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Das Gläserne Tor von Sabine Wassermann

Rezension von Christel Scheja

 

Eine Frau aus unserer Zeit durch Umstände, die sie nicht steuern kann, in eine vergangene Epoche oder gar auf eine andere Welt geraten zu lassen gehört schon seit vielen Jahren zu den beliebtesten Motiven des Grenzbereichs zwischen Fantasy und normaler Belletristik. Vor allem Autorinnen haben sich dieses Kunstgriffes bedient, um die archaische Welt aus der Augen eines modernen Menschen beschreiben zu können.

Anders als Männer, die in die gleiche Situation geraten, finden die Heldinnen nicht im Abenteuer, sondern in der Liebe ihre Erfüllung. Sehr oft entwickeln sie in der anderen Welt besondere Gaben und nützliche Fähigkeiten, zu entschlossenen und unabhängigen Kriegerinnen werden sie dabei allerdings nur selten.

Das ist auch in „Das gläserne Tor“ so, auch wenn Sabine Wassermann sich nicht nur auf die Liebesbeziehung zwischen ihren Protagonisten konzentriert, sondern sich auch viel Zeit für die Beschreibung der Kultur und der Nebenfiguren nimmt und darüber auch nicht die Intrige vergisst, die die Handlung zusammen hält.

 

Im Jahre 1895 verfolgt die junge Grazia aus gutbürgerlichem preußischem Haus, wie ihr Verlobter Friedrich in Berlin selbst einen erstaunlichen Fund macht - ein Grab mit archaischen Schmuckstücken, die man keiner Kultur zuordnen kann.

Als sie ihn besucht, weil er sie mit den Ketten und Ohrgehängen schmücken und fotografieren lassen will, um seinem Vorbild Schliemann nachzueifern, begegnet sie an den Ufern der Havel einem einen archaisch wirkenden Mann, der von nun an nicht mehr aus ihren Gedanken verschwinden will. Und nicht nur das: Etwas hat sich in ihr verändert, denn seitdem vermag sie aus den Händen Wasser fließen zu lassen.

Deshalb kehrt sie noch einmal verwirrt an die Havel zurück und wird unerwartet in die Fluten des Flusses gerissen. Als sie wieder erwacht, findet sie sich inmitten einer Wüste wieder. Sie lernt dort den Krieger Anschar kennen, der ein Gefangener der Nomaden ist und hingerichtet werden soll. Weil er sie in seiner Art ein wenig an den Fremden erinnert und sie sich von ihm Antworten erhofft, hilft sie ihm.

Die beiden fliehen in seine Heimat - die Hochebene Argad, die nur über die „Schwebende Stadt“ betreten werden kann. Noch während sie den Mann, der sich Anschar nennt, besser kennen und seine Sprache erlernt, muss sie feststellen, dass sie mitten in einer gefährlichen Intrige steckt.

Denn auch wenn die Absichten des Kriegers ehrenhaft sind, sein König Madyur-Meya und dessen Bruder Mallayur haben ganz andere Interessen an ihr. Denn sie sehen in ihr eine Auserwählte der Götter, eine Nihaye, deren Kräfte höchst eigensüchtigen Zielen dienen sollen. Doch das geht nicht, wenn jemand auf sie aufpasst.

Aus diesem Grunde wird ihr Anschar genommen und an einen unbekannten Ort gebracht. Nun muss sich Grazia ganz alleine in einer ihrer fremden und unheimlichen Welt bewähren und auch noch Anschar retten, der als Sklave viele Grausamkeiten seines Herren Mallayur zu ertragen hat und sich nicht dagegen wehren kann.

 

Es ist erstaunlich, dass Sabine Wassermann für ihren Roman keine Heldin aus dem ausgehenden 20. oder dem 21. Jahrhundert wählt, sondern ein junges, wenn auch relativ gebildetes Mädchens vom Ende des 19. Jahrhunderts - gerade zu einer Zeit, in der eine strenge Sittsamkeit das Verhalten im täglichen Leben bestimmten. Und so braucht Grazia schon eine ganze Weile, um sich an die freizügigere Körperkultur der fremden Welt zu gewöhnen. Zwar kann sie die leichte Kleidung am Ende zumindest tolerieren, für sich selbst klammert sie sich allerdings noch an das was sie kennt und weigert sich, andere Kleidung anzulegen, weil ihr eigenes Schamgefühl das nicht zulässt.

Interessant ist ihre Sicht auf die für sie seltsame Kultur - auch wenn sie sich mit der Zeit anpasst, so merkt man doch, dass sie ein Kind des kolonialen Imperialismus ist und doch bis zum Ende ziemlich distanziert bleibt.

Die Entwicklung der Heldin und einiger anderer Figuren sind neben der ausführlichen und sehr lebendigen Schilderung noch die interessantesten Teile des Romans, der ansonsten in eher konventionellen Bahnen verläuft. Denn nach der Eingewöhnungsphase gibt es auch noch einmal die Rückkehr in die eigene Welt und das Gefühl, dort nicht mehr heimisch zu sein und sich den vorher gewohnten Zwängen anzupassen. Gerade zum Ende hin wird der Roman etwas naiv und die aufgebaute Konflikte lösen sich schnell in Wohlgefallen auf, so dass es eigentlich keinen wirklichen Höhepunkt gibt. Durch seinen eher historisch wirkenden Hintergrund und die Konzentration auf die Figuren wird die Spannung eher geschaffen als durch Action oder einen Showdown.

Immerhin bleibt die Liebesgeschichte zwischen Anschar und Grazia auf einem angenehmen nahezu kitschfreiem Niveau.

 

„Das Gläserne Tor“ ist genau die richtige Unterhaltung für LeserInnen, die zwar ein Interesse an Fantasy haben, aber nicht so sehr viel mit epischen Schlachten und fremdartigen Rassen anfangen können und lieber die Interaktion zwischen Figuren oder eine sich langsam entwickelnde romantische Liebesgeschichte vorziehen.

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Buch:

Das Gläserne Tor

Autorin: Sabine Wassermann

Broschiert, 686 Seiten

Heyne, erschienen Dezember 2007

ISBN: 978-3-453-52339-5

Titelbildgestaltung von Nele Schütz Design, Karte von Andreas Hancock

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.01.2008, zuletzt aktualisiert: 06.12.2019 15:13