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Das Gespenst von Podolin von Gyula Krúdy

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

In Podolin, einer verschlafenen Kleinstadt in Ungarn, da lebt der reiche Herr Kázmér Riminszky. Sein Geschlecht stammt aus Polen, wo die Riminszkys einst Woiwoden waren und diesen Umstand gedenken die edlen Herren stets – man wartete nach hunderten von Jahren immer noch darauf, dass der Stand der Familie in Polen wiederhergestellt werden kann. Dann würde man in Glanz und Gloria zurückkehren. Zu diesem Kázmér Riminszky, der den Podolinern als freudloser Junggeselle bekannt ist, kam nun das arme Slowakenmädchen Antschurka. Sie ist gerade zur Vollwaise geworden und weiß nicht wohin sie nun gehen soll. Da erinnert sie sich an ihre Tante Marczinka, die schon für den alten Riminszky gekocht hatte, und bittet um Hilfe. So wird das Mädchen im Hause Riminszky versorgt, doch bald nimmt er sie mit zur Burg Nizsder, dessen alter Herr ein rechter Menschenfeind war, von dem es heißt, dass er selbst mit dem Teufel getrunken habe. Der neue Herr scheint zwar gerecht, ist aber auch sehr harsch – und nicht minder geheimnisvoll.

 

Podolin liegt im ungarischen Oberland am Fuße der Karpaten. Antschurka kommt Ende des 19. Jh. in die Stadt, wann genau ist unklar, aber auch nicht wichtig, denn in Podolin sind im Mittelalter die Uhren stehen geblieben – König Sigismund musste im 15. Jh. die Stadt an Polen verpfänden und als sie nach mehr als dreihundert Jahren an Ungarn unter Maria Theresia zurückfiel, da war es, als rieben sich die Podoliner die Augen und wunderten sich, dass König Sigismund nicht mehr herrschte. Und auch wenn Podolin seither aus seinem langen Schlaf erwacht, so ist es noch reichlich verschlafen. Außerdem gibt es eine lange Rückblende (die ein gutes Viertel des Buchs einnimmt), die einige Jahrzehnte zuvor in Heidelberg spielt. In Heidelberg ist die Modernisierung deutlich spürbarer, auch wenn die Wandlungen eher oberflächlich sind: Mittlerweile studiert der Nachwuchs des ungarischen Adels in der Stadt und die Studenten singen neue Lieder – doch sind auch die Texte neu, die Themen sind die alten.

Phantastische Elemente im engeren Sinn gibt es keine – Aberglaube entpuppt sich zumeist als genau dieses. Dafür gibt es einige randständige Phänomene wie etwa einen Hund, der für seinen blinden Herrn den Schankwirt bezahlt. Auch in der Frage ob es am Ende wirklich ein Gespenst gibt (das nur am Ende eine Rolle spielt), lässt der Autor dem Leser etwas Spielraum.

Wenig überraschend ist die Art und Weise, in der das Setting vorgestellt wird, eher unmodern: Der Autor nimmt sich am Anfang einige Seiten um Schauplatz und Stimmung zu etablieren, danach werden nur noch wichtige Details nachgereicht. Das hat den Vorteil, dass sehr schnell ein umfassendes Bild gemalt wird, aber den Nachteil, dass dieses leicht verblassen kann, wenn sich die Lektüre über einen längeren Zeitraum hinstreckt, und die Geschichte sich gerade am Anfang ein wenig hinzieht. Meiner Ansicht nach ist der gemütliche Start für diese Geschichte allerdings absolut angemessen. Das Setting ist insgesamt mehr Ambiente als Milieu.

 

Es gibt fünf zentrale Figuren und dazu noch einige Nebenfiguren. Sie sind allesamt exzentrisch und neigen in der Mehrheit zur Typenhaftigkeit. Wenn sie jedoch längere Zeit im Fokus stehen, enthüllen sie nach und nach neue Facetten.

