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Das gestohlene Kind von Keith Donohue

Rezension von Nadine Dilger

 

Bei Das gestohlene Kind handelt es sich um den ersten eigenen Roman des Schriftstellers Keith Donohue. In seinem Erstlingswerk vereint er Fantasy mit Dramatik und schlägt damit eine relativ neue und unerforschte Richtung im Genre Fantasy ein.

 

Der siebenjährige Henry Day rennt von Zuhause weg, wird spät abends im nahen Wald wieder gefunden und zu seinen Eltern gebracht. Seine Eltern sind überhaus erleichtert, nur ahnt vorerst niemand, dass es sich bei dem kleinen Jungen nicht um Henry Day handelt. Der richtige Henry Day wurde nämlich von einer Koboldbande, die im Wald lebt, entführt und gegen einen Kobold, der Henrys Identität annimmt, ausgetauscht. Durch eine grauenvolle Zeremonie wird der kleine Henry ebenfalls zu einen der Kobolde gemacht, die alle paar Jahre ein Kind stehlen und einen Kobold das Leben des Kindes weiterleben lassen. Gleich schon wird Henry ein neuer Name verpasst: Aniday, damit er seine Vergangenheit schnell vergisst. Das geschieht auch, indem Aniday immer mehr zu einem Kobold wird und seine Vergangenheit dadurch immer mehr vergisst. Wie die restlichen Kobolde wächst er nicht mehr, entwickelt dagegen übermenschliche Kräfte, die ihn besser Hören, besser Sehen und schneller Rennen lassen als Menschen. Doch auch wenn er sich immer besser in die Koboldgruppe hinein lebt und in dem Mädchen Speck eine gute Freundin sieht, ist er dennoch nicht bereit, die Erinnerungsfetzen seiner Herkunft aufzugeben und seine Vergangenheit vollkommen zu vergessen.

 

Zur selben Zeit führt der Kobold das Leben des Henry Day weiter. Die Mutter von Henry Day ist überglücklich, dass sie ihren Sohn nun wieder hat und ist erstaunt, als sie Henrys Talent fürs Singen und fürs Klavierspielen bemerkt, obwohl er früher doch so unmusikalisch war. Nur sein Vater ist misstrauisch, irgendwie unglücklich und zieht sich immer mehr von seinen Sohn zurück. Ahnt er etwa, dass mit Henry etwas nicht stimmt?

Auch Henry versucht seiner Vergangenheit nachzugehen, denn auch er war vor ca. einem Jahrhundert einmal ein ganz normaler Junge gewesen, der, wie nun Henry Day, von Kobolden entführt und ausgetauscht wurde. Eigentlich gibt es nichts, was er an seinem Leben aussetzen könnte, doch die Ungewissheit Herkunft und das Geheimhalten seiner wahren Identität bedrücken ihn nach und nach immer mehr…

 

In Das gestohlene Kind wird von zwei Jungen erzählt, die prinzipiell dasselbe Schicksal teilen und in doch ganz verschiedenen Rollen zueinander stehen. Der Kobold, der Henry Days Leben stielt, ist damals selbst Opfer der Kobolde gewesen. Während der richtige Henry Day mit den anderen Kobolden im Wald weiterleben muss und nicht mehr zu seiner Familie zurück darf, nimmt der Kobold Henrys Identität und Äußeres an und lebt Henry Days Leben weiter. Obwohl sich beide einigermaßen gut in ihrem neuen Leben zurechtfinden und vor allem der falsche Henry Day zufrieden sein müsste, können beide nicht wirklich glücklich mit ihrer Situation werden. Beide haben ihr früheres Leben vergessen und wollen es wenigstens in Erinnerung wiederhaben. Der falsche Henry Day will mehr über sein früheres Leben erfahren, als er selbst noch ein Kind war und in seiner richtigen Familie gelebt hat und der richtige Henry Day/Aniday, hat seine Vergangenheit schon sehr bald vergessen und möchte sich um jeden Preis wieder daran erinnern. Insbesondere der neue Henry Day hat in seinem neuen Leben viele Probleme. Ihn plagt nach einiger Zeit sein Gewissen immer mehr und mehr, möchte sein Geheimnis seiner Familie zwar erzählen, weiß aber nicht wie und hat Angst vor deren Reaktion. Ein schlechtes Gewissen hat er auch wegen Aniday, weil er merkt, wie ungerecht es ist, jemand anderem das Leben zu stehlen.

