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Das Imperium der Wölfe von Jean-Christophe Grangé

Rezension von Martin Weber

 

INHALT

Extrem brutale Morde erschüttern das türkische Viertel in Paris. Die arg verstümmelten Leichen von drei illegalen Arbeiterinnen wurden in den letzten Wochen aufgefunden. Angst geht um. Ist es wirklich nur ein irrer Serienmörder, der seinen dunklen Trieben nachgibt und eine Spur aus Blut hinterlässt? Oder steckt doch mehr dahinter? Vorerst hat sich die Presse nicht auf diese bestialischen Morde gestürzt, denn die Opfer gehören einer quasi unsichtbaren Gesellschaftsschicht an und selbst die türkische Gemeinschaft kehrt die Gräueltaten unter den Teppich. Einzig der Polizist Paul Nerteaux hat sich in den Fall verbissen und hat dessen Aufklärung zu seinem Lebensinhalt gemacht. Doch er rennt gegen Mauern des Schweigens an. Da er einfach nicht weiterkommt, sieht er den letzten Ausweg darin, den mittlerweile pensionierten Jean-Louis Schiffer zu reaktivieren. Der war zwei Jahrzehnte lang der oberste Kriminalist in diesem Viertel und verfügt über exzellente Kontakte und umfangreiches Insiderwissen. Aber die Sache hat einen Haken: Schiffer ist berüchtigt wegen seiner brutalen Methoden und seiner Korruption. Und tatsächlich wird er alle Hoffnungen und Befürchtungen, die ihm Nerteaux entgegenbringt, erfüllen.

 

Ebenfalls in Paris führt Anna Heymes einen Kampf ganz anderer Art. Die Frau leidet unter einer psychischen Störung, die Panikattacken auslöst, sie Dinge vergessen lässt und dafür sorgt, dass Gesichter „zerfließen“. Annas Mann, ein hoher Beamter, versucht ihr mit allen Mitteln zu helfen, doch sie verspürt einen unerklärlichen Widerwillen gegen seinen Beistand und gegen die Untersuchungen, die ein befreundeter Neurologe an ihr vornimmt. Irgendetwas führen die beiden im Schilde, so scheint es Anna. Oder ist dieses Gefühl lediglich eine Ausgeburt ihrer Probleme, ein weiterer Beleg für ihren beginnenden Wahn? Sie versucht verzweifelt, die Hintergründe für ihre seelische Krankheit aufzudecken. Bei diesem Versuch kreuzen sich die Pfade von Paul Nerteaux und Anna Heymes und beide werden einen hohen Preis für die Enthüllung der Wahrheit zu zahlen haben …

 

 

KOMMENTAR

Jean-Christophe Grangé ist der einzige Thrillerautor aus Frankreich, der sich in den letzten Jahren auch außerhalb seines Heimatlandes etablieren konnte. Seit ihm bei uns mit der Verfilmung von „Die purpurnen Flüsse“ der Durchbruch gelang, werden seine Bücher ständig neu aufgelegt und neue Werke mit nur kurzer Verzögerung übersetzt. „Das Imperium der Wölfe“ erschien erstmals Anfang 2004 als Hardcover und liegt nun seit über einem Jahr auch als preisgünstiges Taschenbuch vor.

 

Der Autor setzt auf den klassischen Plotbeginn für einen Thriller: die Hauptperson steht im Zentrum von undurchsichtigen Geschehnissen, in die sie unter psychischen und physischen Gefahren Licht bringen muss. Dabei kommt in diesem Roman ein weiterer vertrauter Aufhänger wieder zum Einsatz, nämlich der Trick, den Helden über die eigene Identität und Vergangenheit im Unklaren zu lassen. Die uralten und grundlegenden Fragen „Wer bin ich eigentlich? Was macht mein Wesen aus? Wozu bin ich fähig?“ werden somit auf die Spitze getrieben in einem Protagonisten, dessen Biographie ein unbeschriebenes Blatt ist. Nicht unbedingt originell, aber immer wieder effektiv.

 

Grangés Schilderungen sind sehr plastisch und sinnesfreudig, er versteht sich sehr gut darauf, die Wahrnehmungen seiner Figuren eindringlich an die Leser weiterzugeben. Die Welt im Roman ist ein von Gerüchen, Farben und allen restlichen Sinneseindrücken überreichlich gesättigter Ort. Weniger erfreulich ist seine Art der Charaktereinführung, da er dazu neigt, neue Figuren vorzustellen, indem er Dossiers runterbetet – dafür gibt es aber elegantere Methoden. Als weiterer Schwachpunkt ist anzuführen, dass gegen Ende alles immer unrealistischer wird, nicht zuletzt, weil man merkt, dass die Protagonisten an den Fäden ihres Schöpfers zappeln und genau das tun, was er von ihnen will (und damit durchkommen) und nicht das, was der Fluss der Ereignisse nahe legt. Zum Beispiel sind die abschließenden Seiten komplett zu vergessen, denn was hier vor sich geht, ist von der Motivation der maßgeblich Handelnden fragwürdig und dient lediglich dazu, einem diffusen Gerechtigkeitsempfinden Rechnung zu tragen.

 

Lob verdient sich der Schriftsteller wiederum für die Unbarmherzigkeit, mit der er seine Geschöpfe behandelt, denn im Gegensatz zu vielen seiner angloamerikanischen Kollegen scheut er sich nicht davor, Sympathieträger über die Klinge springen zu lassen. Außerdem ist es mutig, auf eine durchgehende Hauptfigur zu verzichten und mal den einen, dann den anderen in den Vordergrund zu rücken (was allerdings nicht jedermann gefallen dürfte).

 

FAZIT

„Das Imperium der Wölfe“ ist ein mit einigen brutalen Szenen gespickter und wenig realistischer Thriller, der allerdings seine grundlegende Aufgabe – temporeich und spannend zu unterhalten – gut erfüllt.

 

Eure Meinung:


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Das Imperium der Wölfe

Autor: Jean-Christophe Grangé

Broschiert: 448 Seiten

Verlag: Lübbe; Auflage: 1 (September 2005)

ISBN: 3404154118

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.10.2006, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27