Der Titel Das Haus am Meer mag einigen Comic-Fans etwas bekannt vorkommen. Erschien nicht vor ein paar Jahren ein ganz ähnlich betitelter Band, der ebenfalls aus der Feder von James Tynion IV stammte? Handelt es sich also jetzt nur um eine Neuauflage mit leicht verändertem Titel, wie sie in den letzten Jahren einige Verlage gerne auf den Markt bringen? Nein. Denn »Das Haus am Meer« ist der Nachfolger von Das Haus am See, das bei Panini 2022 erschien.
Vorab eine kleine Warnung: Es ist zwar möglich »Das Haus am Meer« unabhängig von «Das Haus am See« zu lesen. Ein kurzes Vorwort bringt Leser nämlich auf den aktuellen Stand. Hier die Lektüre zu starten, bedeutet aber, sich einige heftige Überraschungen entgehen zu lassen, von denen zur inhaltlichen Einordnung ab jetzt auch einige gelüftet werden müssen.
Zunächst schien es, als hatte der nette und harmoniesüchtige Walther seine Freunde vor einer globalen Katastrophe bewahren und in einem idyllischen Haus überleben lassen wollen. Doch die Situation erwies sich schnell als schwieriger und die Komplexität nimmt in »Das Haus am Meer Band 1« weiter zu. Denn weder sind die von Walter geretteten Menschen die einzigen Überlebenden noch ist er das einzige Wesen, das eine Selektion von Menschen vorgenommen hat. Worin besteht der Plan von Walter oder der geheimnisvollen Max? Anscheinend haben beide nach bestimmten Selektionskriterien zehn Menschen ausgewählt und in ein Haus gelockt. Was macht die Isolation mit den Individuen und gibt es Regeln für das Überleben?
Autor James Tynion IV ist einerseits für seine Geschichten im Gotham-Universum (Batman, Der JokerR), andererseits aber auch für Storys wie Something Is Killing The Children bekannt. Mit »Das Haus am See« hatte er Fans bereits eine ungewöhnliche Geschichte geliefert, an die der US-Amerikaner nun anknüpft. Das Ganze erweist sich als faszinierendes Rätselspiel im Stil der Kult-Serie Lost – hoffentlich aber mit einem Abschluss, der mehr überzeugt. James Tynion IV liefert hier seinem Publikum immer neue Informationshäppchen und springt dazu nicht nur zwischen den Häusern, sondern auch innerhalb der Zeitebenen. Dabei sorgen eingeschobene E-Mails, Chat-Nachrichten und mehr immer wieder für eine breitere Perspektive. Angesichts der Vielzahl von Figuren fordert die Lektüre zwar etwas Aufmerksamkeit. Allerdings ist es richtig reizvoll, immer mehr über den Plan von Max und Walther zu erfahren. Nicht ganz so spannend sind da manchmal die persönlichen Verstrickungen einzelner Charaktere. Auch handelt es sich nicht unbedingt um einen »Shocker« bzw. »DC-Shocker«, wie das Label verspricht, sondern eher um eine Mystery-Story mit vergleichsweise dezenten Horror-Elementen.
Verantwortlich für die Bebilderung ist Alvaro Martinez Bueno (Der Preis der Magie). Der Spanier war bereits für die visuelle Gestaltung von »Das Haus am See« verantwortlich, sodass sich Fans nicht umgewöhnen müssen. Ihm geht es weniger um die realistische Abbildung. Deswegen sieht ein waagerecht gestreifter Pullover vielleicht nicht in jedem Panel akkurat und gleichartig aus. Stattdessen steht der Ausdruck im Vordergrund. Alvaro Martinez Bueno gelingt es nicht nur, die Vielzahl an Figuren lebensecht, detailreich und so für Leser auch jederzeit unterscheidbar zu gestalten. Er arbeitet auch ihre Mimik sehr klar heraus, was Lesern immer wieder Rückschlüsse im Rätselspiel ermöglicht. Einige Zeichnungen sind fast impressionistisch, anderer betonen durch ihre Machart geschickt die mysteriöse Atmosphäre. Dazu trägt übrigens auch die Farbgestaltung durch Jordie Bellaire bei. Der setzt in einigen Sequenzen bewusst eine reduzierte Farbpalette ein, um so die Stimmung zu intensivieren. Dank stetiger Variationen wirkt aber auch das niemals langweilig oder plump kalkuliert.