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Biokrieg von Paolo Bacigalupi

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

In der thailändischen Stadt Krung Thep ist es heiß. Einerseits ist die Temperatur im 21. Jh. wortwörtlich immer weitern angestiegen, andererseits nehmen die Spannungen zwischen General Pracha vom Umweltministerium und Akkarat vom Handelsministerium immer mehr zu: Akkarat will die Einfuhrbestimmungen für die Genprodukte der Kalorienkonzerne lockern und den Einfluss der Weißhemden beschneiden, General Pracha will, dass es bleibt, wie es ist. In diesem gefährlichen Klima stößt der Genspäher des Kalorienkonzerns AgriGen Anderson Lake auf eine neue Pflanze – ein Hinweis auf die versteckte Samenbank der Thais, zu der AgriGen Zugang will. Doch selbst Akkarats Anhänger zögern die Samenbank Farang – Weißen – besonders AgriGen preiszugeben; Weißhemden würden ihn für das Ansinnen allein töten. Hinzukommen Probleme in der Spannfederfabrik, die Anderson als Tarnung verwendet – sein Manager, der YellowCard-Chinese Hock Seng, scheint Geld von den Schmiergeldern für den thailändischen Zoll zu veruntreuen und ein Megadont ruinierte mit einem Amoklauf weite Teile der Fabrik – die Tarnung beginnt, sehr teuer zu werden. Und dann ist da noch der Weißhemden-Hauptmann Jaidee Rojjansukchai, ein besonders fanatischer Mann, den man den "Tiger von Bangkok" nennt. Er schlägt immer härter gegen die Importe der Farang los. Gute Nachricht könnte aber der schäbige Nachtklubbesitzer Raleigh haben. Er besitzt das japanische Aufziehmädchen Emiko, ein genmanipulierter Mensch, der in Thailand verboten ist – wird sie von den Weißhemden ergriffen, so wird sie kompostiert. Sie wird zum Amüsement bigotter Thais und Farang öffentlich gedemütigt und gequält, anschließend muss sie sich prostituieren. Sie hat von einem Kunden etwas von einem "Gi Bu Sen" gehört – vielleicht verbirgt sich dahinter einer der berüchtigtsten Genfledderer, dessen AgriGen habhaft werden will.

 

Das Setting ist zweifelsohne die Stärke von Biokrieg. Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft des 21. Jh. in Bangkok, das im Roman nur Krung Thep, die Stadt der Engel, heißt. Ältere Figuren können sich noch an die Zeiten vor Peak Oil erinnern, doch jetzt ist das Erdöl aufgebraucht. Wichtigster Energiequellenersatz scheint die Muskelkraft zu sein, die in Spannfedern gespeichert wird: Die Weißhemden fahren Fahrrad, Farang in Rikschas, Megadonten – gewaltige genmanipulierte Elefanten – treiben die Maschinen in den Fabriken an, Pistolen werden mit Spannfedern aufgezogen und Computer via Tretkurbel mit Strom versorgt. Wo die Energieversorgung sehr rückständig scheint – es gibt nur noch wenig Kohlediesel und Methan, Wasser- und Windkraftwerke anscheinend gar nicht – ist die Biotechnologie sehr fortschrittlich: Genmanipuliertes Leben ist alltäglich geworden, ja es hat vielfach das unmanipulierte verdrängt – nicht immer zum Vorteil der Menschen. So gibt es zwar klimaresistente Getreidesorten, doch diese sind steril und müssen Jahr für Jahr von den Kalorienkonzernen eingekauft werden. Damit fremde Genfledderer nicht den Code hacken und eigene Getreidesorten herausgeben, werden von den Kalorienkonzernen Getreideseuchen konstruiert – wie etwa die Elfenbeinkäfer, die alle nicht entsprechend genmanipulierten Pflanzen zerfressen. Um in diesem Kampf um die Kalorienmärkte die Nase vorn zu behalten, braucht AgriGen den Zugang zur Samenbank der Thai. Und die Weißhemden versuchen, jene Gen-Seuchen mit radikalen Mitteln aus Thailand zu halten.

