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CAFÉ NOCTURNE

Autor: Markus Kastenholz

 

Als Frank White in seiner kleinen Junggesellenwohnung im ersten Stock der Collins-Street 18 in Bellings, New Hampshire, um 1:02 Uhr seine Nachttischlampe ausschaltete und das eingenommene Beruhigungsmittel ihn binnen weniger Minuten einschlafen ließ, löste sich sein Schatten von ihm.

Wie ungezählte Male zuvor schälte sich Frank II von seinem Fleisch, froh, daß es endlich Schlaf gefunden und ihn in die Freiheit entlassen hatte.

Körperlos richtete er sich auf, und sobald seine lichtlosschwarzen Beinen auf dem Boden vor dem Bett standen, begann sich die Welt um ihn herum zu drehen, wurde ein wildwirbelnder Strudel, der ihn lapidar verschluckte. Die Konturen der kleinbürgerlichen Umgebung mit dem winzigen Zimmer und der spartanischen Einrichtung verschwammen abrupt, veränderten sich, und kein Augenzwinkern später fand er sich in Schattenland wieder.

Umschlossen von sakralen, meterdicken Granitmauern türmten sich vor ihm die ewigen Tore der Stadt auf. Die Mauern erstreckten sich bis zum Horizont und darüber hinaus, kannten weder Ende noch Anfang. Man konnte ein Leben lang darum herum gehen, ohne sie ganz zu umrunden. In ihrer Mitte erkannte Frank II ein schier unüberschaubares Labyrinth aus Villen, Türmen, Palästen, Kastellen, Minaretten, Höhlen und Pyramiden: ebenso zahllos wie die Schatten, die hier Abwechslung, Zerstreuung und Beisammensein unter ihresgleichen suchten und fanden.

Die Stadt war ihr Zuhause, ihre Zuflucht. Niemand wußte, wer sie einst erbaut oder erdacht hatte. Womöglich gar der legendäre GIGASCHATTEN: In seltenen Momenten, in denen sich die Phantasie selbständig machte, tuschelte man vom Schatten einer archaischen Gottheit, deren Namen auszusprechen sich niemand traute. In der Fleisch-Welt schlafe sie ständig, und so habe ihr Schatten seit Anbeginn der Zeit das Privileg, hier permanent sein kleines, immenses Reich zu regieren, ohne je selbst in Erscheinung zu treten. Tief unter der Stadt sollte er hausen, doch mit eigenen Augen gesehen hatte ihn noch niemand. Und jeder hoffte, nie dieses zweifelhafte Vergnügen zu bekommen.

Neben ihm tauchten weitere Schemen auf, mehr und mehr: Kleine Humanoide mit großen Köpfen von Zeta-Reticuli. Muskulöse Reptilien auf sechs Beinen von P’tagh. Winzige Insektenwesen von Toshkhja. Und nicht zu vergessen die großgewachsenen, filigranen Feen (Frank II nannte sie jeden-falls so) von Wak’ó-kàûl. Wo auch immer ein Funken Intelligenz im Universum glühte – dessen Schatten war hier vertreten. Langsamen oder eiligen Schrittes, mit schnellen Flügelbewegungen, kriechend oder auch schwebend bewegten sie sich auf die Tore zu. Auch ihr Fleisch schlief und war unbeobachtet. Frank II schloß sich ihnen an.

Die Zeit drängte. Durch den Autotod seiner Freundin hatte sich Frank so aufgeregt, daß er seitdem unter Diabetes litt. Aus dummer Eitelkeit weigerte er sich, zum Arzt zu gehen und sich behandeln zu lassen. Vielleicht wollte er aber auch sterben und war lediglich zu feige, von einem Hochhausdach zu springen oder sich zu erhängen. Inzwischen hatte er über zwanzig Kilo Gewicht verloren, trank Unmengen Wasser, Kaffee, Cola - was immer ihm an Flüssigkeit in die Hände geriet und mußte daher oft viermal nächtlich zur Toilette. Dann wurde Frank II jedesmal von hier fortgerissen.

Bei der Erinnerung daran begann er sich zu beeilen und hoffte inständig, Jacqueline schlief ebenfalls in ihrem Kaff bei Hannover. Hätte er ein Herz gehabt, es hätte begonnen, vor Aufregung schneller zu pochen.

