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Bruno Lüdke, Massenmörder vom Kiez: Alles Lüge?

Artikel von Karin Reddemann

 

Bruno Lüdke … nur eine arme Seele?
Bruno Lüdke … nur eine arme Seele?

Bruno Lüdke war ein armer Teufel, dem das Leben nichts wirklich Gutes geschenkt hatte. Er galt als geistig beschränkt, und kleinere Diebstähle wurden ihm als die harmlosen Gaunereien eines unauffälligen und grundsätzlich friedlichen, aber eben höchst einfältigen Berliner Burschen nachgesehen, der nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte. Das klare Bild vom »doofen Bruno«, »Trottel aus Köpenick«, als der er auf dem Kiez bekannt war, änderte sich schlagartig. Von einem Tag auf den anderen zeigte es ein mordendes Monster in Menschengestalt. Und der kleine Bruno Lüdke wurde mit höchster Wahrscheinlichkeit zu einer großen Lüge. Zur gewaltigen Lüge, deren Aufdeckung als geheime Sache des Dritten Reichs auch geheim bleiben sollte. Weil es gar keine Aufdeckung gab.

Geheime Reichssache

Im Januar 1943 wurde die 51jährige Frieda Rösner im Köpenicker Stadtwald ermordet. Und Sonderling Lüdke, der dort im Grünen wohl öfter als Spanner herum geschlichen war, wurde von der Gestapo verhaftet. Er gestand, sie vergewaltigt und mit einem Halstuch erdrosselt zu haben. In den folgenden polizeilichen Verhören, die der junge Kriminalkommissar Heinrich Franz als Hauptermittler führte, wurde ein unglaublicher Verdacht zum fast schon grotesken Faktum: Man sah in Lüdke einen Serienkiller des absoluten Kaliebers.

 

Ungeklärte Mordfälle und Vermisstenanzeigen aus dem gesamten Reichsgebiet, die bis auf 1920 zurückgingen, wurden dem verwirrten, wohl aber stets freundlich und höflich bleibenden Lüdke vorgelegt. Und SS-Obersturmführer Franz als Kopf des Ermittlerteams hatte wohl rasch sein Vertrauen gewonnen, verhielt sich angemessen kumpelhaft und brachte Lüdke dazu, sehr redselig und auf erhoffte Art kooperativ zu werden. Lüdke erzählte von Ausflügen in andere Städte. Hamburg. Thüringen. Ob er dort an jenem Tag des Jahres X jene Frau unter jenen Umständen …? Lüdke nickte. Sein »Erinnerungsvermögen« und sein Geschick, der Polizei über Jahre hinweg immer wieder problemlos zu entkommen, – demnach alles erstaunlich gut und viel zu gut und genau für einen geistig Zurückgebliebenen –, nahm man als gegeben hin. So stimmte es eben.

84 Morde gestanden

Und Lüdke gab weitere Morde zu. Darunter etliche Morde, die er nach Recherche der Kollegen von Franz definitiv gar nicht begangen haben konnte. 84 Frauen sollten es letztendlich gewesen sein, die der 35jährige Hilfsschüler und Kutscher bei Bedarf, Sohn eines Wäschereibesitzers, von Kindheit an als »schwachsinnig« befunden und 1940 als einer von insgesamt 400.000 geistig und körperlich behinderten Menschen im Dritten Reich zwangssterilisiert, scheinbar wahllos umher reisend getötet haben soll.

Nach außen hin schien es so, als habe man einen fetten Mörderfisch an der Angel. Interne Einwände und Zweifel an Lüdkes Schuld wurden offiziell weg gewischt. Der Mann hatte komplett alles zugegeben, und Reichsverteidigungskommissar Joseph Goebbels schrieb an den obersten Polizeichef Heinrich Himmler, – so steht es zumindest –, …

 

»… dass der bestialische Massenmörder und Frauenschlächter Bruno Lüdke … seine scheußlichen Verbrechen wenigstens mit einem martervollen Tode sühnen …«

 

… sollte. Doch Lüdke kam nicht vor Gericht. Er wurde in das Kriminalmedizinische Zentralinstitut der Sicherheitspolizei in Wien gebracht.

