Im Zuge der allgegenwärtig scheinenden »Verlabelung« und »Imprintisierung« bei den großen Buchverlagen hat 2025 der renommierte Verlag Kiepenheuer & Witsch ein neues Etikett geschaffen. Das erste Programm startete unter dem Namen ›kiwi sphere‹. Doch man musste aus markenrechtlichen Gründen umgehend für folgende Neuerscheinungen den Namen ändern und bringt neue Titel fortan unter ›kiwi space‹ heraus.
Die New-Adult-Generation, die ihre Buchumschläge pastellfarben liebt, scheint sich etwas weiterentwickelt zu haben und braucht neue Imprints. Bei Kiepenheuer & Witsch steht ›kiwi space‹ für ausgewählte Bücher aus verschiedenen Genres, von Romance, Romantasy über Horror bis hin zu populärem Sachbuch. Im Zeitalter von Social Media, spezialisierten Influencern und einer neuen »BookTok-Community« werden diese Titel »von der Zielgruppe für die Zielgruppe in ihren Zwanzigern und Dreißigern kuratiert«.
Ich bin nicht die Zielgruppe, verfolge aber Entwicklungen in der Buchbranche schon immer mit großem Interesse. In das Startportfolio des neuen Etiketts hat sich ein Roman eingeschlichen, der für Genrefans interessant sein dürfte. Es handelt sich hierbei um Das Beste sind die Augen von Monika Kim. Das Buch wird als »fesselnder feministischer Horrorroman über Wut, Obsession und die Grenzen der Moral« angepriesen.
Für so manchen alten weißen Mann, um ein Klischee zu bemühen, dürfte schon die Vorstellung der Lektüre eines feministischen Romans ein Art Horror sein. Mich jedoch haben die Werke von engagierten intellektuellen Frauen, von Susan Sontag bis Siri Hustvedt, seit den Deutsch- und Englisch-Leistungskursen auf dem Gymnasium interessiert.
Die deutsche Ausgabe, zumindest die erste Auflage, glänzt als Schmuckausgabe mit Farbschnitt. Solche Äußerlichkeiten lassen mich zwar nicht meine Meinung über ein Buch ändern, aber ich muss sagen, dass diese ganzen Augen auf dem Umschlag und dem Buchschnitt wirklich ein Hingucker sind. Und deshalb sticht das Buch schon alleine deswegen aus dem Farbmustermeer, das sonst geboten wird, heraus.
Aber wie steht es um den Inhalt?
Die Autorin Monika Kim ist eine Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln, die im Stadtteil Koreatown in Los Angeles lebt. »Das Beste sind die Augen« handelt von der Philosophie-Studentin Ji-won, die mit ihrer 53-jährigen Mutter und ihrer jüngeren Schwester Ji-hyun (15 Jahre) zusammenlebt. Ebenfalls in Los Angeles.
Sie sind Immigranten, die sich in den USA ein besseres Leben aufgebaut haben. Ihre Eltern entkamen in den 1970er-Jahren der Armut eines kleinen Dorfes in der Nähe von Seoul. Doch in den Vereinigten Staaten von Amerika ist natürlich alles relativ und vieles oft rein materiell geprägt. Ihr Vater hat sich von ihrer Mutter getrennt (wegen einer anderen Frau) und damit auch von seinen Töchtern. Ist das nicht schon schlimm genug, findet die Mutter einen neuen Partner: ein arroganter, eigensinniger weißer Mann, der die Praktiken eines Kuckucks beherrscht und sich einfach in der Wohnung und damit dem Leben der drei Frauen breit macht.
Das Verhältnis der Eltern war grundsätzlich in Schieflage: »Umma war eine zurückhaltende, umgängliche Frau. Sie wagte es sonst nie, mit meinem Vater zu diskutieren, denn bei uns zu Hause war er ein König und ein Gott. Sein Wort war Gesetz und wir drei, seine Untertaninnen, gehorchten«, erklärt Ji-won.
Ist der Neue besser? Er ist Amerikaner und heißt George. Kritik scheint er nicht gewohnt. Beim ersten Treffen im chinesischen Restaurant bestellt er für alle einfach mal mit und legt dadurch das Bezugssystem fest. Ji-won beschreibt ihn im folgenden als »laut, egozentrisch, rüpelhaft«. Er behandele Frauen wie Objekte, nicht wie Menschen.
Das Horrorelement des Romans beginnt mit dem ersten Satz und eigentlich schon beim Titel: »Umma sagt, die Augen sind das Beste.«. Ji-wons Mutter isst gerne Fischhaut und Fischaugen. Die Augen zu essen, soll Glück bringen. Die kulinarische Begeisterung der Mutter löst eine stärker werdende generelle Reaktion in Bezug auf Augen bei ihrer Tochter aus.
So findet Ji-won die blauen Augen von George nicht nur faszinierend, sondern gar betörend. Diese Obsession mit dem wichtigsten Sinnesorgan des Menschen nimmt im Verlauf der Handlung immer stärkere Züge an und führt dazu, dass Ji-won zwanghafte Gelüste nach dem Verspeisen von Augen entwickelt. Besonders als ihre Mutter und George ankündigen, dass sie heiraten wollen …
»Das Beste sind die Augen« wurde für den Bram Stoker Award nominiert in der Kategorie »Bester Erstlingsroman«. Was wie ein Psychogramm und die Beschreibung des Zerfalls einer vermeintlich intakten Immigrantenfamilie beginnt, entwickelt sich sukzessive zu einem dunklen psychologischen Horrorroman. Die Bandbreite des modernen Grusels geht von Rassismus über weibliche Rache bis hin zu Kannibalismus.
Geboten wird die Geschichte einer jungen Frau, die in gestörten Verhältnissen lebt und versucht, ihrem Trauma zu entkommen. Die asiatisch-koreanische Sichtweise ist eine interessante Facette. Aber: Stellenweise geht es explizit zu, weshalb alle mit einem empfindlichen Gemüt vorgewarnt sein sollten.
Unter dem Strich ist »Das Beste sind die Augen« ein flott zu lesender Stoff, der vielleicht etwas zu schwarzweiß daher kommt mit seinen Aussagen von »Frau vs. Mann«, aber durchaus auch für männliche Leser »augenöffnend« sein kann.