Creekers von Edward Lee

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Hillbillys, Rednecks, Yokels – hierzulande mögen die Slangbegriffe für amerikanische Farmer respektive Hinterwäldler (mit möglichst keiner oder zumindest einer rudimentären Schulbildung versehen) wie ein naives Klischee anmuten; möglicherweise auch ein bisschen wie ein Mysterium. Denn solche Menschenschläge kann es doch unmöglich in einem Land wie den Vereinigten Staaten geben; der Geburtstätte des American Dream und Wiege modernster technischer Errungenschafen – oder?

Schiebt man jedoch den prächtig funkelnden Vorhang der vermeintlichen Zivilisation beiseite, erkannt man eine andere Seite der Medaille. Denn neben den prächtigen Millionenmetropolen und prächtigen Wolkenkratzern ist die Welt der (angeblichen) Hinterwäldler auf einmal geradezu erschreckend real – und wirkt angesichts der gewaltigen Landstriche innerhalb der USA fast schon zwingend logisch. Mehr noch: man kann besagte Ablehnung der Provinz gegenüber der vermeintlichen Zivilisation irgendwie sogar nachvollziehen. Wer jahre- oder gar jahrzehntelang kaum oder bestenfalls stiefmütterlich und von oben herab von den Reichen und Schönen bedacht wurde, der verzichtet letzten Endes darauf, ausgerechnet von dort Hilfe oder Bildung zu erhalten. Stattdessen bleibt man lieber unter sich.

Doch auch bei dieser Lösung gären die Probleme; sind dramatische Konflikte automatisch vorprogrammiert. Schon 1970 zeigte Autor James Dickey mit Beim Sterben ist jeder der Erste, was geschehen kann, wenn die unberechenbare Natur auf die aalglatten Gesinnungen der Stadtmenschen trifft. Ein anderer Aspekt wird von Edward Lee in Creekers aufgegriffen: der kriminelle. Nicht nur, dass besagter Menschenschlag längst nicht nur von ihren Felderträgen leben kann, wirkt die Aussicht auf günstige Drogenproduktionen mit maximalen Erträgen freilich höchst verlockend; unabhängig der potenziellen Auswirkungen. In dieser Hinsicht hat sich das Gift der Zivilisation bereits in den Kreislauf der Hinterländer geschlichen – und bildet das Zentrum des Romans.

 

Für den einstigen Lieutenant Philip Straker ist die zwangsläufige Rückkehr in seinen Heimatort Crick City ein Wiedersehen mit gemischten Gefühlen. Rückständig, abgewirtschaftet, geprägt von Arbeitslosigkeit: es gab einen mehr als triftigen Grund, warum Phil dem Städtchen damals den Rücken gekehrt und sein Glück in der Metropole Los Angeles versucht hatte. Doch welche Wahl bleibt ihm noch, nachdem ein Einsatz im Drogenmilieu zu einem Fiasko ausartete; mit Straker als Sündenbock?

Umso dankbarer empfängt ihn der lokale Polizeichef. Doch nicht ohne Hintergedanken. Lawrence Mullins braucht nämlich einen erfahrenen Cop. Rings um Crick City und den angeschlossenen Bezirken floriert der Handel mit Phencyclidin, besser bekannt als PCP oder Angel Dust. Quelle der Drogenschwemme scheinen die so genannten »Creeker« zu sein; ein eigentlich zurückgezogen lebender Menschenschlag, der vor allem äußerlich auffällt. Extreme körperliche Missbildungen sind bei den Creekers an der Tagesordnung und das Ergebnis von jahrelangem, ungehinderten Inzest. Als verdeckter Ermittler arbeitet sich Phil nach und nach an die vermeintlichen Hintermänner heran – doch je näher er der Lösung kommt, desto grausamer und schockierender werden die Wahrheiten. Nicht nur über die Creeker …

 

