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Choral des Todes von Jean-Christophe Grangé

Rezension von Chris Schlicht

 

Rezension:

In der armenischen Kirche von Paris geschieht ein grauenvoller Mord. Der pensionierte armenische Kommissar Lionel Kasdan ist als erster vor Ort und fühlt sich gedrängt, den Fall selbst aufzuklären, weil der Mord auf „seinem“ Terrain geschah. Das Opfer ist ein angeblich gefolterter Exilchilene, der den Chor der Kirche und noch viele andere Chöre in der Stadt geleitet hatte.

 

Kasdan versucht, dem ermittelnden Kommissar Vernoux immer einen Schritt voraus zu sein, doch er stößt dabei schnell an Grenzen. Er kommt an die Zeugen, die Jungs aus den Knabenchören, nicht wirklich heran, die Tatwaffe bleibt ebenso ein Rätsel wie die Art der Tötung – durchstoßene Trommelfelle. Zudem geben Fußabdrücke den Hinweis, dass es sich bei dem oder den Tätern um Kinder handelt, was Kasdan zunächst nicht glauben kann. Dann stellt sich heraus, dass das Opfer homosexuell war und vom französischen Geheimdienst abgehört wurde.

 

Kasdan bekommt Hilfe von ungewöhnlicher Seite: Cedric Volokine ist ein junger Polizist mit vielen brauchbaren Fähigkeiten, die Kasdan an seine eigene Anfangszeit bei der Polizei erinnern. Allerdings ist Volokine zurzeit beurlaubt, weil er eine Drogenentziehungskur macht. Die beiden Ermittler in eigener Sache raufen sich notgedrungen zusammen, doch sie können nicht verhindern, dass es weitere Morde gibt. Der Geliebte des Exilchilenen wird umgebracht, dieses Mal gibt es weitere grausame Hinweise – mit Blut geschriebene Zeilen aus dem Chorwerk „Miserere“. Ebenso bei einem Pfarrer aus einer anderen Kirche, in der Wilhelm Götz, der Chilene, einen Chor leitete. Zudem finden sie heraus, dass mehrere Chorknaben aus Götz‘ Chören spurlos verschwanden – die mit den höchsten und besten Stimmen – und dass Götz Angst hatte vor El Ogro, einer mystischen Gestalt, die eben solche Kinder frisst.

 

Die politische Spur wird deutlicher, als die beiden ernüchtert feststellen müssen, dass Götz kein Verfolgter des Pinochet-Regimes war, sondern einer der Täter – und das er für die musikalische Untermalung von Folterungen zuständig war. Alles fügt sich zusammen. Die politische Spur und die der Kinder führt zu einer Sekte, gegründet von einem nach Chile geflohenen Nazi, der dort eine obskure Sekte gründete und den Kinder dort eine Gesangsausbildung gab...

 

 

 

 

 

Grangé hat sich mal wieder selbst übertroffen. Das düstere Bild, dass er von der Welt in „Choral des Todes“ malt, lässt wenig Hoffnung auf ein kleines bisschen Gutes im Menschen zurück, denn selbst in den unschuldigen Kinderseelen lauert das Böse.

 

Der Bogen wird weit gespannt – Das Böse im Allgemeinen und der Abgrund der menschlichen Seele im Besonderen, der Einzelne und die Masse. Daher fällt es auch nicht schwer, allumfassend von den Nazis zu den Chilenen und der Verstrickung anderer Internationalitäten in das Grauen der bleiernen Zeiten von Weltkriegen und Putschen zu kommen.

 

Obwohl man stellenweise das Gefühl bekommt, dass man Nachhilfe in Sachen Weltgeschichte des Grauens erhält, werden auch diese Ausführungen niemals langweilig, denn sie treiben doch den Kontext der Geschichte voran. Nicht zuletzt Grangés sehr direkter Schreibstil, der ohne großartige Verklausulierungen und Adjektivorgien auskommt, trägt zum Tempo der Erzählung bei. Die Geschichtsstunden nimmt man da gern mit. Auch den religiösen Hauch, den alles bekommt, spätestens mit der Erklärung der Holzsplitter – oder besser, der Dornen - die von der Dornenkrone Christi zu stammen scheinen.

 

Wie viel Grauen kann ein Mensch ertragen? Die beiden Protagonisten Kasdan und Volokine, selbst gewiss keine Engel und beide mit düsteren Geheimnissen gesegnet, werden hart auf die Probe gestellt. Obwohl man lange Zeit nichts über ihre wahren Beweggründe für ihre Ermittlungen auf eigene Faust erfährt, sind ihre Handlungsweisen doch stimmig.

 

Es ist auch kein Mangel, dass es keine weibliche Hauptperson in diesem Buch gibt, wahre Spannung braucht keinen Sex. Auch großartige Beschreibungen von Blutorgien gibt es nicht. Natürlich sind die Opfer keines angenehmen Todes gestorben, aber es wird auf minutiöse Beschreibungen von Verstümmelungen und Schlachtereien verzichtet. Das Grauen kommt hier aus der Beschreibung des Bösen und der grauenvollen Realität von Geschichte und auch Gegenwart heraus.

 

Gänsehaut und schlaflose Nächst sind garantiert – war da nicht ein leises Klopfen im Flur? Kinderkichern?...

 

Für manche Leser dürfte allerdings die Tatwaffe nicht lange ein Rätsel darstellen – für diejenigen, die den Text des Liedes „Experiment 4“ von Kate Bush kennen...

 

From the painful cry of mothers,

To the terrifying scream,

We recorded it and put it into our machine.

 

Then they told us

All they wanted

Was a sound that could kill someone

From a distance.

So we go ahead,

And the meters are over in the red.

It's a mistake in the making.

 

... „Experiment IV“ Kate Bush

 

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Roman:

Choral des Todes

Originaltitel: Miserere

Autor: Jean-Christophe Grangé

Übersetzung aus dem Französischen von Thorsten Schmidt

Umschlaggestaltung: Rolf Hörner

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

Verlag: Luebbe Verlagsgruppe (Oktober 2009)

ISBN-13: 978-3431037937

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.01.2010, zuletzt aktualisiert: 23.01.2015 21:05