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Dämonen-Lady und das Monster

Autorin: Doris E. M. Bulenda

 

Mein Dämonen-Geliebter Aziz tauchte überraschend bei mir auf der Erde auf. Und wie immer dann, wenn er am wenigsten gelegen kam. Ich war gerade vom Job nachhause gekommen und hatte später ein dienstliches Abendessen, Besprechung mit einem wichtigen, aber sehr unangenehmen Kunden. Da tauchte mein geliebter Dämon auf, in seinem blauhaarigen Menschenkörper.

 

Bevor ich noch ein Wort sagen konnte, hatte er mich in die Arme genommen und küsste mich wild. Ich löste mich aus dem Kuss, wollte eine Bemerkung machen, aber da kam von Aziz: »Meine geliebte Dämonen-Lady, meine süße Lady.«

 

Dann küsste er mich wieder, noch wilder als zuvor. Jetzt löste ich mich energisch aus seinem Kuss.

 

»Also gut, beichte schon. Was hast du wieder angestellt?«

 

»Aber geliebte Lady, wie kommst du darauf?«

 

»Aziz, ich kenne dich jetzt schon eine ganze Weile. Und ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass was nicht stimmt. Was zum Teufel ist los?«

 

Aziz zuckte zusammen. Aha, Beelzebub hatte also auch seine Finger drin. Naja, das war nicht weiter verwunderlich.

 

»Hör mal Aziz, ich habe in eineinhalb Stunden ein dienstliches Abendessen. Mit einem ekelhaften Kunden und zwei Typen von der Geschäftsleitung. Da muss ich aussehen wie ein 10-Millionen-Dollar-Jackpot. Also habe ich genau eine halbe Stunde übrig für dich, bevor ich mich zurechtmachen muss. Leg los – oder verschwinde wieder.«

 

Aziz seufzte, ich nahm eine Strähne seiner langen, blauen Haare in die Hand und zog daran.

 

»Los jetzt, aber schnell.«

 

»Au, nicht, ich rede ja schon.« Endlich bequemte sich der Dämon, mir zu sagen, was passiert war.

 

»Also, du weißt doch dass Beelzebub immer wieder mal gerne jemanden verführt.«

 

Ungeduldig, weil Aziz schon wieder eine Pause machte, warf ich ein: »Ja, weiß ich – hat er mal wieder eine Prinzessin verführt und Ärger bekommen?«

 

»Nein, nein, keine Prinzessin. Also, er hat zusammen mit mir einen Prinzen verführt.«

 

Na und, ich wusste, dass die beiden Dämonen nicht einseitig waren in ihren Vorlieben.

 

»Und also, wir haben …«

 

»Nein, ich will gar nicht so genau wissen, was ihr mit dem getrieben habt. Kann ich mir schon vorstellen. Was ist passiert, verdammt noch mal?«

 

»Also, also – der Prinz hat sich in ein Ungeheuer verwandelt.«

 

Jetzt gewann mein Sinn für Humor die Oberhand und ich lachte laut heraus.

 

»Nein, das stimmt nicht. Das ist immer umgekehrt. Das Ungeheuer wird durch einen Kuss zum Prinz, nicht andersrum.«

 

Komischerweise schien Aziz meine Antwort zu beruhigen.

 

»Du weißt ja schon Bescheid, das ist gut. Deshalb brauchen wir dich ganz, ganz dringend.«

 

»Wie bitte – nochmal, aber genauer.«

 

»Der Prinz hat sich in ein Ungeheuer verwandelt. Und er ist mit einer schönen Prinzessin verlobt, die darf ihn aber nicht so sehen. Wenn er die küsst, wird er kein Ungeheuer. Aber bei uns …«

 

»Aziz, was habe ich damit zu tun?«

 

»Naja, er muss von einer anderen schönen Prinzessin geküsst werden, damit er wieder zu einem Prinz wird.«

 

»Ich bin keine Prinzessin, wie ihr beiden, du und Beelzebub, sehr wohl wisst.«

 

»Doch, doch, Beelzebub wird dich wieder zu einer machen, so wie damals auf der Storia-Welt.«

 

Der Dämon hielt mich fest in seinen Armen, jetzt küsste er mich zärtlich. Ich ließ mich in seinen Kuss fallen. Eine Chance, davonzukommen, hatte ich sowieso nicht. Ich kannte doch meinen Dämonen-Freund und seine Hartnäckigkeit. So löste ich mich wieder von Aziz.

