Das Fischkind von Lucía Puenzo

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Lala streichelt ihren sterbenden Hund. Dass Serafín in diese Lage kam, ist das Ergebnis einer langen Geschichte. Eigentlich war der Hund ein Geschenk für Lalas Mutter Sascha, zu einer Zeit, als die Familie zwar nicht heil war – das war sie möglicherweise nie – aber zumindest noch eine Familie war. Seither hat sich viel geändert: Lalas Bruder Pep ist in der Drogenentziehung, Sascha ist nach Indien durchgebrannt und ihr Vater Brontë hat das Dienstmädchen Guayi vergewaltigt. Guayi ist eine Göttin. Sie stammt aus Paraguay. Sie hat ein bezauberndes Wesen und ist wunderschön. Und Lala ist unsterblich in die Guayi verliebt. Als das Dienstmädchen flüchtet, beschließt Lala, dass es Zeit zum Handeln ist. Ob sie lebt oder stirbt, das ist ihr gleich, nur so kann es nicht weitergehen.

 

Lalas Familie, die Brontës, wohnt in Buernos Aires und dort spielt auch der Großteil der Geschichte. Das Leben in diesem Buenos Aires ist in vielen Belangen wie in anderen modernen Metropolen: Eine glamouröse Highsociety schnattert von Skandalchen, die Kids feiern Partys mit Drogen und Alkohol und die Berichtserstattung ist global – Lala sieht im Fernsehen einen Bericht über den Kannibalen von Rotenburg. Dennoch gibt es auch große Unterschiede: Das Leben ist viel härter und gleichgültiger den Opfern gegenüber. Alle gut situierten Familien (zu denen die Brontës gehören) haben Dienstmädchen, die nie aus Argentinien, sondern aus Paraguay, Bolivien und anderen Anrainerstaaten stammen. Sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung, aber man spricht nicht darüber. Gleichzeitig misstrauen die Herrschaften den Bediensteten zutiefst und feiern jede Verurteilung als viel zu raren Sieg der Gerechtigkeit. Diese Haltung spiegelt sich im Staatsapparat: Die Polizisten sind mehr an einem Auftritt in der angesagtesten Telenovela als an Ermittlungen interessiert und im Knast hat jeder Vollzugsbeamte sein eigenes Ding am Laufen – selten zum Vorteil der Gefangenen. Die Menschen in diesem Buernos Aires lieben den schönen Schein, denn das Sein ist unerträglich korrupt und brutal.

Es gibt zwei phantastische Elemente. Da ist zunächst der Hund Serafín, der die Geschichte erzählt. Er ist dabei stark vermenschlicht – Momente, in denen sein Hund-Sein eine Rolle spielt, gibt es nur wenige. Das andere ist das Fischkind. Letztlich bleibt offen, ob es sich hierbei um ein bizarres Wesen, ein Geist oder eine Halluzination handelt. Damit verbindet die Autorin eher postmoderne und todorovsche Phantastik als herkömmlichen magischen Realismus. Vielleicht ist dieses ob der Beiläufigkeit, mit der die Elemente behandelt werden, ja der neue magische Realismus.

Insgesamt verwendet die Autorin nur wenige Zeilen um den Schauplatz zu beschreiben, ein paar mehr werden für das Setting, wie es in den Figuren wirkt, verwendet – damit ist es ein Milieu.

 

Die Anzahl der Figuren ist überschaubar – es gibt eigentlich nur zwei zentrale Figuren: Lala und die Guayi. Serafín, ein hässlicher, schwarzer Köter, ist in erster Linie ein Berichterstatter und keine handelnde Figur. Dazu gibt es noch etwa ein halbes Duzend wichtigerer Nebenfiguren. Wenig überraschend für die Kürze der Geschichte, die zudem handlungsorientiert ist (und die Vorliebe der Bewohner von Buenos Aires für die Oberfläche), werden die Figuren nur knapp charakterisiert – tiefe Einblicke in die Seele gibt es nicht.

Lala heißt eigentlich Paula Brontë. Sie ist etwa so alt wie die siebzehnjährige Guayi. Diese spöttelt, dass man ihr das Viertel – den Reichtum – stets ansehen werde; Lalas Vater ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Lala war schon immer eine Einzelgängerin. Schon in der Schule hatte sie einen Mitschüler brutal verprügelt, damit sie in Ruhe gelassen wird, denn wenn sie bedrängt wird, neigt sie zu Gewaltausbrüchen. Schuld daran trägt wohl vor allem ihr Vater, ein intellektueller Macho mit Depressionen. Am Ende fehlt ihm die Härte, die Lala allerdings aufbringt. Ob Lala die Guayi liebt oder nur auf eine romantisch verbrämte Art wie ihr Vater besitzen will, bleibt unklar. Bei ihrem Kampf um die Geliebte legt sie jedenfalls ein Verhalten an den Tag, das an ein Borderline-Syndrom grenzt. Die Guayi ist wunderschön und voller Liebe – so nehmen zumindest Lala und Serafín sie wahr. Der Leser indes entdeckt peu à peu, dass auch hinter dieser schönen Fassade der Keim der Korruption schon ausgesät wurde.

