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Das Geheimnis der Fuchsfrau von Kij Johnson

Reihe: Heian (Love/War/Death) Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Eine kleine Vorbemerkung: Das Geheimnis der Fuchsfrau wurde 2005 unter dem Titel Die Fuchsfrau als gebundene Ausgabe veröffentlicht.

 

Kaya no Yoshifuji wurde bei der Ämtervergabe im Frühling übergangen. Statt am Kaiserhof zu bleiben und sich laut lamentierend auf die Vergabe im Herbst vorzubereiten, verlässt der Adlige die Hauptstadt und zieht auf seinen abgelegenen Landsitz. Seine Gemahlin Shikujo ist stets auf Schicklichkeit bedacht; daher bleibt sie nicht in der kultivierten Stadt um Sohn Tadamaro eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen, sondern begleitet ihren Mann in die Wildnis. Doch dieses selbst gewählte Exil löst keine Probleme, es verschärft sie: Die Spannungen zwischen der höflichen Shikujo und dem ehrlichen Yoshifuji nehmen zu, ohne dass sie ahnen woran es liegt. Auslöser für die Krise sind allerdings die Füchse. Wie besessen beobachtet Yoshifuji sie, während Shikujo sie panisch fürchtet. Da geschieht Eigenartiges: Eine neugierige Füchsin beginnt die Menschen, die vorher nur bellten, zu verstehen – und sie verliebt sich in den Hausherren. So wendet sie sich an ihren klugen Großvater, der einen Zauber weiß um ihr eine menschliche Gestalt zu verleihen, aber ihr auch davon abrät: Viel Leid wird daraus folgen. Doch die Füchsin muss ihn haben, sonst stirbt sie.

 

Das Geschehen findet im 'mittelalterlichen Japan' statt: Adlige Männer herrschen über Reisbauern und adlige Frauen werden massiv von der Umwelt abgeschirmt. Fächer und Kimono, Schwerter und Bögen. Man trinkt Sake und schreibt Gedichte. Ein sehr komplizierter Verhaltenskodex regelt den Alltag – was hinter den Papierwänden geschieht, wird ausgeblendet, egal was man hört: Was zählt ist das Gesicht, der Anschein, nicht die Tat. Doch Vorsicht! Die Autorin wählt als Schauplatz die Heian-Zeit – die unterscheidet sich deutlich von dem, was üblicherweise als 'mittelalterliches Japan' präsentiert wird. In der Heian-Zeit gibt es noch ein dominantes Kaisertum, das sich nur langsam vom chinesischen Vorbild löst. Das Shogunat und seinen aggressiven Schwertadel, die bis in den Tod loyalen Samurai, gibt es noch nicht – die Vorläufer der Samurai sind die Leibwache des Kaisers und die spielen in dieser Geschichte überhaupt keine Rolle. Die Entwicklung der Samurai beginnt mit den zunehmenden Kriegen zwischen den Klanen am Ende der Heian-Zeit; da der Folgeband Fudoki in der Trilogie als War (also: Krieg) gekennzeichnet ist, darf man dort die Proto-Samurai erwarten.

Auch wenn Johnson ihrem Setting viel Aufmerksamkeit schenkt und genau recherchiert hat, bleibt es ein Ambiente, denn sie verwendet sehr viel Zeit auf die Schilderung der Physis und die zentralen Figuren sind unangepasste Exzentriker.

Bei den phantastischen Elementen finden sich ebenfalls klare Abweichungen. Die Füchse der japanischen Mythen sind Hengeyōkai, Gestaltwandler und Geisterwesen, die den Kami, den 'Göttern', näher sind als den Menschen. Die Füchse Johnsons sind dagegen körperliche Wesen, die über eine ungewöhnliche Intelligenz und etwas Magie verfügen – eben besonders kluge Füchse, die zwischen dem Tier und dem Menschen stehen. Die Magie der Füchse erinnert sehr an das Glamour der keltischen Feen; auch die Entführung in die Anderswelt mit dem ungleichen Zeitverlauf greift Johnson in ihrer Geschichte auf.