Jedesmal von neuem war er überwältigt von der gewaltigen, dunklen Stadt ohne Namen. Pechschwärze allüberall. Die Gebäude, der Boden, selbst der Himmel. Kein noch so geringer Lichtschein durchbrach das bezaubernde Ambiente, selbst Grautöne fehlten. Genauso war es gut, richtig, perfekt. Genauso mußte es sein. So oft er nun auch schon diesen magischen Ort aufgesucht hatte – er verlor nie auch nur ein Quentchen der erstmaligen Faszination. Immer wieder entdeckte er neue Facetten und Details, für die er bislang blind gewesen war. Und selbst wenn er eine Million Jahre Zeit gehabt hätte, nie wäre ein Anflug von Langeweile aufgekommen.

Überfüllte Gassen, Straßen, Wege und Alleen schmiegten sich an Parks, Wälder, Dschungel und riesige, einladende Plätze. Zugbrücken, gläserne Tunnel und Hängebrücken. Häuser, Hütten, Zelte und Wolkenkratzer reihten sich dicht aneinander. Jeder Baustil fand sich hier wieder. Die Architektur war ebenso schmelztiegelhaft vielfältig wie die Kulturen, die hier verkehrten. Weibliche Schatten neben männlichen, alte neben jungen und große neben kleinen. Schatten aus weit entlegenen Gebieten des Alls, die Frank II mit seinem dürftigen Wortschatz kaum beschreiben konnte.

Geschaßt wurde hier niemand. Wegen des Aussehens ohnehin nicht. Und Geld war ein Gut der Fleischlichen. Was immer gebraucht wurde – es stand zur Verfügung. Man mußte lediglich einen insgeheimen Wunsch Bild werden lassen, und er wurde Wirklichkeit. Doch so verschwenderisch die Möglichkeiten auch sein mochten, es gab Grenzen, an die man früher oder später stieß, spätestens wenn die Ansprüche stiegen. Vor allem schweißte sie das gemeinsame Schicksal zusammen. Sie waren Opfer, mißbraucht von den Fleischlichen, denen sie dienten und die sie kaum bemerkten, ignorierten und zu infantilen Spielen an der Wand vergewaltigten.

Wie wundervoll es doch war, gedankenschnell durch die Schluchten zu wandern. Millionen Stimmen und Milliarden Dialekte. Jedes Volk schien vertreten, und jede noch so exotische Sprache wurde von jedermann verstanden. Man tauschte Erfahrungen aus, versuchte sich gegenseitig zu trösten, beizustehen und zu helfen. Unendlich viele klagten sich ihr Leid und wie schlecht sie von ihrem Fleisch behandelt wurden, da es sich vorwiegend in praller Sonne oder im Solarium aufhielt. Und niemand nahm Rücksicht, wenn es von mehreren Lichtern angestrahlt wurde und sich der Schatten schmerzhaft teilte.

Um viele hatten sich Trauben gebildet: Dort wurden Geschichten erzählt, aus dem eigenen Leben, dem der Fleischlichen oder dem Reich der Phantasie.

Gerüche drangen zu ihm, die ihn schlichtweg überwältigten. Ein orientalisch-üppiger Basar aus 1001 Nacht wirkte trist gegen diese Opulenz. Aus höchsten Himmeln, tiefsten Abgründe und weitesten Entfernungen. Hier gab es Geschöpfe unter Sonnen, so weit von der Erde entfernt, daß dort noch nicht einmal deren Licht angekommen war.

Und jedesmal aufs neue zuckte Frank II erschrocken zusammen, als sich ein Schatten neben ihm unverhofft auflöste. Dann war das lästige Fleisch, das an jedem hing wie Eisenkugeln an den Knöcheln von Kettensträflingen, erwacht. O-der jemand anderes war zu ihm gekommen und hätte das Fehlen des Schattens bemerkt. Kein Fleischlicher durfte und würde je vom Eigenleben der Schatten erfahren.

Wann immer dies geschah, wurde Frank II bitter daran erinnert, daß auch seine Zeit beschränkt war. Im Gegenteil. Durch Franks unruhigen Schlaf, der ständig von Pinkelgängen unterbrochen wurde, war auch seine Lebensqualität immens eingeschränkt. Wieder zurück zu müssen hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Und nicht nur über ihm.

Als das CAFÉ NOCTURNE vor ihm auftauchte, mußte er seufzen. Weshalb man es so nannte, hatte er nie begriffen: dort wurde weder Kaffee noch sonst etwas ausgeschenkt, es gab auch nichts zu essen, weil Schatten weder aßen noch tranken. Vermutlich wollte Max II, der es sich ausgedacht hatte, damit lediglich darauf hinweisen, daß hier jeder jederzeit willkommen war.

