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Blutrot von Jack Ketchum

Rezension von Christian Endres

 

In seinen ersten auf Deutsch veröffentlichten Romanen ließ Dallas Mayr alias Jack Ketchum erschreckend kindliche Sadisten, hinterwäldlerische Kannibalen und obsessive Psychopathen auf seine Leser los. Mit »Blutrot« (im Original »Red«, 1995 erschienen und im Sommer 2008 mit Brian Cox und Tom Sizemore verfilmt) schlägt der amerikanische Thriller-Spezialist, der sich solch illustrer Bewunderer wie Stephen King rühmen kann (wie uns gleich Front- und Backcover des schön aufgemachten Heyne-Taschenbuchs auskunftfreudig mitteilen) nun erstmals leisere und – für seine Verhältnisse - sanftere Töne an.

 

Der Figurenkreis ist wieder angenehm überschaubar, das Drama dafür einmal mehr schnell gefunden und obendrein ein sehr persönliches und intensives, als Korea-Veteranen Av Ludlow von drei Jugendlichen beim friedlichen Angeln gestört wird, die den rüstigen Rentner dann auch noch ausrauben wollen und am Ende sogar aus purer Schadenfreude und Brutalität seinen alten vierbeinigen Kameraden - den Hund Red - abknallen. Alles, was Av Ludlow daraufhin möchte, ist, dass die Wahrheit ans Licht kommt – und Gerechtigkeit. Doch weder das Gesetz, das für Tierquälerei läppische Strafen vorsieht, noch die Eltern der Jungs helfen ihm und lassen ihn viel mehr im Stich und stellen sich gegen ihn, woran auch eine wohlgesinnte TV-Reporterin nichts ändern kann. Als man ihm dann auch noch den letzten symbolischen Anker zu seiner ohnehin von einem Schatten getrübten Familienvergangenheit entreißt, sucht der ältliche Mann selbst nach Gerechtigkeit – und die Konfrontation...

 

Was nun auf Anhieb nach einer schrägen Rambo-Nummer aus dem Altenheim klingt, spinnt Dallas Mayr/Jack Ketchum zu einem starken Kurzroman (denn ein solcher ist das vorliegende Werk, was auch ein cleverer Satz und eine Leseprobe am Ende nicht ganz kaschieren können – sei’s drum). Aufhänger ist natürlich sein sympathischer, wenn auch ›besessener‹ Hauptcharakter Av, der rot sieht. »Blutrot«, sozusagen (gut getroffen und endlich mal ein sinniger deutscher Titel). Und auch wenn der Aufbau bei Ketchum wieder einmal stärker als das eigentliche Finale, die eigentliche Eskalation ist, packt einen die Geschichte doch von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los.

 

Die moralische Botschaft um die Laschheit mancher Gesetzte, gesellschaftliche Verlogenheit, von Geld und Ansehen abhängige Glaubwürdigkeit und die Suche nach der Wahrheit bleibt zum Glück halbwegs unaufdringlich und kommt mit wenigen verbitterten Schwingungen gegen das Establishment aus. Und natürlich lässt man als Leser seine Sympathien beim gebeutelten Av, egal was dieser auch anstellt. Die seltsame Lovestory zwischen dem über Sechzigjährigen und einer deutlich jüngeren Frau hätte Ketchum sich dagegen durchaus sparen dürfen, und ob er bei den Tragödien in Avs Vergangenheit nicht etwas zu dick aufgetragen hat, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt.

 

Trotzdem überzeugt der ›vierte Ketchum‹ unter Heynes vielseitigem Hardcore-Label wieder mehr als die letzten beiden Werke des Amerikaners und nähert sich qualitativ wieder dem Mädchen eine Tür weiter, also »Evil«, obschon »Blutrot« zwischen Verlust, Scheinmoral und Rache gänzlich anders tickt und trotz aller Gewalt am Ende weit weniger quälerisch ist als die bis hierhin auf Deutsch veröffentlichten Ketchums.

 

Mit »Evil« bis dato der beste Ketchum.

 

 

 

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Titel: Blutrot

Autor: Jack Ketchum

Taschenbuch, 288 Seiten

Heyne, November 2008

ISBN: 3453675568

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.11.2008, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46