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Chasm City von Alastair Reynolds

Rezension von Oliver Kotowski

 

Der adlige Reivich hat den Waffenschieber und Kriegsverbrecher Cahuella und seine Frau Gitta töten lassen. Nun ist Reivich kein schlechter Mensch: Er hat nur die geliebten Toten, die durch von Cahuella verkaufte Waffen ermordet wurden, rächen wollen. Doch den Tod von Gitta kann Tanner Mirabel nicht vergeben. Tanner war Scharfschütze und Einzelkämpfer bei der Armee und später der Sicherheitsexperte des Verbrechers – Reivich ist schon so gut wie tot. Indes schreckt das Opfer in Spe vor harten Schlägen nicht zurück: Auf Sky's Edge entkommt Tanner nur knapp einem Anschlag mit Nuklearwaffen. Weiter will der reiche Adlige sich nach Yellowstone absetzen, der dreißig Reisejahre entfernten Enklave des Goldenen Zeitalters der Menschheit. Tanner nimmt wie ein Bluthund die Spur auf.

 

Die Geschichte enthält drei Handlungsstränge, die erst am Ende zusammenlaufen. Im Zentrum stehen zweifellos der Ich-Erzähler Tanner Mirabel und seine Jagd nach Reivich. Sie beginnt auf Sky's Edge, einem rückständigen Planeten, auf dem permanent Krieg geführt wird. Soldaten und Tote sind alltäglich. Tanner hatte für die Armee blind seine Aufträge ausgeführt und ohne zu zögern gemordet. Für Gitta, die er liebte, meint er Reivichs töten zu müssen. Er folgt dem Adligen nach Yellowstone, einem Planeten der mit den Raumschiffen der Ultras in dreißig Jahren erreicht werden kann. Angekommen stellt er fest, dass etwas mit seinen Erinnerungen nicht stimmt. Außerdem hat er einen sonderbaren Traum über Sky Haussmann gehabt – Sky Haussmann war ein Verbrecher, der wegen seiner Gräueltaten gekreuzigt wurde. Später bildete sich eine Sekte um den mörderischen Märtyrer. Diese missioniert mittels Virus: Wer infiziert wird, erhält Haussmanns Stigma und fühlt sich zu Ikonen der Sekte hingezogen. Als Tanner nach der Reise aus dem Kälteschlaf erwacht, hat er nicht nur von Haussmann geträumt, sondern auch das Stigma – hängt das zusammen? In Chasm City, der Hauptsiedlung Yellowstones, hat sich vieles verändert – die Belle Epoque, das Goldene Zeitalter, ist vorüber. Vor etwa sieben Jahren ist die Schmelzseuche ausgebrochen. Sie lässt die Infizierten 'schmelzen': Die Viren befallen Nanomaschinen in menschlichen Körpern, Robotern und Gebäuden und pressen die Nutzer der befallenen Naniten in groteske Formen, die nur allzu häufig den Tod mit sich bringen. Wer ihnen nicht zum Opfer fallen will, muss auf die kleinen Helfer verzichten oder sich komplett von der Außenwelt abschirmen, wie die Hermetiker, die in Palankine, engen Isolationskisten auf mechanischen Beinen, reisen. Während auf dem Boden, dem Mulch, die Gesellschaft in eine von Dampfmaschinen betriebene Postapokalypse zurückgefallen ist, in der gierige Korruption und rohe Brutalität offen praktiziert werden, haben sich Reste der postmortalen Gesellschaft in den bizarr verformten Spitzen der Stadt, dem Baldachin, gehalten. Sie geben sich feingeistig und kultiviert, dulden jedoch eine andere Barbarei: Das Große Spiel – eine Menschenjagd. Tanner wird in eine verwickelte Geschichte um die Droge Traumfeuer, das Große Spiel, Langeweile und Gier involviert. Niemand ist, was er scheint, und Verrat ist das grundlegende Geschäft.