 

»Also gut, dann bring mich sofort zu Beelzebub und dem Ungeheuer. Aber schnell, ich habe heute noch was vor. Nein, ich kann nicht absagen. Ich war die einzige in dem ganzen Laden, die keine Ausrede gefunden hat. Den komischen Kunden kenne ich nicht, aber er soll sehr wichtig und dazu sehr bösartig sein. Deswegen will keine der anderen Damen mitgehen. Also los, lass uns gehen, dass ich rechtzeitig zurück bin und mich schönmachen kann.«

 

In den Armen von Aziz wurde ich durch den Strudel zwischen den Welten gebracht. Wir kamen in Beelze-Tan, der Welt Beelzebubs an. Direkt in seinem Schlafzimmer. Und auf seiner bevorzugten Bettstatt, der weichen rosa Wolke, lag ein Ungeheuer. Ich schaute mir das Ungeheuer, das ein Prinz sein sollte, mal genauer an.

 

Menschliche Ausmaße, aber der Kopf viel zu groß für den Körper. Ganz kahl, abstehende Ohren, die Augen stark hervortretend, wässrig und blau. Die Nase breit und platt, der Mund zu groß, die dünnen Lippen ließen viele spitze, unregelmäßige Zähne sehen. Fahle, unreine Haut, ein Adamsapfel, der riesig war und auf und ab hüpfte. Der Oberkörper wie ein Viereck, die Arme viel zu lang, wie bei einem Orang Utan. Die Hände mit zu vielen Fingern und langen Krallen. Die Beine lang und dürr mit zwei Kniegelenken, die Füße ebenfalls mit zu vielen Zehen und Krallen daran. Naja, hübsch sah der wirklich nicht aus.

 

Beelzebub umarmte mich von hinten, seine gespaltene Zunge leckte über meinen Hals und meinen Nacken. Ich machte mich frei.

 

»Verdammt, Beelzebub, dafür haben wir jetzt keine Zeit. Ich muss schnellstens zurück zur Erde. Ich habe eine wichtige Besprechung und muss supertoll dafür aussehen. Mach schon – verwandle mich wieder in diese Prinzessin, dann küsse ich das Ungeheuer da und verschwinde wieder.«

 

Von der Wolke kam ein heiseres Keuchen, in dem ich die Worte: »Bitte, bitte verwandle mich zurück, ich kann mich so nicht sehen lassen« zu erkennen glaubte.

 

Beelzebub seufzte, dann begann er mit seinen magischen Formeln. Wie damals auf der Storia-Welt wurde ich zur Prinzessin. Mit noch längeren, blonden Haaren als meine eigenen schon waren, mit einem Diadem darin. Ein superlanges, weites, besticktes Kleid – verdammt, warum mussten Prinzessinnen immer so blöde Klamotten anhaben? Tiefer Ausschnitt, viel Schmuck um den Hals, an den Ohren und Ringe an den Händen.

 

»Stopp, Beelzebub, das reicht. Das ist genug an Prinzessin.«

 

Von der Wolke kam zustimmendes Gekeuche. Ich ging die paar Schritte hinüber zu dem Monster, beugte mich darüber und legte – einen gewissen Abscheu tapfer überwindend – meine Lippen auf seine. Nur hatte ich gedacht, dass sich das Monster mit einem Knall und sofort zurück in einen Prinzen verwandeln würde. Ich hatte mich gründlich geirrt.

 

In meinem Verstand spürte ich jetzt Aziz, der Gedankenkontakt mit mir aufnahm.

 

»Meine geliebte Dämonen-Lady, so schnell geht das nicht. Die Verwandlung zum Ungeheuer war langsam, und genauso langsam geht es zurück. Mach einfach weiter, ich zeige dir, was sich dabei an dem Körper so tut.«

 

Verdammt, ich hätte wissen sollen, dass das wieder eine blöde Geschichte werden würde. So strich ich mit der Zunge über die Lippen des Ungeheuers. Das erwiderte jetzt meinen Kuss, unsere Zungen fanden sich und begannen, sich zu umschmeicheln. Hey, der Typ küsste aber gar nicht schlecht.