Letztlich sind alle Figuren Täter und Opfer zugleich – nur sind die Positionen nicht gleichmäßig vergeben.

 

Der Plot ist nicht leicht pointiert zu beschreiben. Blickt man alleine auf die Handlungselemente, so könnte man die Geschichte als Queste lesen: Lala macht eine abenteuerliche Fahrt – mehr durch die Gesellschaft als durch das Land – um Guayi aus dem Jugendgefängnis zu retten. Oder man könnte es als umgekehrte Entwicklungsgeschichte Lalas lesen – wird es Lala gelingen der grauenhaften Gesellschaft zu entrinnen oder muss sie ihren Platz einnehmen? Damit wird es auch zur ultimativen Fluchtgeschichte. Nun gibt es nur wenige Action-Szenen, dafür aber einige Reminiszenzen, die die Figuren erläutern, ein bisschen Erotik, ein bisschen Romantik. Daher könnte man es auch als dramatische Liebesgeschichte lesen – doch ist es wirklich verzehrende Liebe, die Lala antreibt? Oder ist es ein Gemisch aus Eitelkeit, Eifersucht und Verlustangst, die Lala missdeutet? Oder spielt die Jugendliche unbewusst eine melodramatische Telenovela nach? Bisweilen wird die Geschichte als Komödie bezeichnet; das mag an einigen pikaresken und grotesken Momenten liegen. Doch für meinen Geschmack ist die Rolle von gedankenloser Gewalt, Mord, Vergewaltigung und Zwangsprostitution dafür zu groß – mir scheint es vielmehr ein Horrortrip zu sein.

Der Plotfluss ist recht hoch – man ist geneigt zu sagen, der Film ist schnell geschnitten, denn die Mehrheit der Kapitel ist nur fünf bis zehn Seiten lang. Hierzu eine kleine Randbemerkung: Puenzo ist nicht nur Prosaautorin, sondern auch Regisseurin – Das Fischkind ist von ihr verfilmt und dieses Jahr (2009) veröffentlicht worden.

 

Erzähltechnisch ist der Text sehr ungewöhnlich. Weniger aufgrund des Handlungsaufbaus – die Autorin jongliert zwar meisterhaft mit progressiven und regressiven Momenten und es ist unklar, ob die Geschichte nun eher ein Kurzroman, eine Erzählung oder eine Novelle ist, aber sonst bleibt es eher unauffällig – als vielmehr aufgrund der Erzählperspektive. Die Geschichte wird vom Hund Serafín erzählt; es ist dabei mehr ein Bericht als eine Ich-Erzählung. Doch Serafín weiß viel mehr, als es seine Position erlaubt, es scheint, als könne er Gedanken lesen – damit wird es deutlich auktorial. Da die Geschichte aber in vielen Momenten an der Oberfläche bleibt – sie wird oft mit Filmen, vor allem Road Movies verglichen – wirkt sie auch wie aus objektiver Perspektive erzählt. Auch wenn es einige 'hündische' Momente gibt, halten sie sich sehr in Grenzen, und umgekehrt gibt es keine 'menschlichen' Momente, die den Hund verwirren oder verschlossen bleiben.

Sowohl was die Wortwahl als auch die Satzkonstruktionen angeht, neigt die Geschichte zum hardboiled-Stil: Die Sätze sind eher kurz und lakonisch und die Worte können durchaus ins Vulgäre reichen (von Charles Bukowskis Stil bleibt sie in dieser Hinsicht aber weit entfernt); beides macht sich besonders in den pointierten Dialogen bemerkbar.

 

Fazit:

Nachdem die Familie Brontë zerbrochen ist, macht sich Tochter Lala auf die Suche nach der verschwundenen Geliebten Guayi. Das Fischkind ist ein rasanter Horrortrip durch eine vielfältige Umwelt, in der Wunder und Gewalt nebeneinander bestehen. Die Aspekte der in mancherlei Belang ungewöhnlichen Geschichte sind präzise aufeinander abgestimmt – ein nicht nur für Freunde lateinamerikanischer Phantastik beeindruckendes Debüt.

 

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Roman:

Titel: Das Fischkind

Reihe: -

Original: El niňo pez (2004)

Autor: Lucía Puenzo

Übersetzer: Rike Bolte

Verlag: Klaus Wagenbach (Februar 2009)

Seiten: 157 - Gebunden

Titelbild: Julie August

ISBN-13: 978-3-8031-3220-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 06.10.2019 16:16 | Users Online
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