Rezension von Cronn
Mit gezogener Waffe schleiche ich durch das zerfallene Appartementhaus. Um mich herum schweben Gegenstände wie Standuhren, Kleiderständer oder auch Armleuchter. Das ist so wegen des Zeitrisses, der als grell leuchtender Blitz weit voraus in dem zerrissenen Gebäude wabert.
Die Wände der Wohnungen sind teils zerfallen, sodass ich von Zimmer zu Zimmer wandern kann. Kaputte Möbel, flatternde Zeitungsausschnitte, dreckige Flaschen.
Plötzlich ist da diese Stimme: »Wieso stört sie uns.?«
Vor mir fließen schwarze Stränge aus dem Boden, fasern sich zusammen und bilden ein Wesen, das in der Hölle geboren sein muss – eine Mischung aus schwarzen Fleischseilen und orangegelben Geschwüren an Kopf und Knien.
Ich schieße instinktiv auf den Kopf. Das Wesen taumelt zurück, aber dann fängt es sich und lässt seine Stränge über den Boden auf mich zu schlängeln. Blitzschnell bin ich umwickelt und kämpfe mit wilden Bewegungen dagegen an. Schließlich gelingt es mir, die Dinger abzuschütteln. Ich muss Distanz gewinnen, um besser zielen zu können.
Ich renne daher in die nächste Wohnung, drehe mich um und sehe die Albtraumgestalt heranwanken. Links neben ihr steht eine Gasflasche. Darauf ziele ich.
Peng! Und dann Wumm!
Mit einem gewaltigen Knall explodiert die Flasche und setzt das Wesen in Flammen, sodass es sich nicht mehr auf mich zubewegen kann. Nun kann ich besser zielen und setze ein, zwei, drei platzierte Schüsse auf den orangeroten Ball, der als Kopf anzusehen ist. Doch das Ding geht nicht zu Boden. Also schieße ich auf die orangeroten Geschwüre an den Knien. Das verlangsamt das Monster. Aber nun muss ich nachladen. Verdammt!
Ich renne kreuz und quer durch die Etage, um einen Platz weit weg von der Gestalt zu finden. Nun kann ich nachladen. Ich höre das Monster näherkommen. Wieso dauert das so lange?
Solche Szenen kommen öfter vor in Cronos – The New Dawn. Das Game wurde entwickelt von Blooper Team aus Polen. Das Team hat sich einen Namen mit Horrorgames gemacht, zuerst mit dem grandiosen Layers of Fear, dann mit The Medium und zuletzt mit dem Remake von Silent Hill 2. In »Cronos – The New Dawn« haben sie eine neue Marke zum Leben erweckt, die explizit auf die eigene Umgebung verweist. Die Spielumgebung ist ein fiktionalisierter Stadtteil von Krakau, der in der Realität existiert und den Namen »Nowa Huta« trägt. Dieser wurde 1949 als Arbeiterstadt gegründet und mit Plattenbauten ergänzt. Wie gelungen diese Fiktionalisierung sich in den Plot rund um Zeitreisen einfügt, soll die nachfolgende Rezension aufzeigen.
In Third-Person-Ansicht steuert man die Reisende durch die unwirklichen, düsteren Umgebungen von Nowa Huta. Meist ist man in Gebäudekomplexen unterwegs, die als postapokalyptischer Sowjet-Punk beschrieben werden können. Es ist ein positiver Aspekt, dass die Entwickler dieses Arbeiterviertel sehr gut kennen, denn auf diese Weise konnten sie die Spielumgebung spannend und kreativ verfremden. Stets liegt ein Hauch von Ostblock-Düsternis und Verfall über dem Setting und gibt eine Prise Melancholie dazu.
In bester Survival-Horror-Art ist man unterwegs und schleicht langsam durch die schlecht ausgeleuchteten Korridore. Wenig Munition, wenig Lebensenergie, wenig Ressourcen. Der Tod lauert an jeder Ecke. Das macht »Cronos – The New Dawn« sehr spannend, aber auch sehr fordernd. Jeder Gegner kann den Tod bedeuten. Das erinnert an Dark-Souls und ähnliche Titel. Allerdings gibt es keine Ausdauerbalken und Lagerfeuer. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich nicht einstellen, das sorgt durchaus für so manche Frustmomente, wenn man eine Stelle immer wieder wiederholen muss.
An bestimmten Stellen im Spiel kann man mit gefundenen Energiekugeln und Kernen seine Ausrüstung aufleveln. Das kennt man aus Genrevertretern wie Dead Space ebenfalls und funktioniert genauso motivierend. Allerdings muss man die Umgebung genau absuchen, um genügend Ressourcen zu finden. »Cronos – The New Dawn« ist kein einfaches Spiel und macht es dem Spieler auch nicht einfach.
Zur Verteidigung hat man Pistolen und Shotguns. Auch sie kann man aufleveln. Die Lebensenergie sieht man nur, wenn man getroffen wird, das ist schade. Schnell geht sie zur Neige und die Health-Packs sind rar gesät. Hab ich schon erwähnt, dass »Cronos – The New Dawn« nicht einfach ist? Okay, alles klar, ihr wisst Bescheid.
;-)
Wichtig ist auch die Tatsache, dass die Monster sich mit verstorbenen Monstern verbinden können und dadurch anwachsen. Das kann man dadurch unterbinden, dass man die toten Monster verbrennt. Das Feature klingt gut, wird aber durch dadurch untergraben, dass man zu wenig Feuerbomben mit sich tragen kann, wodurch man stets im Eifer des Gefechts nicht weiß, wann man am besten diese Bomben werfen sollte. Auch werden die Monster kaum merklich stärker, wenn sie sich verbinden. Schade, dass dieses Spielfeature nur halbgar umgesetzt wurde.
»Cronos – The New Dawn« ist wunderschön anzuschauen, wenn man auf Düsternis und Verfall steht. Die Texturen sind knackscharf und die Umgebungen äußerst detailliert. Das Design der Monster ist sehr gut gelungen. Manche Umgebungen erinnern vom Design her an die Kunstwerke des Schweden Simon Stålenhag, der mit seiner alternativen 80er Jahre SF-Welt für Furore gesorgt hat. Die Sprachausgabe ist auf Englisch vorhanden. Deutsche Untertitel gibt es.
Die Sprecher machen ihre Jobs gut, wobei leider die Reisende etwas zu unterkühlt wirkt. Die Musik und Sounds der Spielumgebung sind allerdings sehr gut gelungen und nehmen einen mit auf eine Achterbahnfahrt des Horrors.
Nach gut 15 Stunden hat man mit »Cronos – The New Dawn« einen Trip ins postapokalyptische Ostblock-Krakau absolviert, der noch lange nachhallt. Der Schwierigkeitsgrad ist hoch, die Spannung ebenso und das Design der Monster und Umgebungen ist bemerkenswert eigenständig. Es ist schön zu sehen, dass es noch Entwickler gibt, die die Formel des Survival-Horror verstanden haben, auch wenn es wünschenswert wäre, mehrere Schwierigkeitsgrade einzubauen, denn nicht jeder hat so viel Zeit, um manche Stellen wieder und wieder zu absolvieren, was frustrieren kann.
Insgesamt ist »Cronos – The New Dawn« ein sehr gelungener Beitrag zum Survival-Horror, der eigenständig genug ist, um neben den Größen des Genres zu bestehen.
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