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Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die Liebe eines Enkels zu seinem Großvater, ein Leben für Bücher und ein Salon voller Ideen.

Hinter der unauffälligen Fassade eines Londoner Reihenhauses verbarg sich jahrzehntelang ein Wunderland für Bücherliebhaber. Chimen Abramsky hatte im Laufe seines Lebens eine der bedeutendsten Privatsammlungen Englands aufgebaut und sein Haus zu einem Salon intellektuellen Austausches gemacht.

Voller Zärtlichkeit erinnert sich Sasha Abramsky an seinen Großvater und spürt dessen unvergleichlicher Bibliothek nach. Eine Familiengeschichte, die den Bogen zur Weltgeschichte schlägt.

 

Rezension:

Wie nähert man sich einem Menschen, der sowohl eine gesellschaftliche Größe als auch ein Späße treibender Großvater war? Dieser schwierigen Aufgabe stellte sich Sasha Abramsky als er über seinen Großvater Chimen Abramsky berichten wollte. Doch er konnte auf etwas zurückgreifen, das nur sehr wenige Großväter auszeichnet: Ein Haus mit etwa zwanzigtausend Büchern.

Und das Haus im Londoner Norden bildet die Struktur dieser Biographie, nicht so sehr die chronologischen Ereignisse der Leben von Miri und Chimen. Zimmer für Zimmer folgen wir dem Enkel durch das Haus, lauschen Erinnerungen und blättern in unzähligen Büchern.

Chimen Abramski stammte aus einer jüdischen Familie in Weißrussland. Sein Vater galt als einer der größten Rabbiner des Judentums, seine Mutter stammte aus der Familie berühmter Rabbiner. Über tausend Jahre jüdische Kultur bildeten den Hintergrund von Chimens Erziehung. Doch die Welt war im Umbruch. Die Oktoberrevolution brachte Bürgerkrieg und dann die Sowjetunion. Chimens Vater Yehezkel Abramsky wurde interniert, gefoltert und verbannt. Der junge Chimen aber sah die Sowjetunion mit anderen Augen und wendete sich dem stalinistischen Kommunismus zu.

Er folgte seinen Eltern ins Exil und obwohl man seine Brüder als Pfand in der SU gefangen hielt, blieb Chimen dem Land und der dahinterliegenden Idee treu, wurde glühender Marxist und Mitglied der britischen KP. Zusammen mit seiner Frau begründeten sie in London einen berühmten Salon mit den wichtigsten Kommunisten und Linken des Landes. Und Chimen begann Bücher zu sammeln und zu handeln. Seine Sammlung sozialistischer Werke wurde berühmt und umfassend, darunter etliche seltene Werke von Karl Marx, den er über alles verehrte.

Erst spät begann Chimen zu glauben, dass all die Berichte über Stalins Verbrechen der Wahrheit entsprachen. Es kam zum Bruch mit der KP, mit dem Totalitarismus des Apparates und er widmete sich verstärkt dem Sammeln von jüdischen Werken. Allerdings verlor er seine Leidenschaft für Marx nie.

Obwohl er sich als Atheist bezeichnete, wurde Chimen zu einem der größten Kenner jüdischer und damit verbundener Literatur. Zu diesem Zeitpunkt wandelte sich der Salon und das Haus füllte sich mit Gästen, die ähnlich aktiv diskutierten, aber über andere Themen.

In diese Zeit hinein wurde der Enkel Sasha Bestandteil des Hauses. Wurde erzogen, verköstigt und vor allem mit die geistigen Schätzen des Hauses vertraut gemacht, das sich immer mehr füllte.

Raum für Raum folgen wir den Erinnerungen an Menschen, die zu ihrer Zeit und in ihren Sachgebieten Koryphäen waren. Wir folgen Auslassungen über jüdische Religions- und Kulturgeschichte, philosophischen und religiösen Strömungen, die aus fernen Jahrhunderten zu schwappen scheinen. Stets aber bleiben wir Familienmitglied. Der Autor stellt uns sie alle vor, die weitverästelte Familie, die Freunde, Schlafgäste und Briefpartner.

Es gibt etliche Wiederholungen an denen man nicht nur die verschiedenen Quellen erkennt, aus denen Sasha Abramsky schöpfte, sondern auch den langen Zeitraum, über den sich die Recherchen erstreckten.

Ein Puzzlestein nach dem anderen fügte er zusammen, um ein halbwegs schlüssiges Bild seiner Großeltern zeichnen zu können. Ganz besonders wichtig war ihm dabei die Auseinandersetzung mit jenem Chimen, der Stalin verteidigte, der trotz der Erfahrungen seines Vaters, daran glaubte, die Sowjetunion hätte den Antisemitismus verdorren lassen.

Die Totenrede anlässlich Stalins Tod bettet sich in eines der emotionalsten Kapitel des Buches.

Ganz nebenbei wird man Mitstreiter in den wichtigen Themen des vergangenen Jahrhunderts. Holocaust, Palästina- und Israel-Frage, Weltkrieg und Totalitarismus, Kalter Krieg und Wandel der gesellschaftlichen Werte.

Die Bibliothek von Chimen enthält die Texte, am Küchentisch treffen sich die Diskutanten und essen Miris Speisen, während Chimen prüft, was man denkt, ob man es wert ist, auch die größten Schätze zu Gesicht zu bekommen.

 

Fazit:

»Das Haus der zwanzigtausend Bücher« von Sasha Abramsky ist die wunderbare Entdeckungsreise eines Lebens, das sich von Büchern nährte und in ihren Themen wandelte, als seien es blühende Gärten und Parks. Abramsky lässt seine Großeltern atmen und zieht uns mit hinein in die überbordenden Erinnerungen. So füllt sich das Haus für uns wieder, Regal um Regal, Raum für Raum und Leben für Leben.

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Original: The House of Twenty Thousand Books, 2014

Autor: Sasha Abramsky

Übersetzer: Bernd Rullkötter

Gebundene Ausgabe: 408 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (23. Oktober 2015)

Nachwort: Philipp Blom

 

ISBN-10: 342328062X

ISBN-13: 978-3423280624

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B014W2LTSI

 

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Erstellt: 10.11.2015, zuletzt aktualisiert: 21.10.2018 20:17