 

Mit meinen Händen strich ich jetzt über sein Gesicht, die Hände des Ungeheuers streichelten derweil meinen Rücken. Unser Kuss wurde intensiver. Dabei zeigte mir Aziz im Gedankenkontakt, was sich dadurch am Ungeheuer-Körper tat. Erst wurden die Füße wieder menschlich, dann die Beine, der Körper, die Hände, die Arme. Langsam aber sicher wurde der Prinz wieder ein richtiger Prinz.

 

Zum Schluss wurde auch sein Gesicht wieder ein richtiges, typisches Prinzengesicht. Wunderhübsch, mit leuchtenden blauen Augen, ein zartes Oval, von braunen Locken umrahmt. Die Verwandlung war abgeschlossen, wie mir Aziz im Gedankenkontakt zeigte. Schade, sehr schade – der Kerl da hatte wirklich extrem gut geküsst.

 

Ich löste mich seufzend vom Mund des Prinzen.

 

»So, alles erledigt. Dann bringt mich mal wieder zurück zur Erde, ich habe zu tun.«

 

Kurz wehrte ich noch einen Verführungsversuch von Beelzebub ab, dann brachte mich Aziz durch den Strudel zwischen den Welten zurück in meine Wohnung. Er verzog sich sofort, er spürte wohl, dass er mir jetzt im Wege war.

 

In meinem Schlafzimmer betrachtete ich mich im Spiegelschrank. Von dem Prinzessinnen-Zeug, diesen furchtbaren Klamotten, hatte Beelzebub mich befreit. Aber er hatte mir ein gewisses Schimmern, einen Hauch von Leuchten und nobler Ausstrahlung gelassen. Na gut, das konnte ich für die Besprechung sicher gebrauchen.

 

Die wurde übrigens ein großer Erfolg. Ich kam ein wenig zu spät in das Lokal, die Typen warteten schon auf mich. Und als sich der Kunde erhob, um mich zu begrüßen, hätte ich beinahe laut aufgelacht. Der sah fast genauso aus wie das Ungeheuer, das ich gerade geküsst hatte.

 

Großer, haarloser Kopf, abstehende Ohren, platte Nase, hervorstehender, hüpfender Adamsapfel. Und als er den ziemlich großen Mund öffnete, waren die Zähne zwar nicht so spitz wie bei dem Ungeheuer, aber doch durcheinander und unregelmäßig. Breiter Oberkörper, dafür spindeldürre Arme, die Haut fahl – nein, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Na, kein Wunder, dass der normalerweise unangenehm und boshaft war. Wenn man das jeden Morgen im Spiegel ansehen durfte …

 

Ich war höchst amüsiert, und das sah man mir an. Mit einem strahlenden Lächeln begrüßte ich den Kunden, erzählte, wie sehr ich mich freute, ihn kennenzulernen. In Gedanken verglich ich ihn immer wieder mit dem Ungeheuer und überlegte, wer wohl besser oder eher schlimmer ausgesehen hatte. Und ich war witzig, charmant und spritzig. Ich war wie Champagner heißt, ich schäumte richtig über. Erzählte Anekdoten und kleine, amüsante Geschichten aus unserer Firma.

 

Die beiden Geschäftsführer sahen sich erstaunt an, so kannten sie mich gar nicht. Aber der Kunde ließ sich von mir anstecken, er ging auf meine Scherze ein, lachte über meine Anekdoten, brachte selber welche an, war nett und höflich zu mir, zum Schluss sogar richtig charmant. So kam es, dass wir einen riesigen Auftrag unter Dach und Fach brachten. Der Abend war ein voller Erfolg, ich kam leicht angeheitert und immer noch total amüsiert nachhause. Küssen musste ich den Typ zum Glück nicht …

 

Am nächsten Vormittag rief der Kunde nochmal bei der Geschäftsleitung an, bedankte sich für den schönen Abend und bat, der so charmanten Dame seine besten Grüße auszurichten. Er hätte sich glänzend unterhalten und wäre glücklich, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Na, bloß gut, dass er nie erfahren würde, worüber ich mich insgeheim so gut amüsiert hatte.

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Erstellt: 27.09.2016, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58