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Das Durchdrehen der Schraube von Henry James

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Eine junge Pfarrerstochter kommt als Erzieherin zweier elternloser Kinder auf ein abgeschiedenes englisches Landgut. Als sie mysteriöse Erscheinungen wahrnimmt, glaubt sie sich und die Kinder in äußerster Gefahr.

 

Rezension:

Eine kleine Gespenstergeschichte schreiben, um etwas Geld für ein Häuschen zu verdienen, mag für Henry James keine ganz so geliebte Option gewesen sein, aber mit seiner eigenen Herangehensweise an die ihm zugetragenen Stoffe entstand aus einer Salon-Anekdote eines seiner meist diskutierten Werke.

 

The Turn of the Screw, 1898 erschienen, brachte tatsächlich im Vergleich zu seinen großen Romanen mehr Geld ein, obwohl Henry James keinen Zoll von seiner literarischen Experimentierfreude abwich.

Das betrifft schon die Rahmenhandlung, die zwar eine typische Gespenstergeschichten-Situation aufbaut – eine Abendgesellschaft erzählt sich Geschichten und der Erzähler verspricht, eine ganz besondere vorweisen zu können, jedoch wird der Rahmen nicht geschlossen. Es gibt keinerlei Nachbetrachtung oder Auswertung, obwohl es eine angedeutete persönliche Geschichte hinter der inneren Handlung gibt.

Desweiteren wird diese innere Geschichte von einer namenlosen jungen Frau erzählt, deren Erzählposition nicht mehr verlassen wird. Wir erleben alles aus ihrer Sicht, als sehr subjektiven, im Nachhinein verfassten Bericht, inklusive aus größerem Abstand zum Geschehen aufgestellten Selbstbetrachtungen. Diese große Subjektivität der Darstellung zwingt die Leserschaft von Anfang an, die Ereignisse selbst zu bewerten oder zu hinterfragen.

Durch die in der Rahmenhandlung angedeutete amouröse Verbindung der beiden Erzählinstanzen wird ganz raffiniert eine positive emotionale Basis geschaffen. Der erste Erzähler fungiert als Leumund, den wir beim Lesen eher unbewusst als moralisch glaubwürdig empfinden und somit startet die Erzählerin mit einem gewissen Vertrauensvorschuss.

Eine junge Frau, die sich bereit erklärt, zwei Waisen zu unterrichten, deren Vormund sich um diese Aufgabe zu drücken scheint, sammelt zudem mühelos Sympathiepunkte ein. Ihre verantwortungsvolle Bewertung ihres Arbeitgebers, den sie wohl liebend gern näher kennengelernt hätte, bringt weitere liebenswerte Vorzüge auf die Waage.

So entwickelt James in wenigen Szenen eine komplexe Figur, deren Verankerung in der realen Welt kaum angezweifelt werden kann. Ihre Beurteilungen der Haushälterin, Mrs. Grose, als auch der beiden Waisen erscheinen glaubhaft und auf dem Boden einer gefestigten Persönlichkeit mit einer gewissen Lebenserfahrung gegründet zu sein.

Dadurch nimmt man die eigentlich unerklärlichen Geisterscheinungen zunächst einmal hin. In Gesprächen mit der Haushälterin beschreibt die Erzieherin die beiden Erscheinungen und Mrs. Grose erkennt sie als den Diener Quint und die vorhergehende Erzieherin der Kinder, Miss Jessel – beide unter nicht ganz geklärten Umständen verstorben. Doch die Andeutungen von Mrs. Grose lassen darauf schließen, dass sie nicht nur lasterhafte Menschen waren, sondern auch großen Einfluss auf die Kinder hatten. Es entspinnt sich ein Netz von Andeutungen, Ungesagtem und halbgaren Vermutungen über das, was die beiden nun genau mit den Kindern angestellt haben.

Man mag aus heutiger Sicht befürchten, irgendwelche Hinweise zu übersehen, Code-Wörter eventuell, die man Ende des 19. Jahrhunderts hätte deuten können, aber an dem ist nicht so. Bereits zeitgenössische Interpretationen rätselten über die verborgenen Hintergründe. Es bleibt allein die Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser sich auszumalen, worin die traumatischen Geschehnisse bestanden, die sowohl den Geistererscheinungen zu Grunde liegen, als auch den Verhaltensauffälligkeiten von Flora und Miles – wie sie sich der Erzieherin darstellen.

Und selbst die Entscheidung, ob wir ihren Augen und Worten trauen, nimmt uns niemand ab. Wie Übersetzer Karl Ludwig Nicol seinem hoch informativen Vorwort voranstellt, wird man als Leser zu seinen eigenen Gedanken über die Geschichte herausgefordert. Diese völlige Freiheit in der Interpretation zeugt von Henry James großer literarischer Kunstfertigkeit. Gerade diese Offenheit macht einen großen Reiz der Geschichte aus.

Das Grauen entwickelt sich dabei nicht aus den durchaus vorhandenen, heute sattsam bekannten Ingredienzien einer Haunted House Geschichte, wie plötzlich Abkühlung, wehende Gardinen, ferne Schreie, Gesichter hinter Fensterscheiben etc., sondern vielmehr aus der sich steigernden Ungewissheit. All jene Schreckensmomente meistert die Erzieherin, und damit auch wir beim Lesen, ohne merklichen Pulsanstieg. Doch die junge Frau entwickelt ein fast manisches Bedürfnis, ihre Zöglinge zu beschützen. Sie empfindet die Geistererscheinungen als Eindringen des Bösen nicht nur in das Haus, sondern auch in das Denken und Fühlen der Kinder. Der so immer stärker inszenierte Kampf zwischen Gut und Böse führt zu einer schleichenden Infizierung unserer Hauptfigur. Während sie selbst sich einer Prüfung zu stellen meint, die sie an den Rand ihrer Kräfte bringt, mäandert die Phantasie der sie begleitenden Leserschaft ahnungsvoll zur angekündigten Katastrophe. Ein Spannungsbogen von ganz eigener, interaktiver Qualität.

 

Fazit:

Das Durchdrehen der Schraube von Henry James ist keine einfache oder irgendwie klassisch anmutende Schauergeschichte, viel mehr ist sie trotz des Abbildens einer heute ungebräuchlichen, nichtsdestotrotz eleganten und leichtgängigen Sprache selbst für Genießer zeitgenössischen Horrors eine überraschend innovative Lektüre.

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Buch:

Das Durchdrehen der Schraube

Originaltitel: The Turn of the Screw, 1898

Autor: Henry James

Übersetzer: Karl Ludwig Nicol

Taschenbuch, 205 Seiten

dtv, 23. Oktober 2015

Cover: Katharina Netolitzky nach einem Gemälde von James Archer

Nachwort: Karl Ludwig Nicol

 

ISBN-10: 3423144564

ISBN-13: 978-3423144568

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B014W2LSZM

 

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Erstellt: 10.05.2017, zuletzt aktualisiert: 11.09.2017 19:14