 

Hier werden beide Seiten gegenübergestellt, verglichen und auseinander gehalten. Man sieht, wie, die beiden versuchen, in ihrem neuen Leben klar zu kommen, wie sie ihrer Vergangenheit hinterher jagen und wie sie versuchen, glücklich zu werden. Man kann zusehen, wie der falsche Henry Day erwachsen wird und mit den Problemen des Heranwachsens fertig werden muss. Der richtige Henry Day dagegen wird nicht mehr älter und bleibt körperlich ewig der kleine Junge, der er war, als er gestohlen wurde. Alles was ihn in seinem neuen Leben wirklich am Herzen liegt ist das Koboldmädchen Speck, mit der er sich anfreundet und mit der er gerne zusammen geklaute Bücher aus der Bibliothek liest.

Desto näher der falsche Henry Day seinem Ziel, sich ein schönes Leben aufzubauen, kommt, desto unglücklicher wird er mit seiner Situation und desto mehr Gewissensbisse plagen ihn.

 

Das Buch ist in Ich-Form geschrieben. Das passt zu Das gestohlene Kind auch wirklich am besten, da das Buch sehr auf die Gefühle der Leser baut und man auch mal zwischen den Zeilen lesen können muss, damit man den Sinn der Geschichte auch richtig versteht. Durch die Ich-Form gelingt das perfekt, denn dadurch kann man sich gut in die Protagonisten hineinversetzen und mit ihnen mitfühlen. Der Schreibstil des Buches ist sehr lebendig, wenn auch etwas bedrückend, und ist daher sehr flüssig und schnell zu lesen.

Die zwei Geschichten der zwei Hauptpersonen werden getrennt erzählt. Immer abwechselnd springt das Buch von der einen Geschichte zur anderen und wieder zurück. Auch wenn sich der Weg der beiden mal kreuzt, gehen die Geschichten wie gewohnt weiter, als würde die andere nicht existieren. In dem Fall wird eine Situation zweimal beschrieben, damit man das Erlebnis auf beiden Seiten miterleben und die Gefühle beider Charaktere nachvollziehen kann.

 

Das gestohlene Kind ist nicht wie jeder x-beliebige Fantasyroman. In Das gestohlene Kind geht es nicht darum, mit den Protagonisten sämtliche Abenteuer zu bestehen, sondern hier geht es mehr um Dramatik und Emotionen, die während des Lesens aufkommen. Die Existenz der Kobolde spielt oberflächlich zwar eine große Rolle, letztendlich erzählt die Geschichte dem Leser aber etwas ganz anderes, wenn man sich auf das Buch einlässt. Das gestohlene Kind erzählt die Geschichte zweier Protagonisten, die auf der Suche nach sich Selbst sind, mit Problemen fertig werden müssen und ihr Glück in ihrem neuen Leben finden wollen, in das sie beide nicht gehören.

 

 

Fazit

Das gestohlene Kind ist mehr ein Fantasy-Drama. Die Fantasyelemente in dem Buch sind hier nicht das wichtigste, hier geht es mehr um die Gefühle und die Probleme der Protagonisten, die sich in ihrem neuen Leben zurechtfinden müssen und ihre Vergangenheit erforschen wollen.

 

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Das gestohlene Kind

Autor: Keith Donohue

Gebundene Ausgabe: 414 Seiten

Verlag: C. Bertelsmann (August 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 357000936X

ISBN-13: 978-3570009369

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 19.08.2007, zuletzt aktualisiert: 06.12.2019 15:13