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Clockwork Orange von Anthony Burgess

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Jugendliche Alex zieht mit seinen zwei Droogs George und Dim (weil er so fürchterlich dimlich ist) durch die Notschi. Zunächst gibt es ein paar Gläser Milch, die mit einer synthetischen Droge verschnitten wurden, und dann mal viden. Man trifft einen Büchereibenutzer, zerreist seine Bücher und stopft ihm die Seiten in den Mund, man tollschockt einen grindigen Penner, bis er sein rotes Balut kotzt, man überfällt ein Ehepaar und spielt das alte Rein-Raus-Spiel. Der Schock ist ein bisschen viel für die Alte und als die Polizisten den von seinen Droogs an’s Messer gelieferten Alex aufgreifen, ist sie eine Tote. Vorbei mit der Besserungsanstalt, hinein in den Knast. Alex gibt sein bestes – er liebt das Alte Testament. Gerne wäre er dabei gewesen, ordentlich Vino schlotzen und dann den bärtigen Penner mit Peitschenhieben durch die Straßen zur Kreuzigung zu tollschocken. Da die Gefängnisse schon von den normalen Kriminellen überlaufen und bald noch zahllose politische Gefangene erwatet werden, beschließt man der drastischen Ludovico-Methode eine Chance zu geben – bei den Patienten soll die Kriminalität durch eine massive Konditionierung abgetötet werden. Alex steht eine schwere Zeit bevor.

 

Anthony Burgess’ Roman Uhrwerk Orange wurde vor genau 50 Jahren veröffentlicht. Nun könnte man meinen, dass ein so alter Roman erheblich von seiner Sprengkraft verloren haben müsse, doch weit gefehlt: Zwar ist die Oberfläche gelegentlich nicht mehr aktuell – sondern sehr im England der späten fünfziger Jahre (man denke sich ein prä-68er Deutschland ohne Wirtschaftswunder) verhaftet – doch die Kernaussagen sind so spannend wie eh’ und je. Es geht um das Recht auf Selbstbestimmung, aus gesellschaftlicher Verwahrlosung erwachsender Gewalt, den auf Eigennutzen abzielenden, bisweilen durchaus korrupten Umgang damit und letztlich den wahnsinnigen Kreislauf, der die Gewalttäter in die Gesellschaft ‚integriert’, indem Böcke zu Gärtnern gemacht werden – kurzum: Es wird ein düsteres Sittengemälde einer korrupten postdemokratischen Konsumgesellschaft gezeichnet.

Wolfgang Rindfleischs Hörspiel-Adaption aus dem Jahr 1995 hat nur eine Spieldauer von 58 Minuten und so muss klar sein, dass nicht die ganze Breite übernommen werden konnte. Es fehlen ganze Aspekte – etwa Alex’ gestörtes Verhältnis zu seinen Eltern – und manche werden erheblich reduziert – die Ludovico-Therapierung wird etwa auf wenige Dialogsätze zusammengefasst. Während Ersteres mich nicht stört, wirken manche Momente des Letzteren ein wenig ungelenk. Dagegen stehen der enorm hohe Plotfluss und Spannungsintensität – es geht wahrlich Schlag auf Schlag, Langeweile kommt nicht einmal im Ansatz auf. Rindfleischs Skript kann man daher mit minimalen Abstrichen als höchst gelungene Adaption werten.

 

Die Sprecherriege ist für ein Hörspiel von knapp einer Stunde Länge (und der Entstehungszeit) verhältnismäßig groß – das Cover zählt insgesamt siebzehn Sprecher auf. Tatsächlich firmieren sie meistenteils als Schauspieler und nicht als Hörspielsprecher, auch wenn einige von ihnen durchaus Erfahrungen mit Hörbüchern haben.

