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Blitz

Autor: Werner Vogel

 

Dann kam der Blitz. Sein Licht war so grell, so gewaltig, dass sofort alles Leben im exquisiten Kaufhaus „Go West“ erstarrte. Die Menschen, die sich gerade noch gebalgt hatten um die sensationellsten Angebote, die gewühlt hatten im reichhaltigen Sortiment und an den überfüllten Kassen gedrängelt, waren nun zu Salzsäulen, zu Eiszapfen, zu bunten Stalagmiten, die vor ewigen Zeiten aus dem marmornen Schachbrettboden emporgewachsen zu sein schienen, geworden. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind verharrte in der gerade eingenommenen Position, als ob die ganze Welt „Versteinere dich!“ gerufen hätte, als ob ein mächtiger, zorniger Fotograph Bewegung strikt verboten hätte, damit ein Meisterwerk, ein alles umfassendes Gesamtkunstwerk gelänge. Und das Licht, das nicht bloß durch die Fenster hereinströmte, sondern auch durch die Wände, durch die Türen, durch die Decke, überschwemmte sie, überflutete sie, nein, durchdrang sie wie Röntgenstrahlen, beleuchtete ihr Innerstes, auch ihre bösen Gedanken, ihre intimen Geheimnisse, ihre kleinen und großen Lügen. Geblendet standen alle, hypnotisiert vom Licht der Wahrheit, einer Wahrheit, die sie so lange schon von sich weg geschoben hatten, weit weg, die sie nun ihrerseits aufsuchte, um ihren Preis zu nennen, ihren Tribut einzutreiben. Eingebrannt blieb dieses grausame, heilsame, wundersame Licht in ihre Nervenbahnen, so dass sie die Finsternis nach dem Blitz nicht mehr wahrnehmen konnten.

 

 

Dann kam der Donner, markerschütternd, in den Eingeweiden vibrierend, dumpf und grollend, grollend und laut, so laut, dass nach ihm niemals mehr ein geflüstertes Wort der Liebe möglich sein würde. Und mit ihm kam Bewegung in die Starre, die geglückte Momentaufnahme, den Schnappschuss. Frauen in teuren Kleidern tasteten nach ihren zu Boden gesunkenen Kindern, durchtrainierte Männer fielen auf die Knie, um ohne Worte zu einem Gott zu beten, der ihnen noch vor Sekundenbruchteilen fremd gewesen war wie ein fernes Land, von dem man zwar gehört hatte, in das man jedoch niemals reisen würde. Einzig Schnäppchenjäger Franz Fasching, der noch kurz zuvor einen Ladentisch mit wertvoller Markenkleidung ehrfurchtsvoll aus angemessener Entfernung gemustert hatte, erkannte, dass in dem Ereignis, das hier seinen unabänderlichen Lauf nahm, seine Chance lag, die er, seit es ihn gab, herbeigesehnt hatte, die jedoch nur ein Wunder hatte ermöglichen können. Und nun geschah es wirklich und wahrhaftig, dieses Wunder! Weil er als Einziger seit Jahren darauf gehofft hatte, hatte er allein jetzt die Kraft zu handeln. Er spannte seine Muskeln, ging in die Knie, federte hoch und katapultierte sich mit einem kühnen Sprung mitten hinein in die Luxusstoffe, die Armani-Shirts, die Lacoste-Leibchen, die Versace-Hemden. Obwohl sein Körper hart am Tresen aufschlug, sich mehrere Preisschilder tief in sein Fleisch bohrten, spürte er keinen Schmerz. Wozu auch noch? Er machte diesen Ort, der zeitlebens unerreichbar gewesen war für ihn, zu seinem persönlichen Wühltisch, seinem Diskont-Regal, seinem Paradies. Seine Hände verkrallten sich in die herrlichen, ja göttlichen Waren. Er presste sie an sich, verbiss sich in sie, sog gierig ihren Duft auf, er zerriss sie, um ihr Inneres zu sehen, verschlang grunzend ihre Fetzen, so lange ihm noch Zeit dazu blieb.