Dies gilt besonders für Kázmér Riminszky. Trotz der langen Geschichte der Familie in Podolin fühlt er sich fremd in der Stadt. Zu dieser Entfremdung trägt sicherlich auch die rätselhafte Art bei, auf die sein Vater, der so verarmt war, dass man annahm, er müsse sich um ein Heiducken-Amt bewerben, zu Reichtum gelangt war: Woher der Grundstock kam ist nämlich unbekannt. Doch irgendwann kaufte er Schafsherden und investierte den Gewinn in weitere Schafsherden, bis er zum reichsten Bürger der Stadt wurde. Kázmér macht es seit vielen Jahren nicht anders. Verschwendung und Vergnügen sind dem Junggesellen fremd und es steht nicht zu vermuten, dass sich dieses noch mal ändern würde; zurückgezogen und verbittert lebt er seit seines Vaters Tod mit zwei Bediensteten – dem in Schlössern vernarrten Zwerg Mik und der Köchin Marczinka – in seinem vernachlässigten Anwesen. Da kommt Antschurka und sein Verhalten beginnt sich zu ändern. Antschurka heißt eigentlich Anna Prihoda. Die vierzehnjährige Vollwaise – ihre Mutter ist gerade verstorben und ihr Vater vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert und seither entgegen anders lautenden Prophezeiungen nicht mit den Taschen voller Geld zurückgekehrt – weiß nicht wohin und geht so zur Tante. Antschurka ist eine Antiheldin im engeren Sinne. Die hübsche Slowakin zeichnet sich vor allem durch negative Charaktereigenschaften aus: Sie ist naiv, ängstlich und völlig passiv. Wenn sie nicht durch äußere Umstände zum Handeln gezwungen wird, findet sie sich mit der Situation ab. Nichtsdestoweniger ist sie ob ihrer Heiterkeit eine liebenswerte Figur. Über die anderen drei wichtigen Figuren soll hier nicht mehr gesagt werden, da es zur Spannung gehört, dass sich der Leser im Dickicht dieses Text-Labyrinths zurecht- und selbst herausfindet, welche Figur wichtig ist.

 

Vom Plot her handelt es sich um eine Liebesgeschichte bzw. zwei Liebesgeschichten, die eine Reihe von Dreiecksbeziehungen ermöglichen. Interessanterweise gehört die Romantik nicht zu den zentralen Spannungsquellen. Hier sind die Rätsel viel wichtiger: Wer ist der seltsame Herr von Nizsder? In welcher Beziehung steht der Riminszky zu ihm? Hinzu kommen tragische, humorvolle und gruselige Momente, ja sogar solche einer Abenteuergeschichte, die in der Frage münden, wie es mit Antschurka weitergeht. Die bedeutendste Spannungsquelle besteht aber in der Diskrepanz zwischen Form und Inhalt der Geschichte, doch dazu später mehr.

Der Plotfluss ist sehr gemächlich: Immer wieder wird auf Einzelheiten eingegangen, werden Kleinigkeiten hergeleitet. Arrangiert ist dieser Fluss auf verschlungene Weise: Selten erkennt der Leser auf den ersten Blick, was wichtig ist und was nebensächlich.

 

Der Witz des Romans liegt, wie erwähnt, vor allem in der Erzähltechnik. Zunächst scheint alles recht normal zu sein: Aus auktorialer Perspektive werden auf sehr verschnörkelte, viele Vorausdeutungen beinhaltende Weise zwei Handlungsstränge mit vielen regressiven Momenten entwickelt, die sich schließlich vereinen. Auch der Erzählduktus ist nicht per se ungewöhnlich: Es wird der Stil von Märchen nachgeahmt. Mehr noch, in mancherlei Hinsicht liest sich der Roman wie ein Kunstmärchen: Zum Stil kommen noch die zum Setting gehörige Stimmung, gewisse Momente des Plots und die Anlage der Figuren. Doch der Roman ist eben kein richtiges Kunstmärchen, da viele märchentypische Details fehlen: Es fehlen eindeutige phantastische Elemente, der Plot folgt nicht immer der Märchenlogik und die Figuren sind psychologisch motiviert, ja Antschurka wirkt wie eine sanfte Parodie auf die Märchenprinzessin: Die feine Schönheit, die Prophezeiung und doch ist sie nur ein naives Slowakenmädchen.

Damit ist der Roman sehr ungewöhnlich, man könnte sagen, er sei das Gegenstück zu magischen Realismus – ein realistisches Märchen. Aus dieser eigenwilligen Kombination erwächst nicht nur eine gewisse Komik, sondern auch eine schwer zu fassende Faszination.

 

Fazit:

Das Slowakenmädchen Antschurka wird im Haushalt des Herrn Kázmér Riminszky aufgenommen, doch schon bald bringt er sie in die Burg Nizsder, zu dessen rätselhaften Herrn er eine geheimnisvolle Beziehung unterhält. Mit Das Gespenst von Podolin hat Gyula Krúdy einen sehr ungewöhnlichen Roman geschaffen: Die Liebestragödie verbindet nicht nur schaurige und heitere Momente, sondern auch märchenhafte Form mit realistischem Inhalt. Auch nach über hundert Jahren kann diese Geschichte ihren ungewöhnlichen Reiz zur Gänze entfalten.

 

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Roman:

Titel: Das Gespenst von Podolin

Reihe: -

Original: A podolini kísértet (1906)

Autor: Gyula Krúdy

Übersetzer: György Buda

Verlag: Kortina (Oktober 2008)

Seiten: 262 - Gebunden

Titelbild: Unbekannt

ISBN-13: 978-3-9502315-6-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.04.2009, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16