NS-Versuchskaninchen

Nachts, wenn der Teufel kam (Filmplakat)
Nachts, wenn der Teufel kam (Filmplakat)

Lüdke, der seine nähere Umgebung mit seinem Schauer-Geständnis völlig fassungslos gemacht hatte, – wer ihn kannte, sagte über ihn, er könne weder ein Huhn rupfen geschweige denn ihm den Kopf abschlagen, so unbeherzt sei er –, starb im April 1944 als menschliches Versuchskaninchen für Pseudo-medizinische Zwecke.

 

Offiziell starb er als Massenmörder. Als größter Serienkiller der deutschen Kriminalgeschichte. Als Mann, der im Spiegel 1950, sieben Jahre nach seinem Tod, völlig unkommentiert »Tiermensch«, »Neandertaler« und »Menschaffe« genannt werden durfte, weil die Leute ihn als blutbesudelte, eiskalte Bestie sahen. Sehen mussten. Denn er wurde ihnen so verkauft. Aber Lüdke, der vom Morden Besessene, war eine Lüge. Lüdke, diese arme, von ihrer Welt und der um sie herum gänzlich überforderte Seele, war die Wahrheit. Und die brachte erst in den 1990ern auf direktem öffentlichen Weg der niederländische Kriminalist Jan Blauw auf den Punkt: Lüdke war einwandfrei ein Opfer. Nicht mehr und nicht weniger in einer Zeit, deren Schatten viel zu lang sind, um verzerrt zu bleiben oder gänzlich zu verblassen. Und es verbleibt die eine Frage, ob Lüdke überhaupt getötet hat. Ob er »nur« der Mörder von Frieda Rösner gewesen ist. Oder nicht einmal das.

Vom Teufel gegönnt

Der »doofe Bruno«: Serienkiller vom Kiez? Wohl alles falsch. Bruno Lüdke starb als NS-Zielscheibe, als sinnfreies Experiment. Als schmutziger, blutiger Lorbeer, Quotengewinn für vermeintlich solide Polizeiarbeit. Vielleicht auch als vom Teufel gegönntes Alibi für die wahren Mörder. Und letztendlich als Sündenbock für nie wirklich Aufgeklärtes, dessen geistige Behinderung es bequem machte, ihn mit der ganzen Wucht einer entsetzlichen Schuld zu beladen.

 

Hautnah: Mario Adorf als Bruno Lüdke (c) Gloria
Hautnah: Mario Adorf als Bruno Lüdke (c) Gloria

Immerhin: Bruno Lüdke errang bereits 1957 posthum Ruhm auf der Kinoleinwand als geisteskranker Massenmörder (gespielt von Mario Adorf) in Nachts, wenn der Teufel kam, ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis und als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert. Vorlage war der »Tatsachenbericht« des Journalisten Stefan Amberg alias Will Berthold, in dem vor allem die anständige, unpolitische Polizeiarbeit im Dritten Reich einen zentralen Platz einnimmt.

 

Gleichwohl: Adorf wurde von der Kritik für seine Darstellung des »Menschenbullen, dem die Leiden der gehetzten Kreatur widerfuhren«, hoch gelobt. Und die in Ost-Berlin lebenden Schwestern des echten Lüdkes mussten mit dieser Darstellung trotz Einwandes, dass das alles so nicht richtig sei, letztendlich auch klar kommen. Sie hatten vergeblich versucht, eine einstweilige Verfügung gegen den Film durchzusetzen. In einem Schreiben heißt es:

 

»Unser Bruder hat erklärt: ›Wenn ick nich sage, det ich die Rösler ermordet hab, schießen se mir dot!‹«

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Serienkiller: Bruno Lüdke

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Erstellt: 14.01.2020, zuletzt aktualisiert: 18.10.2020 13:27