sich in seinem Sinne auflösen? Und warum erzählt Jane Dr. Vale ihre ganze Geschichte wirklich? Viele der Entwicklungen werden vorher angedeutet, daher kann sich der Leser mit dem Autor auf einen Wettstreit einlassen: Gelingt es Ruff den Leser zu überraschen oder kann jener die Hinweise entschlüsseln? Allein das Ende kann manchen Leser vor den Kopf stoßen. Darüber hinaus gibt es einige philosophische Gedankenexperimente: Es scheint zunächst, als seien kontrollsüchtige Utilitaristen mit Strahlen-Pistolen auf die Bevölkerung losgelassen, doch später taucht eine Gegenorganisation auf, die Bande, die ganz ähnliche Methoden verwendet und in einem komplizierten Schattenkrieg mit der Organisation verstrickt ist. Der Leser mag sich fragen, inwiefern die Guten und die Bösen sich letztlich überhaupt von einander unterscheiden.

 

 

Fazit:

Die gewitzte und sarkastische Jane sitzt in der psychiatrischen Abteilung ein und erzählt Dr. Vale, wie es kam, dass sie im Kampf gegen die schlechten Affen der Bande einen Menschen tötete, den sie nicht hätte töten sollen. Zwar gibt es einige Rätsel und aus der Fiktion herausführende Momente, die den Leser zum Nachdenken anregen können, doch zentral ist eine Frage, die sehr passend für diesen rasanten Thriller zwischen Paranoia und mörderischen Verschwörungen ist: Wie weit kann ich meinen Sinnen trauen?

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Buch:

Bad Monkeys

Original: Bad Monkeys, 2007

Autor: Matt Ruff

Übersetzer: Giovanni und Ditte Bandini

Hanser, Februar 2008

Gebunden, 251 Seiten

Titelbild: Will Staehle

 

ISBN-13: 978-3-446-23002-6

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 19.02.2008, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46