Tja, wenn der »König des Hardcore-Horrors« eine Melange aus Drogenthriller, Milieustudie und Horrorroman verfasst, was kann man erwarten? Garantiert NICHT irgendeine Ansammlung von routiniert verfassten Spannungsmomenten. DAMIT gibt sich ein Edward Lee gottlob nicht zufrieden. Wo andere Autoren ihre Rednecks mit Klischees überfrachten würden, geht Lee ohne Vorwarnung in einen gänzlich anderen Gang über. Seine titelgebenden Creekers sind nicht bloß missgestaltet – sondern extremstens deformiert; Alpträume, die mitunter nur sehr vage an menschliche Wesen gemahnen, ohne dabei jedoch zur Parodie beziehungsweise zum puren Selbstzweck zu verkommen. Wortgewandt und originell entführt Lee den Leser an Orte, die scheinbar der Hölle entsprungen zu sein scheinen; garniert mit Garstigkeiten jeglicher Art – physisch, sexuell, seelisch. Es spricht für die Fertigkeit des Autors, dass erneut sämtliche Ausschweifungen nur Teil eines großen Ganzen sind, das prächtig ausgebaut wurde. Nur ein versierter Fachmann schafft es, gleichermaßen mühelos wie rasant, die Jagd eines unbescholtenen Cops nach einem Drogenring mit den düster-dämonischen Geheimnissen einer inzestuösen Hinterwäldlersippe zu kreuzen und sich dabei so prächtig aus der Affäre ziehen zu können wie eben Edward Lee mit »Creekers«.

Wobei »unbescholten« selbst auf den abermals sehr lebensecht ausgearbeiteten Protagonisten nur in bedingtem Maße zutrifft. Sogar der vermeintlich gute Philip Straker offenbart während des Verlaufs zunehmend dunkle Seiten und die eine oder andere Leiche im Keller, wirkt aber genau aus diesen Gründen umso menschlicher – und gegen die, jenseits aller Gesetze und Moralvorstellungen agierenden Antagonisten (die sich jedoch nicht ausschließlich aus der Creekers-Sippe rekrutieren) dennoch stets wie ein Waisenknabe. Wenngleich der Roman mit über 400 Seiten bisweilen doch die eine oder andere Länge sein Eigen nennen darf, wetzt Lee diese Scharte besonders durch seinen Stil mehr als aus. So sind seine Dialoge scharf wie frisch geschliffene Messer und werden in ihren besten Momenten mit der eleganten Härte einer abgefeuerten Maschinengewehrsalve auf den Leser losgelassen. Nicht minder die blutigen und/oder abartigen Passagen, deren Äußeres gewählt und ansehnlich ist, im Kern jedoch eine bisweilen visionäre und ungeahnte Härte offenbaren, die mitunter an die besten Frühwerke eines gewissen Clive Barker erinnert. Selbst inmitten des fieberhaften Schlussakts hebt sich Lee einen finalen, großartigen Triumph auf, der meisterhaft sticht und womöglich sogar den, um es mal vorsichtig auszudrücken, »furiosen« Gipfel des Vorgängers Bighead übertrumpft. Keine Frage, auch »Creekers« ist keine Lesekost für alle Freunde der glitzernden Vampire oder urbanen Mädchenhexen. Was hier präsentiert wird, ist harte, schonungslose Kost – die aber dank des literarischen Fünf Sterne-Kochs großartig mundet!

 

Fazit:

Teils Krimi, teils überbordender Backwoods-Horror – mit »Creekers« serviert Hardcore-König Edward Lee erneut einen rasanten Alptraum zwischen zwei Buchdeckeln, der jedoch dank eines Füllhorns abartig-origineller Ideen, des einzigartigen Stils und der meisterhaften Gewandtheit des Autors ähnlich gearteten Machwerken streckenweise haushoch überlegen ist.

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Eure Meinung:

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Buch:

Creekers

Originaltitel: Creekers

Autor: Edward Lee

Taschenbuch, 416 Seiten

Festa-Verlag, 17. Oktober 2012

 

ISBN-10: 3865521622

ISBN-13: 978-3865521620

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B009H93NL8

 

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zuletzt aktualisiert: 02.08.2019 10:23 | Users Online
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