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Coraline von Neil Gaiman

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Coraline ist mit ihren Eltern in ein düsteres altes Haus gezogen. Die Nachbarn sind reichlich merkwürdig: Der verrückte Herr mit Schnurrbart erzählt von seinem Mäusezirkus, die schrulligen Schauspielerinnen warnen sie vor dem tiefen Brunnen im Garten. Eines Tages stößt sie im Haus auf eine zugemauerte Tür. Und sieht dort dunkle Schatten verschwinden. Was verbirgt sich dahinter?

 

Rezension:

Pünktlich zum Kinostart der Coraline-Verfilmung veröffentlicht Arena eine neue Auflage des Jugendbuches von Neil Gaiman - werbewirksam mit dem Filmcover als Einbandgestaltung.

Neil Gaiman scheint der Mann der Stunde zu sein. Verfilmungen, Comic-Neuauflagen, diverse Bucheditionen - er ist scheinbar überall.

So rückt nun also auch "Coraline" wieder ins Rampenlicht. Die schrullige Mischung aus Horror und Kinderbuch führte immer wieder zu Diskussionen über das, was man Kindern zumuten könne, dabei müssen viele Kinder tagtäglich mit Dingen zurecht kommen, die für sie wesentlich mehr Horror darstellen. Etwa die Trennung der Eltern.

 

In "Coraline" geht es um verschiedene Themen. Am ehesten im Sichtfeld eines Kindes dürfte der Kampf Coralines gegen die "andere Mutter" stehen. Dabei beginnt dieser Konflikt zunächst aus dem Wunsch heraus, andere Eltern zu haben, den wohl jedes Kind irgendwann einmal hat. So auch Coraline, auch wenn es nicht ausgesprochen wird. Verbote und vor allem Nichtbeachtung durch Erwachsene, sehr schön an der beständigen Falschaussprache ihres Namens dargestellt, bilden eindeutige Motive. Doch Neil Gaiman übertreibt dieses Problem nicht, sehr schnell erkennt Coraline, dass die "andere Mutter" ihr nichts Gutes will. Die Zeichen dafür, insbesondere die angenähten Knopf-Augen, und die recht aggressiven Aufforderungen zum Bleiben, machen dies ebenso deutlich, wie die diversen Warnungen.

Dass Gaiman für Kinder schreibt, macht nicht nur der "einfach" zu verstehende Plot, sondern auch ein entsprechender klarer und schnörkelloser Schreibstil deutlich.

Es gibt weder komplizierte Satzkonstruktionen noch ungewöhnliche Symbole oder Figuren. Jedes (sparsam verwendete) Detail kommt im kindlichen Universum vor, eine wichtige Tatsache, die sehr viele Jugendbuchautoren vernachlässigen.

 

Neben der Elterntauschgeschichte gibt es aber noch einige andere Themen, die Gaiman bearbeitet. So etwa Mut. In einer Kernszene erklärt Coraline dem schwarzen Kater, was Mut ist und verwendet dabei ein Erlebnis mit ihrem Vater. Diese sehr raffinierte pädagogische Fabel begibt sich dadurch auf Augenhöhe mit dem jugendlichen Leser. Weder ist diese Erziehung direkt an ihn gerichtet. noch kommt sie geradewegs aus dem Mund eines Erwachsenen. Hier stellt Coraline dar, dass sie gerade etwas Wesentliches verstanden hat. Dadurch erscheinen ihre Worte gewichtiger und vielleicht auch nachhaltiger.

Gleichzeitig wird hier auch wieder der erwachsene Leser auf etwas gestoßen. Wie selten vergibt man die Chance, ein Vorbild zu sein?

Der schon angesprochene Punkt der Nichtbeachtung ist ein weiterer Aspekt des Buches, der sich in erster Linie an die "großen" Leser wendet. Die Beiläufigkeit, mit der Gaiman Coralines Eltern ihre Tochter abschieben lässt, wird durch die dabei gezeigte Fröhlichkeit noch verstärkt.

 

Auch die versteckten Andeutungen zu Ailce im Wunderland sind eher etwas für Erwachsene. Kaum ein Kind wird heute noch das Buch lesen, selbst die Zeichentrickserie dürfte eher von Mädchen gesehen werden - zu unmodern ist beides inzwischen. Typische Verbindungen, wie die Tür oder der Spiegel, rufen eher Assoziationen mit Harry Potter hervor, auch wenn sie auf zufälligen Ähnlichkeiten beruhen. Der phantastische Hintergrund heutiger Kinder ist eben ein anderer geworden.

 

Wenn Coraline immer wieder betont, dass sie eine Entdeckerin ist, kommt vielleicht sogar noch eine andere Absicht des Autors zum Tragen. Abenteuer erlebt man auch, wenn man die Welt erforscht. Geheimnisse verbergen sich im Garten, wie auch hinter verschlossenen Türen und es lohnt sich durchaus eine kleine reise zu unternehmen. Selbst der unkomplizierte Umgang mit den Bewohnern des Hauses ist keine Normalität. Wie viele Kinder handeln schon so? Aber gerade dieser natürliche Hang zur Neugier macht Kinder aus Und wenn dabei die Gefahren auch manchmal riesengroß sind, Coraline darf recht deutlich beweisen, dass auch Kinder manchmal tun, was getan werden muss.

 

Es gibt bestimmt noch viele weitere Aspekte, die man dem überaus spannenden und kurzweilig erzählten Stoff entnehmen könnte. Als Buch zumindest vermag man Coraline uneingeschränkt für Kinder ab zehn empfehlen; huschende Krallenhände mögen im Kino erschrecken, aber in Zeiten von Tintenherz oder dem schon erwähnten Zauberer mutet Coraline doch deutlich harmloser an.

 

Fazit:

"Coraline" ist ein großartiges Kinderbuch. Neil Gaiman erzählt eine düstere Geschichte auf eine leichte und dennoch mitreißende Art, die nicht nur für Kinder etwas enthält, das nachwirkt. Wer Bedenken hat, ob sein Kind mit dem Buch klarkommt, sollte es vorher selbst lesen, die wenigen Stunden sind es auf jeden Fall wert.

Eure Meinung:


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Buch:

Coraline

Original: Coraline, 2002

Autor: Neil Gaiman

Übersetzerin: Cornelia Krutz-Arnold

gebunden, 175 Seiten

Arena, 15. Juni 2009 (2.Auflage)

Lesealter: ab 10

 

ISBN-10: 3401064452

ISBN-13: 978-3401064451

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 09.09.2009, zuletzt aktualisiert: 06.04.2019 12:11