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Das Gespenst von Canterville

Gruselkabinett 50

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Hiram Otis, ein US-amerikanischer Diplomat in England, sucht für seine Familie eine richtig englische Residenz – wie schön, dass der Lord Canterville sein nahe London gelegenes Jagdschloss zum Verkauf anbietet. Doch der Lord wart Hiram und seine Frau Lucretia, dass das Schloss zwar wirklich sehr schön ist, aber auch einen finsteren Makel hat: Es spukt dort. Indes glauben die modernen Amerikaner nicht an Geister und erwerben das Schloss. Bei der Anfahrt gibt es einige Ohs und Ahs – es ist tatsächlich beeindruckend. Und in der Bibliothek finden sich zahllose Schätze – der bildungshungrige Sohn Washington ist entzückt. Doch was ist das für ein hässlicher Fleck – ist dort etwas ausgelaufen? Ja, vor dreihundert Jahren die Lady Canterville – seither verunziert ihr Blut den Ort ihres Todes, erfahren die neuen Besitzer vom Personal. Kein Problem für "Pinkertons Universal-Putzteufel" – Washington entfernt den Fleck im Nu. Das erzürnt das Gespenst Sir Simon mächtig. Es gibt sich alle Mühe, die respektlosen Fremden zu vertreiben. Die haben allerdings stets Spott und patente Mittelchen parat, um den Spuk zu beenden. Besonders schlimm sind die Zwillinge Timmy und Jimmy, die dem Geist etliche Streiche spielen – nur die unglücklich verliebte Tochter Virginia hat etwas Mitleid mit dem armen Gespenst.

 

Geschichten um Besessenheit – seien es nun von Dämonen besessene Individuen à la Der Exorzist oder von Geistern 'besessene' Häuser à la Das verfluchte Haus – kombinieren in der Regel Elemente der Rätselgeschichte – wie ist der übernatürliche Gegner zu beisiegen bzw. zu erlösen – mit solchen des Rivalitätsplots – wer hat den stärkeren Willen. Das Gespenst von Canterville macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme, auch wenn der Fokus viel mehr auf der Rivalität liegt: Wird es Sir Simon gelingen, die Otis-Familie zu vertreiben? Was wird obsiegen – verfluchte Blutflecken oder Pinkertons Putzteufel?

Wie nicht anders bei Oscar Wilde, dem Autor der Vorlage, zu erwarten, neigt die Geschichte erheblich mehr ins Komische als ins Gruselige. Dies wird vor allem durch die Umkehr der Sympathien erreicht. Die Familie Otis besteht weitgehend aus groben Pragmatikern, Materialisten, die nichts auf alte Werte geben: Der Kampf gegen den Geist wird eben nicht mit Exorzismen oder dergleichen, sondern mit Chemikalien geführt. Gegenüber den Attacken des Gespensts ist man gefühllos, erschrecken lässt man sich nicht, dafür verspottet man die armseligen Romantiker. Damit wird die Otis-Familie zum Ausdruck des neuen (kapitalistisch-materialistischen) Wertesystems. Wie die neue Zeit die alte ablöste, so droht auch Sir Simon zu unterliegen. Er wird zum Underdog, der mit viel Fantasie um neue Schlachtpläne ringt – dabei aber hoffnungslos altbacken bleiben muss. Der Humor entsteht also vor allem aus den hoffnungslosen Unternehmungen des Geistes, den respektlosen Reaktionen der Otis-Familie sowie den daraus resultierenden Slapstick-Momenten. Horror entsteht kaum, und wenn, dann bei der Realisierung des Verlustes, den die alte Welt mit der Aufnahme der neuen erlitt.

Das Skript adaptiert die Vorlage Wildes sehr gut, nur gelegentlich hätte die eine oder andere Szene durch etwas Straffung schwungvoller gestaltet werden können.

