Das Albtraumreich des Edward Moon von Jonathan Barnes

Rezension von Bine Endruteit

 

„Dieser Roman ist ein grässliches Konvolut von Unsinnigkeiten, bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren, geschrieben in öder Prosa, oft genug lächerlich und durchweg bizarr. Sie werden kein Wort glauben, und doch ist alles wahr!“ Das jedenfalls wird auf den ersten Seiten behauptet, doch seien wir ehrlich, ist es nicht gerade das, was uns reizt weiter zu lesen, obwohl diese Worte uns abschrecken sollten?

 

Edward Moon ist ein Bühnenzauberer. Doch seine Show ist eher skurril als magisch zu nennen. Er hat Freude daran, seine Besucher bloß zustellen und sie zu erschrecken. Früher waren seine Vorstellungen gut besucht doch mit der Zeit blieben die Zuschauer immer häufiger aus. So sehnt sich Moon mehr denn je nach einem neuen Fall, den er lösen kann. Er ist bekannt für seine einzigartige Art und Schnelligkeit, in der er Kriminalfälle löst, die andere längst ad acta gelegt haben. So ist er durchaus erfreut, als ihn Inspektor Merrywether in einem ganz speziellen Fall um Hilfe bittet. Ein Mann ist in einer verruchten Gegend der Stadt ums Leben gekommen, er ist von einem hohen Turm gestürzt. Doch niemand weiß zu sagen, wie es dazu gekommen ist. Seltsamerweise gesellt sich bald ein zweiter Toter dazu, der auf die gleiche Weise starb und ausgerechnet seine Mutter auf dem Turm gesehen haben will. Niemand weiß, was wirklich passiert ist und auch Moon kommt des Rätsels Lösung kaum näher.

 

War es Selbstmord? Oder wurden die Männer in den Tod gezwungen? Mit seinem Begleiter dem Schlafwandler, versucht Moon an ungewöhnlichen Orten Hinweise zu finden. Dabei steht ihm der stämmige Mann zur Seite, der ausschließlich Milch trinkt und nahezu unverletzbar wirkt. Zudem spricht er nicht, sondern verständigt sich mit Hilfe einer Tafel, die er ständig mit sich führt. Der Schlafwandler ist Edward Moon ein guter Freund und steht ihm stets zur Seite, wenn es brenzlig wird. Bei ihren Ermittlungen stoßen die beiden auf allerlei Merkwürdigkeiten. Sie treffen nicht nur auf einen schuppigen Fliegenmenschen, sondern auch auf Mr. Cripp, der behauptet, die Zeit würde rückwärts für ihn laufen. Kann er unter all diesen skurrilen Gestalten den Mörder ausfindig machen? Moon verstrickt sich immer mehr in den klebrigen Fäden dieses Rätselnetzes und muss feststellen, dass er doch erst den äußeren Rand einer großen Verschwörung erforscht hat.

 

„Das Albtraumreich des Edward Moon“ ist ein Roman von ausgesuchter Andersartigkeit. Alles ist hier kurios und voller Düsternis. Es ist nicht einmal so, dass ein durchschnittlicher Protagonist sich der Welt des mystischen stellen muss, nein, Moon selbst verkörpert bereits diese ganz besondere Art des Seins, die sich durch den gesamten Roman zieht. Die Stimmung des Buches ist vielleicht mit den morbiden Bildern zu vergleichen, die Tim Burton in seinen Filmen „Sweeney Todd“ oder „Sleepy Hollow“ verwendet hat. Tatsächlich geht es hier sogar ähnlich blutig zu.

 

Es gibt einen Ich-Erzähler, der immer wieder kleine, persönliche Hinweise liefert, was er von den Figuren oder ihren Handlungen hält. Welche Person der Geschichte sich dahinter verbirgt, wird jedoch erst sehr spät im Buch aufgedeckt. Vielleicht zu spät, denn durch diesen Perspektivenwechsel fällt es dem Leser schwer, sich dem Finale genießerisch hinzugeben. Man ist vielmehr leicht verwirrt davon, dass nun nicht mehr Moon die Hauptrolle einnimmt. Außerdem werden viele Rätsel, die im Laufe der Zeit aufgebaut werden, nicht gelöst. Was zum Beispiel hat es mit dem Schlafwandler auf sich, der von Schwertern durchbohrt aber nicht verletzt werden kann? Es bleiben so viele Unklarheiten bestehen, dass man den Roman mit einem leicht unbehaglichen Gefühl beiseite legt.

 

Absolut gelungen sind die bizarren Figuren, die der Autor Jonathan Barnes geschaffen hat. Durch seine mürrische Art und sein oft unsympathisch wirkendes Auftreten selbst ein Kuriosum, ist Edward Monn doch noch einer der verhältnismäßig normalen Charaktere des Buches. Ganz anders sind da zum Beispiel der Schlafwandler, der dem Englischen Original sogar den Titel „The Somnambulist“ gegeben hat, der Fliegenmensch, die bärtige Dame Mina, der Zeitreisende Cripp, ein zombieartiger Dichter, mordende Männer in Schuluniformen, ein Geister sehendes Medium und viele andere. Die Liste kann fast endlos weitergeführt werden. Man ist jedes Mal aufs neue überrascht, wie realistisch die Figuren trotz ihrer Absurdität erscheinen.

 

„Öde Prosa“ kann man „Das Albtraumreich des Edward Moon“ also bei weitem nicht nennen. Ganz im Gegenteil ist Jonathan Barnes' Sprache besonders ausgefeilt, seine Figuren gut ausgearbeitet und die Geschichte spannend. Doch es bleibt die berühmte Frage „Was will der Autor und mit seinem Werk sagen?“. Klar beantworten lässt sie sich nicht. Man kann nicht einmal sagen, dass das Buch Qualitativ besonders gut oder schlecht sei. Es ist einfach anders. Abstoßend und anziehend anders zugleich. Welches dieser Attribute überwiegt, muss jedoch jeder Leser für sich selbst entscheiden.

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Das Albtraumreich des Edward Moon

Autor: Jonathan Barnes

Piper (März 2008)

Gebundene Ausgabe: 399 Seiten

ISBN-10: 3492701574

ISBN-13: 978-3492701570

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 30.04.2019 14:17 | Users Online
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