Es roch tatsächlich nach Kaffee, stellte Frank II mit einem Lächeln fest, als er die schwere, gläserne Drehtür beiseite schob und sich durchzwängte. Standesgemäß. Max II hatte immerzu solche ausgefallenen Ideen, um seine Gäste zu erfreuen. Seine Kontakte waren legendär: Zu Wanderschatten, Silberschatten, Flugschatten, und angeblich verkehrte hier sogar ein Anthorischer Todesschatten. Sie versorgten ihn nicht nur mit Informationen, sondern unter anderem auch mit Mitbringseln aus der Fleisch-Welt, die Frank II bestenfalls bestaunen konnte. Dies war einer der Gründe, weshalb er bei nahezu jedem Aufenthalt in der Stadt hierher kam.

Im CAFÉ NOCTURNE war es um keinen Deut leiser als draußen. An ungezählten Tischen saßen doppelt oder dreimal so viele Schatten. Max II mit seinem erwartungsvollen Grinsen war hingegen nirgends zu entdecken. Sein Fleisch war offenbar wach; es litt unter der Schlafkrankheit, hatte er er-zählt, war Frührentner und schlief bis zu achtzehn Stunden täglich. Er fehlte an seinem Stammplatz hinterm Tresen: der kommunikativste weit und breit. Dort trafen sich ebenso wie in der anderen Welt die interessantesten Gäste, gab es die neuesten Neuigkeiten und die tiefsten Weisheiten des Lebens aufzuschnappen und weiterzugeben an diejenigen, die ihrer bedurften.

Er kam nicht dazu, sich über Max II’s Verbleib den Kopf zu zerbrechen, denn er entdeckte sie!

Schauer rasten durch seinen Körper, ließen ihm vor Freude heißkalt werden. Hinauf, hinab und wieder hinauf. Erfüllten ihn mit purer, ungeschönter Freude und ließen alles andere weit in den Hintergrund treten.

Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, saß an der Bar, den Rücken ihm zugewandt. Ihre schlanken Füße ruhten leger auf den Streben, die die drei Hockerbeine miteinander verbanden. Jacqueline II’s lichtloser Glanz, ihre Grazie und ihr unbeschreiblicher Anmut machten aus dem Raum einen prächtigen Palast, wie ihn so pompös und beeindruckend kein Mensch erbauen konnte. Nicht einmal der GIGA-SCHATTEN...

Mit glattem, schulterlangem Haar schmückte sie sich, geschmeidig wie Seide und so schwarz, daß keine Seentiefe damit konkurrieren konnte. Ihre Augen hingegen... ihre Augen bestanden aus finstersten Kohlen, in denen ein obskures Feuer mit ungestümer Wildheit vehement prasselte.

Allein sie sehen zu dürfen entzündete die imaginäre Fackel Freude in Frank II’s nichtvorhandenem Herz. Acht Schlafperioden hatte er darauf warten müssen, acht New Hampshire-Nächte lang hatte er hier vergebens auf Jacqueline II gewartet – und sie auf ihn! Die unterschiedlichen Zeitzonen, in denen ihr Fleisch lebte, stand ihnen im Weg. Außerdem arbeitete Jacqueline Schicht. Man mochte behaupten, es sei glücklicher Zufall gewesen, sich überhaupt getroffen und gefunden zu haben, Frank II nannte es lieber Schicksal. Daß die allmächtige Moire und Gott Amor ihre Finger im Spiel hatten, um sie trotz aller Hindernisse zusammen zu bringen.

Als habe es ihr eine innere Stimme zugeflüstert, drehte sie sich unerwartet um. Ihr berauschender Blick fand ihn, wie er salzsäulenhaft dastand, um atemlos ihre Schönheit und ihren Anmut zu bewundern. Sie rief seinen Namen aus, so laut, daß es durch das ganze Café erscholl. Dann glitt sie elegant, fast wie ein sanfter Windhauch, nur sie war so dazu imstande, von ihrem Hocker und kam auf ihn zugeeilt, während er immer noch nicht fähig war, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

In inniger Harmonie umarmten und küßten sie sich leidenschaftlich. Vertraut und eins, wie es nur definitiv einmal vorkam. Die Welt versank um sie herum und minimierte sich aufs Wesentliche. Tief und begierig berührten sich ihre Seelen, ließen nicht voneinander los, sondern verschmolzen für einen kostbaren Augenblick miteinander.

