"Berlinoir" klingt aus den Mündern der Herrschenden wie eine erstrebenswerte Utopie: eine Metropole mit bezahlbaren Mieten, sicheren Arbeitsplätzen und Renten sowie dem Versprechen ewiger Jugend. Allerdings herrschen hier nicht Menschen, sondern Vampire. Bald droht eine Zerreißprobe, in deren Zentrum Niall steht. Der junge Mann scheint bereit, alles für eine Zukunft ohne Blutsauger zu wagen. Doch das geht natürlich nicht ohne Blutvergießen.
Der überarbeitete Band "Berlinoir" vereint die Alben "Scherbenmund", "Mord" und "Narbenstadt" die bereits zwischen 2003 und 2008 erschienen sind. Verfasst haben die Graphic Novel Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner. Ersterer hat sich bereits mit LOW der deutschen Hauptstadt – genauer gesagt, den Berliner Jahren von David Bowie – gewidmet. Letzterer hat mit DIE DÄMONEN bewiesen, dass er ein Händchen für fantastische Stoffe hat. Auch "Berlinoir" funktioniert als spannende, stimmungsvolle und wendungsreiche Fantasy-Geschichte, in der die Hauptfigur nicht nur gegen Blutsauger, sondern auch mit dem eigenen Gewissen kämpfen muss. Darüber hinaus bietet die Story aber noch viel mehr.
So fungiert das Werk auch als clevere – wenngleich nicht immer subtile – Parabel, die mit der Geschichte der deutschen Hauptstadt und politischen Entwicklungen spielt. Vieles daran ist zeitlos, wie Abwägungen zwischen Freiheit und Sicherheit. Dabei zitiert die Graphic Novel immer wieder Kunstwerke aus den unterschiedlichsten Genres und Epochen, sodass die Lektüre auch zur artifiziellen Entdeckungsreise avanciert. Das Setting lässt Menschen und Vampire in einem alternativen Berlin aufeinandertreffen, das in der Zeit der Weimarer Republik angesiedelt zu sein scheint. Obwohl fantastisch, wirkt vieles dennoch sehr realistisch, da das Autorenduo auch Nebenaspekte wie die Außenpolitik sowie eine vampireske Variante der christlichen Religion mitdenkt. Lob verdient zudem das Storytelling, das komplett ohne eine erklärende Einführung zu Beginn auskommt. Stattdessen mutet er seinem erwachsenen Lesepublikum zu, sich selbst Zusammenhänge zu erschließen. Gut so! Gleichzeitig verzichten Meißner und Kleist auf eine dröge Schwarz-Weiß-Malerei von guten Menschen und bösen Vampiren, sondern nutzt Grautöne und wechselt immer wieder die Perspektive. Auch einige komisch-fiese Seitenhiebe gibt es zu entdecken. Da sind kleinere Längen in der (politischen) Handlung absolut zu verschmerzen.
Für die hervorragenden Zeichnungen ist Co-Autor Reinhard Kleist verantwortlich. Dem Künstler gelingt es, eine Metropole stimmungsvoll zum Leben zu erwecken, die wie eine runde Mischung aus dem realen Berlin der 1920er, dem "Metropolis" von Fritz Lang sowie einem Los Angeles à la "Blade Runner" wirkt. Statt Flugautos schweben hier jedoch Fledermäuse zwischen klassischer Berlin-Architektur, Wolkenkratzern und Werbetafeln umher. Kleist nutzt immer wieder die Länge der Seite für einzelne Panels aus und verleiht ihnen so Größe und Präsenz. Die Charaktere sind schön heterogen, expressiv und teilweise fast schon dezent expressionistisch gestaltet. Nur ganz selten gerät einmal ein Hintergrund in schnödem Weiß etwas öde. Kurzum: Optisch ist die Graphic Novel über weite Strecken ein Augenschmaus.
Als Bonus zur Neuveröffentlichung gibt es am Ende des Bandes umfangreiches Zusatzmaterial. Das reicht von Autorenkommentaren bis zu Skizzen. Medienübergreifend dürfen sich Fans zudem auf die Streaming-Serie "City of Blood" freuen, für die "Berlinoir" eine Inspiration war.