In dieser Hinsicht ist das Setting eine Mischung aus Steampunk und Biopunk – Uhrwerk meets Genmanipulation, Kohledieselautos wirken wie Magie – in ihnen steckt so ungeheuer viel Kraft. Und die Gesellschaft wurde vom Raubtierkapitalismus deformiert.

Eine interessante Eigenheit ist noch zu erwähnen: Die Thais können Phii – die Geister der Verstorbenen – sehen; seit der großen Kontraktion nach Peak Oil sind sie überall. Ob die Geister allerdings 'real' sind oder nur eine Art der Thais, ihre Schuldgefühle zu verarbeiten, bleibt letztlich unklar. In dieser Hinsicht könnte man Biokrieg sogar in die Nähe des mittlerweile verbleichenden New Weird rücken.

 

Die Anzahl der Figuren ist relativ groß – es gilt, sich die Namen von knapp zwanzig handlungsrelevanten Figuren zu merken. Es gibt allerdings eine Handvoll von Kernfiguren, aus deren Perspektive die Handlung verfolgt wird. Diese Kernfiguren werden erheblich detaillierter geschildert, obwohl sie immer noch nicht als rund zu bezeichnen sind und sich auch nur wenig – und eher ruckhaft – entwickeln; die Randfiguren sind dagegen eher flach und entwickeln sich erwartungsgemäß gar nicht. Außerdem sind die Kernfiguren eher exzentrisch, während die relevanten Randfiguren z. T. zentrisch sind.

Zunächst ist da Anderson Lake, Genspäher für AgriGen. Er soll die verborgene Samenbank Thailands zugänglich machen, sei es mit Gewalt, sei es mit Geld. Trotz all der Probleme, die die Kalorienkonzerne verursachen, hält er sein Handeln für moralisch richtig – immerhin braucht man die frischen Gene, um der Rostwelke einen Schritt voraus zu bleiben. Und je weiter er vom blutigen Geschehen entfernt ist, desto skrupelloser wird er – Gewalt sieht er selbst nicht gerne mit an, doch wenn es sein muss, wird er persönlich die Federpistole in die Hand nehmen. Lake lernt das Aufziehmädchen Emiko kennen. Zunächst ist er vom Retortenmensch abgestoßen, doch nach und nach erliegt er der Faszination der Heechy-Keechy, wie die Thais die Neuen Menschen abfällig nennen. Emiko ist ein Gefährtinnen-Modell: Sie kann alles, was eine perfekte Sekretärin können muss – Termine organisieren, Protokolle führen, die verschiedensten Sprachen übersetzen usw. Außerdem sieht sie wunderschön aus und ist großartig im Bett. Dafür haben ihre Schöpfer gesorgt – teils durch genetische Disposition, teils durch radikale Konditionierung. Teil dieses Erbes ist der Drang zu gehorchen und gefällig zu sein. Nun wird sie zu Unterhaltungszwecken allabendlich vergewaltigt – Thai und Farang lieben ihr betteln und ihre abrupten Bewegungen. Emiko kann dieses Leben kaum mehr ertragen. Dann hört sie von Anderson von einem Dorf im Norden, in dem nur geflohene Aufziehmenschen leben. Hauptmann Jaidee Rojjansukchai ist ein harter Hund. In seiner Jugend war er ein Box-Champion, dann trat er den Weißhemden bei. Als solches tat er grässliche Dinge – er verbrannte ganze Dörfer, um die Rostwelke aufzuhalten, er geht mit seinen Schlägern gegen YellowCard-Chinesen und Farang vor; Aufziehmenschen werden kompostiert. Denn wenn die Kalorienkonzerne Eingang in Thailand finden, dann ist das Königreich verloren. Dennoch ahnt er, dass er den Kampf nicht ewig bestehen kann – Jaidee nimmt es mit Galgenhumor. Die letzte, am wenigsten exzentrische und zugleich am wenigsten handlungsrelevante Figur ist der YellowCard-Chinese Hock Seng. Er war einst ein großer Handelsfürst, doch dann ermordeten die Islamisten alle Chinesen in Malaysia und Hock floh nach Thailand. Er sehnt sich nach dem Aufbau seines alten Klans. Dafür veruntreut er Gelder von seinem Arbeitgeber Anderson und trifft sich mit kriminellen Elementen. Er ist zu größeren Untaten bereit – wenn ihn sein Mitleid und seine Zögerlichkeit nicht aufhalten.