Dieser Aspekt der Geschichte wird häufig als Mischung aus Cyberpunk und hardboiled Krimi beschrieben. Es gibt tatsächlich einige Ähnlichkeiten: Tanner, der Ermittler, kommt dem Mörder Reivich nicht durch Können und Gewitztheit auf die Spur, sondern durch Hartnäckigkeit und Ausdauer. Er ist ein lakonischer Charakter; selbst nicht frei von Schuld hat er eine unglaubliche Menge an Grausamkeit erlebt und ist daher desillusioniert. Damit erinnert er an hardboiled Detektive wie Sam Spade aus dem Malteser Falken Dashiell Hammetts. Auch die Charaktere der Nebenfiguren könnten jenen Krimis entstammen: Zebra, eine Postmortale, deren Äußeres eine Mischung aus Zebra und Mensch ist, oder der Komponist Quirrenbach haben etwas zu verbergen und ob Tanner ihnen vertrauen kann, bleibt lange unklar – allerdings gibt Reynolds dem aufmerksamen Leser ausreichend Hinweise um vom Ergebnis nicht überrascht zu werden. Die korrupte Stadt als Setting haben sie ebenfalls gemeinsam. Jedoch gelingt es Reynolds nie richtig, aus dem Setting ein Milieu zu machen – die Figuren bleiben zu eindimensional, vor allem ihre Motivation ist häufig zu unklar. Auch wirken die Drogen und die Seuche weder bedrohlich noch mysteriös; es sind zu sehr Gegebenheiten des Hintergrunds. Das Setting ist nur ein Ambiente und wirkt als solches nicht einmal besonders finster auf mich. Die körpermodifizierten Postmortalen, die mit Plasmagewehren auf die Menschenjagd gehen – und diese den gelangweilten Zuschauern visuell übermitteln – erinnern nicht nur an den Cyberpunk, sondern auch an Stephen Kings Menschenjagd und Das zehnte Opfer von Robert Sheckley. Was noch schlimmer ist: Tanner Mirabel mit der Verunsicherung ob seiner Person gleicht zu sehr Ana Khouri aus Reynolds Erstling Unendlichkeit. Beide sind Elitesoldaten von Sky's Edge, die sich in Chasm City als Jäger-Killer betätigen, an deren Gehirn, bzw. Erinnerungen herumgepfuscht wird und die mit den Hintergründen um die uralten raumfahrenden Aliens konfrontiert werden. Das Identitätsproblemen verweist hier noch deutlicher auf Philip K. Dicks Douglas Quail aus Erinnerungen en gros (engl.: Total Recall) als dieses in Unendlichkeit der Fall war.

 

Der zweite Strang sind die Erinnerungen Tanners an seine Zeit bei Cahuella. Hier geht es einerseits um die Beziehung von Cahuella und Tanner und andererseits um die Rache Reivichs. Cahuella ist nicht nur ein Waffenschieber, er ist auch ein begeisterter Jäger. Als er erfährt, dass Reivich aufgebrochen ist um sich zu rächen, lässt er eine Konterattacke organisieren, die mit einer Jagdexpedition kombiniert wird. Das Geschehen findet im Dschungel von Sky's Edge statt. Regressiv werden hier die Vorgeschichte erzählt und zusätzlich einige Details von Tanners Charakter offenbart. Außerdem betreibt Reynolds viel Weltenbau. Er kreiert zwar ein spannendes fremdes Geschöpf – die Hamadryade, die wohl von irdischen Polypen inspiriert wurde – aber fügt auch viel für die Handlung Belangloses hinzu. Dieser Strang ist am schwersten einem Subgenre zuzuordnen; es ist eine Abenteuergeschichte auf einer fremden Welt mit Differenzen zwischen den Protagonisten.

