Before Your Eyes

Rezension von Cronn

Während ich in der Badewanne sitze, fährt mein kleines Plastikschiffchen über die Wasseroberfläche. Ich kann damit Badeschaumblasen platzen lassen, was ich mit großer Freude und ausgiebig tue.
Doch da erscheint das Metronom-Symbol am unteren Bildschirmrand! Nun darf ich nicht mehr blinzeln, sonst ist es vorbei mit dem Badeschaum-Spaß! Ich reiße die Augen weit auf, bemühe mich so gut es geht das Plastikschiff durch die Badewanne so zu manövrieren, dass auch die letzten Badeschaumblasen erwischt werden, ehe meine Augäpfel austrocknen.
Geschafft! Puh!
Ich blinzle und die Szenerie verändert sich schlagartig. Nun sitze ich am Klavier. Okay, es ist nur ein Spielzeugklavier, aber immerhin funktioniert es. Meine Mutter sitzt am großen Klavier und probiert ihre Komposition aus. Oh, ich habe einen Teil ihres Werkes gespielt. Das ist cool! Meine Mutter freut sich und sieht in mir einen Wunderknaben. Sie ruft meinen Vater und rastet voll aus. Ich soll wohl auf ein Konservatorium gehen.
Einen Wimpernschlag später sitze ich im Auto. Es ist ein Jahr später. Wir fahren zur Aufnahmeprüfung. Ich richte meine Augen auf das Notenheft, öffne es mit einem Blinzeln und sehe mir die Noten an. Meine Mutter ist sehr nervös. Ob es mir gelingen wird, den Professor am Konservatorium zu überzeugen?

Before Your Eyes ist ein innovatives Spiel von dem Studio GoodbyeWorld Games und wird von Skybound Games veröffentlicht. Das Game will eine narrative Erfahrung sein, aber ohne ein Walking-Simulator zu sein. Wie das funktioniert, soll die nachfolgende Rezension aufzeigen.

Hintergrund:
Das Spiel versetzt die Spieler·innen in die Rolle einer Seele im Totenreich. Sie wurde aus dem Totenfluss gefischt von einer Art Anubis, der aber ziemlich heruntergekommen wirkt. Seine Aufgabe ist es, einzelne Seelen auszuwählen, die der Torwächterin vorgestellt werden. Wenn das zur Zufriedenheit der Torwächterin geschieht, wird die Seele in das Jenseits aufgenommen.
Es ist nun die Aufgabe des Anubis-Fährmanns, möglichst geschickt die Lebensgeschichte der Seele darzulegen. Dazu reisen die Spieler·innen auf einer fiktiven Lebenslinie bis weit zurück in die Kindheit.
Die Story ist schnell erzählt und mit knapp 2 Stunden Spielzeit vorbei. Berühren kann sie dennoch, da die Inhalte sehr persönlich und die Story sehr bodenverhaftet erscheint. Ein Twist in der Mitte der Spielzeit bringt einen zum Nachdenken und am Ende bleibt man melancholisch zurück. Eine Mischung aus Bitternis und Zufriedenheit, was durchaus Respekt abverlangt, denn in knapp zwei Stunden eine derartige Erfahrung zu bringen, ist nicht einfach.

Gameplay:
Das Innovativste von »Before Your Eyes« gleich zum Start dieses Abschnitts: Das Spiel setzt auf eine Blinzel-Steuerung in bestimmten Situationen. Das setzt eine ordentliche Webcam voraus, die vorher unbedingt kalibriert werden sollte. Im Spiel selbst gibt es in jeder Szene bestimmte Dinge, die man mit der Maus anvisieren und per Blinzeln aktivieren kann. Auf diese Weise interagiert man mit der Spielumgebung und ersetzt Mausklicks oder ähnliches. Spannend wird es, wenn das Metronom-Symbol am unteren Bildschirmrand erscheint. Dann wechselt man das Level, sobald man blinzelt. Das kann man hinauszögern und erhält weitere Informationen, wenn beispielsweise der Dialog noch nicht beendet ist. Es führt dazu, dass man unbedingt die Augen offen halten will, um alles zu erfassen. Aber es ist nicht so, dass das Spielgefühl extrem leidet, wenn man schon vorher blinzelt. Nach dem Spieltwist wird man eh nochmals durch viele Situationen erneut geführt und die besonders wichtigen Momente werden nicht gekürzt. Das Gameplayelement ist somit zwar nett, aber es bleibt ein Gimmick. Dennoch bleibt es als Herausstellungsmerkmal im Gedächtnis.

Aber es gibt weitere Designelemente, wie beispielsweise das mit Mausbewegungen umgesetzte Nachverfolgen eines Klaviaturbereichs, der in ständiger Bewegung ist, um das Klavierspielen zu simulieren oder das Auswählen von Symbolen mittels Blinzeln, um das Malen auf einer Leinwand nachzubilden.

Grafik und Sound:
Die meisten Sprecher sind extrem gut in ihren Rollen, was wichtig für den emotionalen Impact der Story ist. Einzig der Vater wirkt etwas weniger involviert. Herausragend ist allerdings der Sprecher des Anubis-Charakters. Er ist sehr engagiert bei der Sache und verleiht dem Charakter eine eigene Note.

Die Grafik des Spiels ist ordentlich gelungen, wenngleich nicht besonders aufwändig. Sie ist aber eigenständig genug, um als Grafikstil wahrgenommen zu werden. Die Animationen sind flüssig und der Rest des Sounddesigns gut gelungen.

Fazit:
Mit seinen knapp zwei Spielstunden gehört »Before Your Eyes« zu den knappen Spielerfahrungen. Aber die emotionale Wucht des Spiels arbeitet auf einer anderen Ebene als der reinen Spielzeit. Die Story ist lebensnah und berührt den Spieler. Als narratives Spiel ist »Before Your Eyes« zu empfehlen, wenn man auf innovative Ideen steht.

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zuletzt aktualisiert: 16.06.2021 20:15 | Users Online
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