Die Götter werden auch eigenwillig dargestellt; in westlichen Religionen tritt der Mensch als Bittender an einen übermächtigen Herrn – die Bitte kann gewährt oder verweigert werden. Im Chinesischen/Japanischen tritt der Mensch als Antragssteller an einen übermächtigen Beamten – der Antrag wird genau geprüft und dann wird entsprechend verfahren. Johnson dagegen hat ein magisches Verständnis von Göttern – wer einen Ritus erfüllt, dem müssen die Götter helfen. Das ist dem japanischen Verständnis zwar ähnlich, doch im Wesen different: Wer sich dem mächtigen Beamten auf unangemessene Art nähert, dessen Antrag wird gar nicht erst angenommen, während für Johnsons Dienstleister-Götter der Kunde König ist. Außerdem ist in Johnsons Setting die Selbstbestimmung zentral, die es im Japanischen so nicht gibt – dort beherrscht das Schicksal den Lebensweg.

 

Drei Figuren sind maßgeblich: Der adlige Herr Yoshifuji, ein unkonventioneller Mann in der Midlifecrisis, der voller Leidenschaft steckt, seine Frau Shikujo, die viel Wert auf Schicklichkeit legt, und die Fuchsfrau, ein gieriges Wesen, das mit jeder Faser seines Leibes die eigenen Wünsche umsetzten will; vollkommen kompromisslos liebt sie Yoshifuji. Man könnte dieses Dreiergespann als Inkarnation der drei Seelenteile sehen: Die Fuchsfrau ist das Es – sie WILL jetzt, sofort, ohne Rücksicht. Shikujo ist das Über-Ich: Gehört es sich, darf man das, was sagen die anderen? Und Yoshifuji ist das Ich in der Krise: Soll ich mich nur um meine Leidenschaften kümmern – oder soll ich Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber übernehmen? Die Drei sind durchaus rund und vielschichtig; vor allem Shikujo kämpft mit den sozialen Erwartungen und psychischen Bedürfnissen. Allerdings sind sie alle in gewisser Hinsicht moderne Exzentriker: So haben sie ein modern-magisches Verständnis der Religion, denn Tabus scheinen bloße Tradition zu sein und die Götter werden eher als Dienstleister verstanden. Die kleinen Kami werden gar nicht beachtet. Auch darüber hinaus wirken sie mitunter zu modern.

Bei den Nebenfiguren sind einige zu nennen, die allerdings im Kern klischeehaft sind: Zur Familie der Fuchsfrau gehört noch der kluge Großvater, der sich in Rätsel hüllt, der naive Bruder, der zögerlich und passiv ist, und die halbwahnsinnige Mutter, die eigenartig weise ist. Zum Haushalt der Kayas gehören der oberste Diener Hito und Onaga, die oberste der Frauen Shikujos; beide stören sich am immer eigenwilliger werdenden Verhalten ihrer Herren, da sie traditionell sind, bleiben aber diesbezüglich untätig, da sie loyal sind. Der lebendige Tadamaro ist der anerkannte Sohn Yoshifujis; ähnlich wie den Großvater der Füchse umgibt ihn ein Geheimnis.

Da das Kernthema des Romans die Selbstfindung ist, wird das Dreiergespann gehörig weiterentwickelt; die Entwicklung verläuft allerdings etwas sprunghaft.

 

Der Stoff der Geschichte dürfte den meisten Lesern mit Interesse an ostasiatischen Mythen bekannt sein: Der junge, unglückliche Adlige trifft auf eine wunderschöne junge Frau; sie verlieben sich, heiraten und leben eine Zeit zusammen, doch sie wird aufgrund eines Unglücks als Füchsin enttarnt und die beiden werden getrennt; dann trauert der junge Adlige seiner Schönen nach.

Diesen Stoff greift Johnson auf und modelliert ihn um, erweitert ihn um Psychologie und japanische Folklore. Vordergründig wird der Plot damit zu einer Mischung aus Liebesdrama – Shikujo und die Fuchsfrau ringen um die Liebe Yoshifujis – mit einer Priese Erotik – Yoshifuji dringt in allerlei Körperöffnungen diverser 'Mitmenschen' ein – hinzu kommt ein bisschen Wundergeschichte – die Zauber der Füchse und das Leben in der Feenwelt – und Sittengemälde der Heian-Zeit – das Leben auf dem Lande und in der Hauptstadt mit den vielen Ritualen und Tabus. Diese Mixtur ist jedoch nur das Vehikel für eine hintergründige Entwicklungsgeschichte mit dem Kernthema der Selbstfindung.

