Can you hear me

Rezension von Christel Scheja

 

Otsuichi ist den deutschen Lesern vor allem durch seine düsteren Mystery-Mangas wie „Goth“ bekannt geworden, die zwar die Lebenswelt junger Leser wiedergeben, aber auch deren Schattenseiten nicht ausschließen. Dazu kommt ein gehöriger Schuss Phantastik, der sich aber nicht in den Vordergrund drängt.

 

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die junge Ryon. Sie ist so schüchtern und zurückhaltend, dass sie nicht einmal klar und deutlich spricht. Weil die Mitschülerinnen nichts mit ihr anfangen können, lassen sie das Mädchen meistens links liegen. Sie hat nicht einmal ein Handy wie alle anderen Jugendlichen in der Schule.

Ryon merkt in ihrer Verzweiflung und Unsicherheit allerdings nicht, dass sie die meisten Steine selbst in den Weg legt, weil sie selbst freundlich gemeinte Angebote, mit ihr in Kontakt zukommen ablehnt, wie etwa eine zwanglose Einladung zum Karaoke.

Stattdessen zieht sie sich immer mehr in sich selbst zurück und beginnt sich ein ganz eigenes Handy vorzustellen, anstatt sich wirklich eines zu kaufen.

Sie vergräbt sich so in ihre Phantasie, dass sie eines Tages regelrecht erschrickt, als das imaginäre Gebilde zu klingeln beginnt, sie sich vorstellt, es zu aktivieren und dann tatsächlich die Stimme eines Jungen hört.

Dieser Zwischenfall lässt sie nicht mehr in Ruhe und so versucht sie heraus zu finden, ob sie einer Halluzination erlegen ist, oder der Anruf wirklich passiert ist. Und – oh Wunder – tatsächlich meldet sich jemand auf eine imaginäre Nummer und klärt Ryon darüber auf, dass diese Art von Handy tatsächlich existiert, wenn auch mit Einschränkungen und Besonderheiten wie einer Zeitverschiebung.

So nimmt sie den zweiten Anruf von Shin’ya an und lässt es zu, dass sie sich von nun an immer öfter sprechen und zu guten Freunden werden. Bis zu dem Tag, an dem sie die Chance bekommen, sich wirklich in Fleisch und Blut sehen zu können.

 

Wie bei allen Texten von Otsuichi, so ist eines von vorneherein klar: Auch diese Geschichte wird kein gutes, sondern allenfalls ein bittersüß-melancholisches Ende haben. Auf jeden Fall nehmen sich Autor und Künstler die Zeit erst Ryon einzuführen und dann nach und nach die Beziehung einfließen zu lassen, um an ende auf Shin’ya umzuschwenken. Denn die ganze Geschichte hat einen überraschenden Twist, der hier nicht verraten werden soll.

Die Geschichte wirkt sehr realistisch und lebensnah. Weder die Zeichnungen, noch der Inhalt sind übertrieben gezeichnet, die Figuren sehr normal und sympathisch geschildert, so dass man sich in den beiden Hauptfiguren wiederfinden kann. Das Ende ist zwar unvermeidlich und traurig aber doch sehr passend. Und hier kommt dann auch die sonst nur verhalten auftauchende Mystery ins Spiel.

Wem die Idee selbst bekannt vorkommt, sie wurde auch schon einmal in dem Manga „Calling You“, der bei Panini Comics erschien, verwendet, wenn es auch deutliche Abweichungen vom Inhalt gibt.

 

„Can you hear me“ lässt einen traurig und gedankenvoll zurück, aber auch zufrieden, denn die Geschichte ist mehr als eine oberflächliche wenn auch bittersüße Romanze. Sie ist gut durchkomponiert und enthüllt bis zur letzten Seite immer neue Facetten der Tragödie, die den Leser noch mehr an die Figuren bindet. Und damit ist die Spannung von Anfang bis Ende gewahrt.

Eure Meinung:


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Comic:

Can you hear me (Oneshot)

Autor: Otsuichi

Zeichner: Hiro Kiyohara

Aus dem Japanischen von Burkhard Höfler

Kiminisika Kikoenai, Japan 2007

Manga-Taschenbuch, 208 Seiten

Egmont Manga & Anime, 03/2010

ISBN-10: 3770471016

ISBN-13: 978-3770471010

Erhältlich bei Amazon


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zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:39 | Users Online
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