 

Die Sprecherliste ist eher durchschnittlich lang – es sind sechzehn Sprecher, wobei manche nur sehr kurze Auftritte haben – Petra Barthel darf als Madame du Tremoullac nur einmal schreien. Da die Anzahl der relevanten Figuren relativ groß ist, ist die Sprechzeit der einzelnen Sprecher entsprechend gering. Hasso Zorn ist wie in den letzten Gruselkabinett-Hörspielen als Erzähler dabei; er macht seine Sache erwartungsgemäß gut. Friedrich Georg Beckhaus verleiht dem Geist seine Stimme; ihn mag man aus verschiedenen Reihen kennen – von John Sinclair und der leider abgebrochenen Edgar Allan Poe-Reihe von Lübbe bis hin zu Benjamin Blümchen ist alles zu finden. Auch Boris Tessmann, den Sprecher des Familienvaters der Otis', kann man aus den Sinclair-Hörspielen, aber auch aus Faith van Helsing oder TKKG kennen. Sohn Washington sprach Jan Panczak ein. Er ist als Hörspielsprecher noch relativ neu und vor allem aus Maritim-Hörspielen wie Sherlock Holmes oder Raumstation Alpha-Base bekannt; neuerdings tritt er öfters in Produktionen der Titania Medien auf. Die beiden Frauen der Familie dürften eher vom Film als aus dem Medium Hörspiel bekannt sein. Gudrun Landgrebe ist auf deutschen Mattscheiben seit Jahren sehr präsent, das begann nicht erst mit Die flambierte Frau und endete nicht mit Jud Süß – Film ohne Gewissen. Auch wenn sie schon als Sprecherin bei Lesungen tätig war, scheint mir Das Gespenst von Canterville ihr Hörspieldebüt zu sein. Dieses Mal ist ihr Auftritt noch etwas unbeeindruckend, was allerdings an der Rolle liegen wird: Lucretia Otis ist eben eine distinguierte Dame, die zwischen den spöttischen und aggressiven Männern und der mitfühlenden Virginia angesiedelt ist; entsprechend ist die Rolle wenig exponiert. Die Tochter wird dann von der von mit oft gelobten Annina Braunmiller, der deutschen Stimme von Bella Swan, gesprochen. Sie trat in letzter Zeit – Berge des Wahnsinns und Verhext – wiederholt im Gruselkabinett auf. Als Letztes sei noch auf die Zwillinge Timmy und Jimmy verwiesen. An ihren Sprechern spalten sich die Meinungen – sie wurden oft als nervig kritisiert. Ich dagegen halte sie für völlig passend; sicher, gelegentlich sind die Stimmen etwas ungelenk moduliert, aber man kann von so Kindersprechern kaum die gleiche Professionalität wie von jugendlichen oder gar erwachsenen Sprechern erwarten. In dieser Hinsicht hatten die beiden Sprecher Mathis Färber (Timmy) und Alexander Mager (Jimmy) gemeinsam mit der Landgrebe einen guten Einstand.

Alles in alles also eine sehr solide Performanz der Sprecherriege.

 

Die Inszenierung ist wie gehabt eher konservativ. Es gibt einen Sprecher, der allerdings recht zurückhaltend agiert. Die Tonsichten sind entsprechend nur gemäßigt tief gestaffelt – in Spitzenzeiten (die es allerdings recht häufig gibt) sind es drei: Geräusche, Musiken und Sprecher; Erzähler und Sprecherdialog überlagern einander nie. Die Geräusche konstituieren eine Szene nie, sie wirken nur unterstützend. Sie tragen jedoch erheblich zur atmosphärischen Gestaltung der Szenen bei. Die Musiken sind – im Rahmen des Orchestralen – recht vielfältig: Es reicht von drohenden Bässen über ein mysteriöses Spinett hin zu triumphalischen Trompeten. Besonders die musikalische Unterstützung ist als sehr gelungen zu bezeichnen.

 

Fazit:

Seit Jahrhunderten spukt der Geist des Sir Simon im Jagdschloss der Cantervilles und bereitet den Gästen unheimliche Schrecken – doch wird es ihm auch gelingen, die respektlose, materialistische Yankee-Familie Otis zu vertreiben? Das Gespenst von Canterville ist eine schöne Jubiläumsfolge: Eine schöne tragisch-komische Vorlage, ein gutes Skript, gut aufgelegte Sprecher und eine gute unterstützende Inszenierung – so kann es gerne weitergehen.

 

 

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Hörspiel:

Das Gespenst von Canterville

Reihe: Gruselkabinett 50

Vorlage: Oscar Wilde

Buch: Marc Gruppe

Produzent: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: März 2011

Umfang: 1 CD, ca. 73 min

ASIN: 3785744706

Erhältlich bei: Amazon

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.04.2011, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03