Die zentrale Figur ist Alex; damit erhält sein Sprecher, Martin Olbertz, auch die meiste Sprechzeit, zumal die Figur einige Erzählerfunktionen übernimmt. Olbertz gehört zu denen, die eher eine lokale Präsenz haben – er ist vor allem als Theaterschauspieler tätig, man kann ihn aber auch aus Filmen wie Herr Lehmann kennen; als Hörspielsprecher ist er mir sonst unbekannt. Olbertz ist ein Glücksgriff für die Rolle des Alex: Auch wenn er die übelsten Dinge schildert, klingt eine kaum verhohlene Freude durch, selbst wenn er vom Mitleid anderer abhängig ist, ist Alex’ Ironie offensichtlich. Alex ist ein zynischer Sadist, der an der Realität zugrunde geht und dieses auch klar erkennt – doch ist das schon so, so will er wenigstens seinen Spaß dabei haben. Stimmlich fängt Olbertz die zwei Seiten des Alex wunderbar ein. Alle anderen Figuren sind in ihrer Bedeutung gegenüber Alex erheblich zurückgesetzt – es sollen noch drei Figuren vorgestellt werden, die immerhin im mehr als einer Szene auftreten. Da ist der systemkritische Autor Alexander, ein ‚Gutmensch’, der Alex’ Leiden für seine Sache instrumentalisiert und dies zugleich mit einer grausamen Rache verbindet. Gesprochen wird die Figur von Winfried Glatzeder, der wohl mehr als Schauspieler (z. B. als Tatort-Kommissar Roiter) bekannt ist; in puncto Hörbuch kann man ihn aus Axel Hackes Hörspiel Der kleine König Dezember oder der Lesung Von Tieren und Fabelwesen kennen. Die beiden anderen Figuren sind Alex' verräterische Gang-Untertanen George und Dim. George wird vom Schauspieler Thomas Rudnick eingesprochen, den man wiederum in der Tatort-Reihe gesehen haben kann; er hat auch an dem Hörspiel Kleine Geschäfte oder Umkehrung der Verhältnisse mitgewirkt. Peter W. Bachmann schließlich leiht Dim seine Stimme; auch er ist eher als Schauspieler (z. B. SOKO Leipzig) bekannt, hat allerdings zudem einige Hörspielerfahrung: Betriebsbedingt gekündigt, 20.000 Meilen unter den Meeren, Wir sind füreinander da – Geschichten zur Erstkommunion, um nur drei zu nennen.

Insgesamt ist die Performanz der Sprecherriege sehr gut, wobei ich hier Olbertz' großartige Leistung noch einmal besonders herausheben will.

 

Die Inszenierung ist für die Entstehungszeit modern, nach heutigen Gesichtspunkten nur noch gemäßigt modern: Einen Erzähler im engeren Sinne gibt es nicht, doch wie erwähnt, übernimmt Alex' Figur oftmals dessen Funktion. Tonschichten werden meist nur eine oder zwei (Dialog und Geräusche oder Musik) verwendet, der Höhepunkt der Vergewaltigung von Alexanders Frau nutzt allerdings vier Schichten (Alex’ Erzähltext, Sprecherdialog George & Dim, Geräuschkulisse (Schreie) und Musik). Die Bedeutung der Geräusche wird auch niemals erläutert, allerdings übernehmen sie auch nie dramaturgische Funktion. Indes dürften die Geräusche bisweilen für die Hörer gewöhnungsbedürftig sein, denn Schläge werden etwa musikalisch durch Schlagzeugklänge symbolisiert. Überhaupt wird die Gewaltdarstellung entfremdet dargestellt. Dazu passen die Musiken: Es sind meist wenig eingängliche, zerfaserte Synthesizerstücke. Auch die nicht immer ganz zusammenpassenden Sprecher und die extrem abgehobenen Dialogtexte – "Verzeiht, oh Bruder! Ich sehe, Ihr habet Bücher unter'm Arm, oh Bruder! Ein wahrlich seltenes Vergnügen heutzutage wen zu sehen, der noch liest, Bruder!"

Gewöhnungsbedürftig, aber konsequent und durchaus passend.

 

Fazit:

Alex und seine Droogs durchstreifen die Nacht für eine maliki Horrorshow, bis Alex in die Mühlen der Justiz gerät, die ihm die kriminelle Energie mittels Konditionierung austreiben will – die Täter-Opfer-Schraube wird weiter angezogen. Uhrwerk Orange nimmt mit Alex' Entwicklungsgeschichte die Symptome postdemokratischer Konsumgesellschaften vorweg; das Skript ist gut, die Sprecherleistungen, besonders die von Martin Olbertz, noch besser – wenn man mit der experimentell anmutenden Inszenierung klarkommt, bekommt man eine sehr gelungene Umsetzung des Klassikers von Anthony Burgess zu hören.

 

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Hörspiel:

Clockwork Orange:

Reihe: -

Vorlage: Anthony Burgess

Produzent: mdr

Regie: Wolfgang Rindfleisch

Label: Der Audio Verlag

Erschienen: März 2012

Umfang: 1 CDs, ca. 58 min.

ISBN-13: 978-3862311583

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Martin Olbertz

Thomas Rudnik

Peter W. Bachmann

Wolf-Dietrich Lingk

Winfried Glatzeder

Marylu Poolman

 


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Erstellt: 03.04.2012, zuletzt aktualisiert: 03.09.2018 18:38