Die Spannungsquellen sind entsprechend verteilt; die vordergründigen sind leicht zugänglich, doch die Wirkung verfliegt schnell, während die hintergründige deutlich mühsamer erschlossen werden muss, dafür aber auch länger interessant bleibt.

Eine Ausnahme sind die Sitten: Da die Figuren im Kern modern sind, bleiben die Schilderungen an der Oberfläche; das Verhältnis zur Religion ist exemplarisch. Damit ist es kein spannendes Sittengemälde, das dem Leser eine fremde Kultur vorstellt, sondern ein exotisches Kostüm, in das eine moderne Haltung gekleidet wird.

Das wird zu einem echten Manko. Auf Seite 198 findet sich folgender Satz: "Doch was auch immer geschehen mag, etwas ist in Gang gekommen." Der Satz ist sehr treffend, denn der Plot bewegt sich am Anfang gar nicht und im Mittelteil nur quälend langsam – zu lange verliert sich die Autorin in belanglosen Beschreibungen japanischer Folklore. Erst im letzten Drittel wird ein erträgliches – wenn auch nur gemächliches – Tempo angeschlagen.

Dass sich etliche Längen finden, ist kaum ein Wunder: Die japanisch-chinesische Sage über die verführerische Fuchsfrau wird üblicherweise auf 2 bis 3 Seiten erzählt – Johnson braucht für etwa denselben Plot 475 Seiten.

 

Erzähltechnisch ist der Roman eher unauffällig, wenn auch meistenteils angenehm zu lesen. Der Handlungsaufbau ist dramatisch mit einigen Sprüngen – besonders das Leben in der Feenwelt wird episodisch. Zwar gibt es einige Rückblenden, vor allem was Shikujos Vergangenheit angeht, doch generell ist der Roman progressiv. Es gibt drei Stränge, die jeweils als Bericht der drei zentralen Figuren wiedergegeben werden: Die Fuchsfrau führt ein Tagebuch, Shikujo ein Kopfkissenbuch und Yoshifuji ein Notizbuch. Bedauerlicherweise kann die Form nicht immer gewahrt werden: Die Wortwahl ist bisweilen etwas zu modern-salopp (und es scheint mir unwahrscheinlich, dass in einem Kopfkissenbuch der Heian-Zeit Klammern verwendet werden). Die Sätze sind unauffällig und gradlinig. Gelungen sind einige Sprachbilder und die Verwendung einiger Motive: Das Spinnen-Motiv durchzieht die drei Stränge – mit gewandelter Bedeutung.

 

 

Fazit:

Die höfliche Shikujo kämpft mit der leidenschaftlichen Fuchsfrau um die Liebe des unglücklichen Adligen Yoshifuji. Was vordergründig wie eine Mischung aus erotischem Liebesdrama mit Sittengemälde der Heian-Zeit und japanischen Mythen aussieht, ist in Wirklichkeit eine Entwicklungsgeschichte, die um die Selbstfindung kreist; tatsächlich ist es weder ein Sittengemälde noch eine Nacherzählung japanischer Mythen, sondern ein Fantasy-Roman mit asiatischem Geschmack. Generell eine ganz hübsche Geschichte, doch leider lange Zeit zu zähflüssig.

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Eure Meinung:

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Laura
Montag, 18. Januar 2010 13:17 Uhr
Eine sehr gute Rezension, vielen Dank! Ich habe das Buch von Anfang an als Fantasy-Buch vor Asien-Kulisse gelesen (etwa wie die Otori-Bücher). Mir hat allerdings genau das langsame Tempo so gut gefallen, die Beschreibungen, die Gedanken und Gefühle der Leute, mit denen ich mitleben und mitfühlen konnte. Die Fuchsfrau (ich habe das alte Hardcover) hat bei mir im Buchregal ihren festen Platz bei meinen Lieblingsbüchern. Ich kann es jedem empfehlen, der nicht unbedingt Wert auf eine spannende und schnelle Handlung legt, sondern sich gerne ein bisschen in einer farbigen und einfühlsamen Erzählung treiben und mitnehmen lässt.

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Das Geheimnis der Fuchsfrau

Reihe: Heian (Love/War/Death) Bd. 1

Autor: Kij Johnson

Piper (August 2007)

Broschiert: 478 Seiten

ISBN-10: 3492266355

ISBN-13: 978-3492266352

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.09.2007, zuletzt aktualisiert: 28.07.2019 11:08