Daneben gib es, wie erwähnt, zahlreiche weitere Figuren: den prahlerischen Farang Richard Carlyle, die sadistische Prostituierte Kannika, den chinesische Kleinkriminellen Lachender Chan, den mörderischen Thai Dog Fucker, Jaidees humorlose, unkultivierte rechte Hand Kanya und selbst General Pracha und Minister Akkarat treten auf.

 

Mit dem Plot ist es etwas komplizierter. Jede der vier zentralen Figuren führt einen eigenen Handlungsstrang mit jeweils eigenem Plot. Anderson Lake ist einerseits auf der Suche nach der Samenbank und dem mysteriösen "Gi Bu Sen", andererseits muss er den Weißhemden aus dem Weg gehen bzw. sich mit Akkarats Männern arrangieren. Hierbei handelt es sich um eine Art Spionagethriller. Die Spannungsquellen sind ganz entsprechend Action und direkte Bedrohung sowie die Rätsel um die Samenbank, aber auch Carlyles Verbindungen zu Akkarat. Sein direkter Gegenspieler ist Hauptmann Jaidee. Der Plot beginnt als etwas, das man als Police Procedure bezeichnen könnte – Jaidees Weißhemden gehen mit SA-Methoden gegen ausländische Geschäftsleute vor – wird dann aber mehr und mehr in politische Intrigen verstrickt; dann könnte man es einen Polit-Thriller nennen. Spannungsquellen sind wiederum vor allem Action und direkte Bedrohung, im geringeren Maße die Rätsel bezüglich der Verbrechensaufklärung. Auch Hock Sengs Plot geht in diese Richtung – er will seinen Klan wiederaufbauen und lässt sich dazu mit Kriminellen ein. Es ist eine Art Gangster-Aufbauplot – wieder Action und direkte Bedrohung – mit starken Momenten eines Sozialdramas. Schließlich bleibt Emikos Plot. Gewissermaßen sucht sie ihre Nische in der Gesellschaft – also das Motiv einer klassischen Bildungsgeschichte. Hier böte sich eine massive Hinwendung zum Seelenleben eines künstlichen Menschen an, zumal Emiko ein eher passiver, leidender Protagonist ist. Doch da Bacigalupi dieses sich oder dem Leser nicht zumuten wollte, ersetzt er diese Spanungsquelle vielfach durch Action und direkter Bedrohung. Aus diesen vier Plots lässt sich nun ein Metaplot ableiten, der relativ klar als Fall von Krung Thep zu beschreiben ist; dem Leser wird bald ersichtlich, dass die Stadt fallen muss, die Frage ist nur: Wie tief?

Aus dem zum Plot Gesagtem könnte man schließen, dass Biokrieg ein Action-Roman ist, in dem sich die Ereignisse nur so überschlagen. Das wäre allerdings verfehlt, denn Bacigalupi erzählt recht situativ, legt viel wert auf die Wunder des Settings, entsprechend ist der Plotfluss recht träge, selbst am Ende ist er nicht rasant zu nennen. Eine gewisse Unfokussiertheit der Stränge tut ein Übriges dazu.

Hier will ich noch einen Kritikpunkt ansprechen, der allerdings weniger zum Formalen als zum Thematischen gehört, mich dennoch irritiert. Bacigalupi geht von einer totalen Beherrschbarkeit der Natur aus – Katastrophen sind das Ergebnis von durch Gier motivierten Missbrauch der Technik. Selbst die allgegenwärtigen Cheshire-Katzen ließen sich verdrängen, wenn die großen Geister es nur wollten. Das scheint mir an der Realität vorbei zu sein: Weder das Erdbeben, noch der Tsunami, die Japan 2011 verwüsteten, waren kontrollierbar. Und an dem Atomunfall in Fukushima war die Gier zwar ebenfalls beteiligt, aber nicht monokausal; die Reihe ließe sich erweitern. Oftmals ließe sich ein Problem mindern, aber nicht vermeiden, hätte man in Sicherheitsfragen in vorher zugunsten der Kostenminimierung gespart. Ob sich das in einer Zeit, die sich wehmütig an die Größe vor dem Peak Oil zurückerinnert, wohl so nachhaltig ändern würde?