 

Der dritte Strang besteht aus den seltsamen Träumen über Sky Haussmann. Sky war auf dem Generationsschiff Santiago geboren worden. In Zeiten großer Spannungen hatte man eine Flottille von fünf Generationsschiffen ausgerüstet, die einen fernen Planeten – Journey's End – besiedeln sollen. Jedes Schiff hat eine große Zahl von Schläfern – den Momios – und eine Besatzung von 150 Mann. Diese 150 Menschen leben und sterben an Bord der Schiffe, bis sie ihr Ziel erreichen. Sky nun war der Sohn von Titus Haussmann, dem Sicherheitschef. Der hyperintelligente Junge wuchs zu einem sadistischen und machthungrigen Mann, der keine moralischen Skrupel kennt, heran. Als sein Vater von einem eingeschleusten Attentäter schwer verwundet wurde, sah Sky seine Chance für den Karriereaufstieg gekommen. Außerdem kursierten Gerüchte um ein sechstes Schiff: Das Geisterschiff Caleuche.

Dieses ist in erster Linie eine finstere Space Opera, in der die paranoiden Besatzungen der Schiffe einen kalten Krieg führen und Sky seinen Aufstieg plant. Dieser Abschnitt bietet eine der interessantesten Episoden, denn es gibt eine längere Beschreibung, die an H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen erinnert.

 

Am Ende des Buches werden die Stränge zusammengeführt – viele Details erhalten dann eine Berechtigung. Doch leider sind einige der Verknüpfungen sehr gezwungen; es wäre wohl besser gewesen, einige der Episoden herauszulassen. Wie erwähnt, wird Tanner in den Hintergrund um die alten Aliens verwickelt. Hieraus stammen zwar einige der interessanteren Momente, aber mit dem Hauptplot hat es nichts zu tun – es scheint Selbstzweck zu sein und wäre daher wohl besser herausgestrichen worden. Zudem greift Reynolds hier wiederum einen Gedankengang aus Unendlichkeit auf; er führt ihn zwar weiter aus, aber originell ist er deshalb nicht. Diese überflüssigen Episoden und eine Vielzahl von Detailbeschreibungen führen dazu, dass das Buch geschwätzig wird. Der Plot ist recht komplex und so mit Beschreibungen überladen, dass noch mehr Spannung um die Identitätsfrage von Tanner verloren geht – es sei denn man schätzt den Weltenbau per se. Wo die Figuren in Unendlichkeit noch vom überwältigenden Geschehen zum Handeln gezwungen wurden, können sie in Chasm City selbst entscheiden. Hier werden die Mängel im Handwerk von Reynolds sichtbar: Er kann die Psyche und Motivationen nicht plausibel entwickeln. Ebenso wenig können viele Dialoge überzeugen. Sie sind Vorträge, in denen dem Leser erklärt wird, was die Figuren schon wissen. Und zu guter Letzt: Die Kapiteleinteilung sollte es dem Leser erleichtern das Buch aus der Hand zu legen. Viel zu viele der Kapitel Reynolds enden mit einem Cliffhanger; eine Pause macht man besser im Kapitel.

 

Fazit:

Tanner Mirabel wandelt auf den Spuren von Ana Khouri; im dystopischen Chasm City gilt es mit dem korrupten System, einer ausgewachsenen Identitätskrise und einem flüchtigen Adligen fertig zu werden. Den Detailreichtum des Weltenentwurfs mag man positiv werten, doch die schwachen Figuren und Dialoge, die gezwungenen Verknüpfungen im Plot und der Mangel an Originalität sind keineswegs erfreulich. Wer Weltenbau schätzt und gerne weitere Details über das Universum der Inhibitor-Reihe erfahren möchte, wird hier fündig. Wer an Originalität interessiert ist und Unendlichkeit schon kennt, wird von der Geschwätzigkeit der erzwungen Handlung gelangweilt.

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Chasm City

Autor: Alastair Reynolds

Original: Chasm City (2001)

Übersetzer: Irene Holicki

Heyne, Januar 2007

Broschiert, 829 Seiten

ISBN-10: 3453522214

ISBN-13: 978-3453522213

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.04.2007, zuletzt aktualisiert: 28.02.2017 13:03