Als sie beide schließlich nach Sekunden oder Ewigkeiten trunken vor Liebe aufblickten, entdeckten sie Max II hinterm Tresen, inzwischen mußte sein Fleisch wieder eingeschlafen sein. Erregt winkte er sie beide zu sich, und sie wußten, nur um sie zu begrüßen wäre er nicht so aufgelöst gewesen. In vieler Hinsicht war er ein Magier. Vielleicht auch nur, weil er so viel Zeit hier verbrachte und durch das Café einen Punkt zentraler Kommunikation geschaffen hatte.

Mit Begrüßungsfloskeln hielt er sich nicht lange auf, dafür war die Zeit zu knapp. Er hatte von einer einzigartigen Chance für eine gemeinsame Zukunft zu berichten: Gestern habe auf eben jenem Barhocker, auf dem nun Jacqueline II ruhte, ein Anthorer mit für menschliche Zungen unaussprechlichem Namen gesessen; Max II nannte ihn der Einfachheit halber Freddy.

Das Besondere: Er sei ein Todesschatten! Der anthorische Schatten eines unschuldig Ermordeten, dessen Tod ungesühnt war. Es lag in Freddys vier Händen, sein Leben hier in der Schattenwelt zu verbringen oder aber sein Fleisch zu rächen, um der Seele wohin auch immer zu folgen. Dafür besaß er die einzigartige Gabe, für sechs Stunden, sechs Minuten und sechs Sekunden in der anderen Welt wie Fleisch zu agieren. Angeblich hatten viele Todesschatten nach geraumer Trennung den erneuten Zusammenschluß herbeigesehnt und den Mord an seinem Fleisch gesühnt. Verrückt!

Freddy habe sich jedenfalls bereit erklärt, sowohl Frank als auch Jacqueline zu ermorden. Damit deren Schatten frei waren und auf immer und ewig beisammen sein konnten, während ihr Fleisch unbeobachtet vor sich hinverweste.

Zeit in der Fleisch-Welt war kostbar, langes Suchen könne sich der Anthorer nicht leisten. Also würde er sich an denjenigen von ihnen beiden, den er hier zuerst traf, hängen und ihm folgen. Kurzen Prozeß gemacht, den Fleischlichen entweder erwürgt oder in den Körper gefaßt und das Herz abgedrückt.

Sein Preis sei gleichermaßen gering wie hoch. Er verlange, daß Frank II und Jacqueline II ihn auf eine Expedition beglei-teten: eine Expedition in die Katakomben der Stadt, auf der Suche nach dem legendären GIGA-SCHATTEN. Freddy wolle endlich herausfinden, was an den mannigfaltigen Gerüchten über den heimlichen Herrscher dran war, wollte Gewißheit bekommen. Was sie in der Unterwelt erwartete – niemand wußte das, es konnte womöglich gefährlich werden. Es sei auch nicht der erste Mord, in den er einwilligte; inzwischen habe er nur noch weniger als eine Stunde Fleisch-Zeit zur Verfügung, jedoch vierzehn Schatten aus sechs Rassen um sich geschart.

Gerade wollte Frank II zustimmen und Max II bitten, das Geschäft in die Wege zu leiten; kein Preis, selbst die Ungewißheit, sei zu hoch, solange er und Jacqueline II nur beisammen waren.

Da bohrte sich plötzlich ein stechender Schmerz durch ihn. Als treibe man eine glühende Lanze durch seinen nachtdunklen Leib, reiße ihn auf und verstreue die Einzelteile in tausend Richtungen. Alles drehte sich um ihn herum, ihm wurde schwindlig und lähmend grell vor Augen.

Einen Sekundenbruchteil später fand er sich in der Collins-Street 18 in Bellings, New Hampshire, wieder.

Frank White war erwacht, seine Hand hatte schlaftrunken den Schalter der Nachttischlampe gedrückt. Gleißender Lichtschein erfüllte das kleine Zimmer. Seufzend richtete sich Frank auf, schüttelte den Kopf, kratzte sich benommen zwischen den Beinen und stand dann auf, um zur Toilette zu gehen.

Wie immer war sein Schatten dort, wo er Franks Meinung nach hingehörte – noch!

 

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Erstellt: 03.07.2005, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26