 

Erzähltechnisch ist der Roman konservativ. Die vier Handlungsstränge sind aus einer Mischung von personaler und auktorialer Perspektive erzählt. Der Aufbau ist zwar dramatisch, aufgrund der Zeitsprünge in der Handlung zwischen den Kapiteln wirkt er aber gelegentlich episodisch, einzelne Rückblicke in die Vergangenheit der Figuren tragen das Ihrige dazu bei. Abgesehen von diesen regressiven Momenten sind die Stränge progressiv. Da der Metaplot zur Kategorie "Der Fall von …" gehört, ist der Roman an sich desillusionierend, einzelne Stränge können aber Entwicklungen beschreiben.

Das Gefühl einer auktorialen Perspektive speist sich vor allem aus dem gleichbleibenden Stil, der allerdings in sich einigermaßen variabel ist: Die Sätze neigen dazu, mittelmäßig lang, vielleicht etwas länglich zu sein, selbst solche, die nur aus einem Hauptsatz bestehen, fallen selten unter die Aufmerksamkeitsschwelle; wirklich lange Sätze, die über eine Zweigliedrigkeit hinausgehen, treten zwar häufiger auf, sind aber auch nicht üblich, Schachtelsätze sogar noch seltener. Die Wortwahl ist neutral, aber mit vielen Fremdworten durchsetzt, von denen einige Kunstwörter sind: Farang, Gaijin, Heechy-Keechy, Rostwelke, AgriGen, U-Tex-Reis, Kamma, Sanuk – gelegentlich wäre ein Glossar hilfreich gewesen, um die genaue Bedeutung zu verstehen. Dies führt aber zu einem gerne verwendeten Stilmittel Bacigalupis: Der Stoß ins kalte Wasser. Zu Beginn wird der Leser mit Begriffen, Namen und Ereignissen überschwemmt, die er nicht zuordnen kann: Was ist "Rostwelke"? Wer ist der "Kadaverkönig"? Nach und nach wird der Leser für viele Details ein weiterreichendes Verständnis entwickeln.

 

Fazit:

Noch scheint die Lage in Krung Thep ruhig und hoffnungsvoll, doch der Streit zwischen den Machthabern General Pracha und Minister Akkarat schwelt schon lange – ein Funke kann das Pulverfass zum Explodieren bringen. Wird der AgriGen-Spion Mr. Lake die Samenbank der Thais finden? Wird der chinesische Flüchtling Hock Seng seinen Klan wieder aufbauen können? Wird Emiko ihre Nische in der Welt finden? Wird Hauptmann Jaidee die Gen-Seuchen der Kalorienkonzerne abwehren können? Paolo Bacigalupis Biokrieg ist trotz hoher Auszeichnungen ein wenig durchgeformter, durchwachsener Roman: Das Setting ist hervorragend, unter umständen kann es sich als wegweisend erweisen, die anderen Aspekte – Figuren, Plot, Erzähltechnik – sind eher mittelmäßig, ohne klare Stärken oder Schwächen. Es bleibt ein sehr empfehlenswerter Roman für Anhänger dystopischer Nahzukunft-SF; die vom Klappentext implizierte Klasse von William Gibsons Neuromancer kann er allerdings nicht erreichen.

 

 

 

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Roman:

Titel: Biokrieg

Reihe: -

Original: The Windup Girl

Autor: Paolo Bacigalupi

Übersetzer: Hannes Riffel, Dorothea Kallfass

Verlag: Heyne (Februar 2011)

Seiten: 606 Seiten

Titelbild: Nele Schütz Design

ISBN-13: 978-3-453-52757-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 06.05.2011, zuletzt aktualisiert: 15.01.2019 09:44