 

 

Dann kam der Sturm. Die Luft, die er mit sich brachte und mit animalischer Kraft gegen die menschlichen Kartenhäuser und Sandburgen schleuderte, war aus Feuer, aus glühender Lava. Die gepanzerten Auslagenscheiben des Kaufhauses „Go West“ zerplatzten wie Seifenblasen, ihre Splitter verdampften im Flug wie lachhafte Kometen. Den stolzen Schaufensterpuppen blieb nicht mehr die Gelegenheit als wütende Racheengel durch den Raum zu jagen, denn sie schrumpften in Zeitraffertempo zu schwarzen Rosinen. Die Rolltreppen, die bereits schmelzend noch einige Augenblicke weiterfuhren, wurden zu rot kriechenden Tausendfüßlern. Jemand lachte schrill auf. Oder war das bloß das Bersten der Grundfesten des Gemäuers gewesen? Die beruhigende und zugleich aufreizende Musik aus den zahlreichen Lautsprechern verwandelte sich in das Gurgeln eines wütenden Riesen. Die Menschen ebnete der Sturm ein, machte sie gleich vor dem Herren, völlig gleich, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Auch all ihre Schöpfungen, auf die sie so stolz gewesen waren, für die sie gekämpft hatten bis aufs Blut, ihre Waren, Preise, Werte, Schilder, Wünsche, Hoffnungen, machte er gleich, gab ihnen das rechte Maß, planierte sie, knetete sie zu einer flachen, grauen Masse. Keine Zugeständnisse wurden mehr gemacht, keine Deals, keine Kompromisse geschlossen, kein Aufschub gewährt, kein Kredit gegeben, nichts, absolut nichts mehr gestundet.

 

 

Das alles sah mit edlen Stofffetzen im geifernden Rachen unter einem Haufen von Kostbarkeiten hervor Franz Fasching von seinem Sekundenthron aus, ehe auch sein Augenlicht erlosch, ausgedämpft von einem Feuer, das stärker war als jenes, welches seit seiner Kindheit in seiner Seele gelodert hatte. Fasching sah die Gleichheit aller Menschen, spürte die umfassende Gerechtigkeit des Seins und auch die des Unterganges, dessen Zeuge und Opfer er soeben wurde, während er in Glut ertrank. Wieder war da kein Schmerz, wozu auch? Dafür wäre früher Zeit gewesen, nun aber endete die Zeit. In der letzten aller zählbaren Sekunden spürte Fasching keine Trauer, keinen Zorn, keine Verzweiflung. Freilich wäre es übertrieben, zu schreiben, dass er in diesem infernalischen Moment glücklich gewesen wäre, wie es immer übertrieben ist, das Wort Glück zu strapazieren. Aber zumindest erkannte Fasching, bemerkte, erfasste und begriff, und das war mehr, als ihm zuvor jemals gelungen war. Er erkannte die Verletzlichkeit aller Lebenden, bemerkte seine eigene Einzigartigkeit, erfasste jedes Detail der finalen Situation und begriff sie als Symbol für jene Gleichheit und Gerechtigkeit, die er immer zu finden gehofft hatte und die ihm hier unwiderlegbar demonstriert wurde. Es gab sie also doch. Nein, Franz Fasching empfand kein Glück, während er zu Staub zerfiel, schon gar keine Schadenfreude für die anderen, die er doch stets beneidet hatte um alles, was sie auch darstellen oder besitzen mochten. Sein letzter Eindruck, den er in die zeitlose Ewigkeit, den ewigen Frieden mitnahm wie einen Duft, der einem nach langen Jahren plötzlich wieder in den Sinn kommt, ohne dass man ihn tatsächlich gerochen hätte, war Erleichterung. Zentnerschwerer Ballast fiel von seiner Seele und, das wusste er mit Bestimmtheit, auch von allen anderen Seelen in diesem Gebäude und draußen auf dem ganzen explodierenden Globus. „Sonderangebot“, schoss ein abschließendes Wort durch seine zu brodeln beginnende Gehirnmasse, und er nahm es dankend an und ließ sich fallen in die Gemeinschaft der Heiligen und in die Vergebung der Sünden.

 

 

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Erstellt: 13.12.2008, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17