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Das Blut der Schande von Caleb Carr

Rezension von Christian Endres

 

Immer wieder stellen sich neuzeitliche Autoren der Aufgabe, das womöglich schwerste Erbe der Literaturgeschichte anzutreten: Das Erbe von Sir Arthur Conan Doyle, dem geistigen Vater von Sherlock Holmes, Doktor Watson und den vielleicht besten Kriminalgeschichten des ausklingenden viktorianischen Zeitalters. Die dabei entstehenden Pastiches haben mitunter eine sehr schwankende Qualität, was sich vor allem in den bei einigen englischen Verlegern recht beliebten Kurzgeschichtensammlungen zeigt. Dennoch gibt es auch immer wieder Autoren, die abseits dieser Anthologien ganze eigenständige Romane verfassen; Romane, von denen neuerdings auch immer wieder einmal einer in Deutschland erscheint. Neben dem Blitz-Verlag, der eine eigene Reihe mit neuen Abenteuern des Meisterdetektivs im Programm hat, und Bastei Luebbe, die in den letzten Jahren eine der sehr guten Kurzgeschichten-Sammlungen (von Mike Ashley) und zudem ein paar Einzelromane veröffentlicht haben, hat sich nun auch der Heyne Verlag in das Geschehen eingemischt und die Holmes-Bühne hierzulande betreten, indem man Caleb Carrs »Das Blut der Schande« im edlen Hardcover präsentiert ...

 

Kein geringerer als Mycroft Holmes ist es, der seinen Bruder Sherlock und dessen treuen Begleiter Doktor John Watson nach Schottland bittet, um sich dort an den Untersuchungen zu zwei ebenso seltsamen wie brutalen Mordfällen in Holyroodhouse, dem schottischen Landsitz der Königin von England, zu angagieren. Dabei werden die Ermittlungen von einer berühmten schottischen Legende überschattet, die im Original auch titelgebend für den Roman war: Der Fall des italienischen Sekretärs, der einst in den Gemächern von Königin Mary grausam ermordet worden war und den westlichen Turm des Anwesens seit dem Nacht für Nacht heimsuchen soll – in Form eines Geistes, aber auch in Form seines eigenen, jeden Tag aufs Neue vegossenen und auf dem Parkettboden des Gemachs erscheinenden Blutes. Aberglaube, Gier und düstere Gestalten nehmen überhand – und wieder einmal ist es an Sherlock Holmes, sich mit seinem messerscharfen Intellekt gegen den modrigen Geruch des Übernatürlichen zu stellen und gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Doktor Watson dem Verbrechen die Stirn zu bieten, um das Leben unschuldiger Mädchen, tapferer junger Männer und vielleicht sogar der Königin selbst zu retten ...

 

Caleb Carrs »Blut der Schande« (das übrigens von den Nachlassverwaltern und Erben Arthur Conan Doyles autorisiert worden ist) schafft es von Beginn regelmäßig, den Charme und das Setting der originalen Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle einzufangen, so dass der Leser sich schnell heimisch fühlt und die Figuren aus den Holmes-Spielen problemlos wiedererkennt. Danach aber beginnt Carr schon mit einem innovativen Einfall, indem er Vorzeige-Bohemien Mycroft Holmes aus dem Diogenes-Club in London reißt und den Gemäßigteren der Holmes-Brüder in die raue Umgebung Schottlands versetzt. Einerseits ist das ein netter, abwechslungsreicher und sicherlich gut und geschickt eingefädelter Zug, der der Figur gut tut und sie um eine Facette bereichert, anderseits aber auch ein Widerspruch zu Mycrofts Charakter, der nicht nur von Doyle, sondern auch schon von anderen nachfolgenden Autoren in eine gänzlich andere Richtung gedeutet worden ist. Sicherlich eine diskussionswürdige Neuerung, die mir nicht immer zu gefallen gewusst hat. Ansonsten hat der Roman natürlich alles, was ein Sherlock-Holmes-Roman braucht: Hilflose Frauen, einen brillianten, stetig kühl analysierenden Holmes, einen Hauch Mystik, und natürlich richtig gemeine Verbrecher ohne Ehre und Seele im Leib – und natürlich einen John Watson, der wieder einmal in seiner Paraderolle grenzt, und der von allen Figuren des Holmes’schen Umfeldes von Carr am besten interpretiert und in Szene gesetzt worden ist. Wo Carr hingegen leider ein paar Punkte verspielt hat, das ist der hektische Schluss – ein Phänomen, das bei vielen der neuzeitlichen Holmes-Autoren auftritt, wenn sie zum Ende kommen wollen und dabei ein wenig zuviel Action und Hin-und-Her-Gerenne einbauen und den Leser in irgendwelchen düsteren Gemäuern dann gerne einmal für einen Moment abhängen.

 

Die Aufmachung des Romans weiß ebenso wie die Übersetzung zu überzeugen, wenngleich sich beide mit jeweils einem Kritikpunkt herumschlagen müssen, der in meinen Augen vermeidbar gewesen wäre: Warum nämlich benutzt man beim Satzspiegel im Innenteil keine Einzüge bei einem neuem Absatz? Immerhin hat das nicht nur kosmetische und optische, sondern durchaus auch leserliche Vorteile – gerade wenn mit vielen wörtlichen Reden gearbeitet wird, die im Dialog auch einmal direkt hintereinander folgen. Zum anderen wäre dann noch die Frage, wieso man den Titel nicht einfach eingedeutscht hat. Natürlich wäre ein »Der italienische Sekretär« etwas sperrig und weniger griffig gewesen, doch hätte das mitunter durchaus den Kern getroffen und zumindest die Anspielung auf z. B. die Doyle-Geschichte »Der griechische Dolmetscher« mitgenommen. Ansonsten ist das Hardcover sehr fein verarbeitet und mit einem schön gestalteten Schutzumschlag ausgestattet, der wirklich zu gefallen weiß und einiges her macht ...

 

Fazit: Egal ob als Autor, Leser oder Sammler: Ich liebe Sherlock Holmes. Entsprechend groß ist zu Weilen dann auch immer die Freude, wenn ein neuer Roman über den berühmten Detektiv erscheint, nicht minder groß aber auch die Erwartungen und die Ansprüche.

 

Caleb Carr nun hat einen durchaus ordentlichen, ansprechenden Sherlock-Holmes-Roman vorgelegt, der sich nicht hinter anderen Holmes-Geschichten jüngerem Datums verstecken braucht. Mit ein paar Abzügen für einige Szenen, dem Vorbehalt wegen Mycroft Holmes’ ausgebauter Rolle und Kritik für das einem etwas hektischen, mir persönlich auch etwas zu undurchsichtigem Ende sollte der Leser aber trotzdem leben können; dann aber steht dem Lesegenuss von »Blut der Schande« nichts mehr im Wege.

 

Außer vielleicht ein italienischer Sekretär ...

 

 

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Buch:

Das Blut der Schande

Autor: Caleb Carr

Einband: Gebunden

Seiten: 352

Verlag: Heyne

Erscheinungsdatum: März 2006

 

ISBN: 3453404572

 

Erhältlich bei Amazon

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Erstellt: 03.04.2006, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36