Vier Jahre nach dem ihrem zweiten Roman ist in England die zweite Kurzgeschichtensammlung von Daisy Johnson erschienen. Sowohl ihr vielbeachtetes Debüt Untertauchen (2018) als auch ihr morbider Horrorroman Die Schwestern (2020) liegen auf Deutsch bei btb vor. Nun ist ihre neuste Veröffentlichung beim selben Verlag erschienen.
Bei Das Hotel handelt es sich um 14 lose zusammenhängende Geschichten über ein ganz besonderes unheimliches Hotel. Sie wurden ursprünglich für den britischen Hörfunksender BBC Radio 4 geschrieben und 2024 gesammelt als gedrucktes Buch veröffentlicht.
Der zentrale Schauplatz dieser Storys ist ein altes Hotel in den Fens, einer sumpfigen Moor- und Marschlandschaft, die sich im Osten Englands befindet. Zu Beginn der Kollektion, bevor die eigentlichen Geschichten kommen, gibt es eine Einführung zu dem fiktiven Handlungsort. So ist das Hotel innen größer als außen. Das Hotel hört zu, wenn jemand spricht. Man soll nicht in Zimmer 63 gehen. Das Hotel weiß alles über seine Besucher. Und viele Eigenschaften mehr.
Im Internet findet man nicht viele Informationen über das Hotel. Und wenn, dann sind sie kompliziert und verworren. Fotos, die das Hotel zeigen, neigen dazu, zu verschwinden. Wo jetzt das Hotel steht, befand sich vorher eine Farm. Bis es schließlich erbaut wurde, lief vieles schief. 1919 wird es schließlich fertiggestellt, im neugotischen Stil, mit hohen Schornsteinen, bunten Glasscheiben und einem Obstgarten.
Die Geschichten, die Daisy Johnson entspinnt, sind modern. Sie handeln von wechselnden Hotelgästen in verschiedenen Zeiten. Manche, besonders die Hotelangestellten, haben Auftritte in mehr als einer Erzählung.
Es beginnt mit Die Hexe und einer Episode aus der Zeit als das Hotel noch nicht erbaut wurde. Eine Frau, die gut mit Kräutern umgehen und die Zukunft sehen kann, wird dort sterben, wo sich später Hotelzimmer 63 befindet. Dieser Raum spielt wiederholt eine Rolle in einzelnen Episoden.
Und dann ist da die Geschichte von Grace. Das Zimmermädchen erzählt in Sauber von ihrem schwierigen Leben und dem pflegebedürftigen Vater. Sie ist eine der Angestellten, die das gefürchtete Zimmer 63 reinigen muss. Es scheint, dass sie verdammt dazu ist, in dem Hotel zu arbeiten. Selbst als sie kündigen will, um ein neues Leben anzufangen, gelingt ihr das nicht.
Die Geschichte Die Hochzeit beginnt amüsant wie eine Art Satire über Junggesellinnenabschiede. So hat die Organisatorin jede Menge Stress und Streit bis endlich die Location gefunden worden war. Erst wollte die Trauzeugin unbedingt nach Las Vegas. Und die Schwester der Braut wollte ihre beiden Hunde mitnehmen. Doch die Kosten liefen aus dem Ruder. Schließlich machte das Projekt eine Kehrtwendung und man landete in dem Hotel in den Fens. Für »die letzte Nacht in Freiheit«.
Natürlich ist da viel mehr in dieser Collection: Kleine Mädchen spielen Streiche, in dem sie Zimmerschlüssel (und andere wichtige Dinge) verstecken. Überraschungen gehen nach hinten los. Auf einer Konferenz mit übergriffigen alten weißen Männern hat die weibliche Teilnehmerin keine Chance, sich durchzusetzen. Eine Nachtschicht an der Rezeption wird zum unheimlichen Albtraum.
Die Stärke der Geschichten in dieser Sammlung liegt daran, dass nicht alles bis ins kleinste auserzählt wird. Allesamt haben sie eine unheimliche, teilweise verstörende Note. Nicht ganz so krass wie der Horror in Johnsons Roman »Die Schwestern«, aber stets so subtil, dass zarte Gemüter jeweils leichten Grusel verspüren dürften. Die starken Frauencharaktere, die differenziert erzählt werden, sind ein weiteres Plus.
Spätestens sei Stephen Kings Shining und dem Overlook Hotel ist klar, dass Gebäude Protagonisten sein können, die ein Eigenleben entwickeln. Das Haus in »Das Hotel« ist so ein Gemäuer. Daisy Johnson beweist mit diesem Buch erneut, dass sie zu den aktuell angesagtesten Stimmen der Schauerliteratur gezählt werden muss.