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Das Jahrhundert der Hexen von Sergej und Marina Dyachenko

Rezension von Christel Scheja

 

Wie nicht anders zu erwarten war hat die „Wächter“-Tetralogie von Sergej Lukianenko anderen modernen russischen Autoren den Weg in den Westen geebnet. Er hat bewiesen, dass Unterhaltungsliteratur aus dem ehemaligen Herzen der Sowietunion nicht mehr schwerfällig und gesellschaftskritisch sein muss, sondern inzwischen auch der leichten Muse frönen und munter darauf los erzählen darf. So bekommen nun auch Schriftsteller wie das Ehepaar Sergej und Marina Dyachenko eine Chance. „Das Jahrhundert der Hexen“ ist der erste von ihnen in Deutschland erscheinende Roman.

 

Hexen sind nicht nur eine Legende sondern Wirklichkeit in der Stadt Wyshna und dem sie umgebenden Land. Schon seit vielen Jahrhunderten wirken diese Frauen Zauber und werden bewundert oder gefürchtet. Denn genau so wie man ihnen Heilungen und Unterstützung in der Not zu spricht werden sie auch für den Tod des Viehs oder Missernten verantwortlich gemacht. Deshalb haben die Fürsten vor Jahrhunderten entschieden, das sich Frauen und Mädchen, die der Hexerei verdächtig sind, registrieren lassen müssen, um kontrolliert zu werden. Die Inquisition ist für diese Aufgaben, aber auch die Bestrafung der Zauberinnen zuständig.

Seit einiger Zeit fällt den Verantwortlichen auf, dass sich immer mehr von den zauberkundigen Frauen in Wyshna zusammen rotten und auf etwas zu warten scheinen. Die Inquisitoren unter ihrem Anführer Klawdi haben eine Menge zu tun, um diejenigen zu inhaftieren, die eine Gefahr für die einfachen Menschen werden können und ahnen, das etwas noch Größeres im Gang ist.

Düsteren Gerüchten zufolge bereiten die Frauen die Ankunft der Mächtigsten unter ihnen vor- der so genannte „Mutterhexe“, die ihnen noch mehr Kraft schenken soll. Da das schon einmal zu einer Katastrophe führte, der nur mit Mühe Einhalt geboten werden konnte, tut Klawdi alles, um zu verhindern, dass diese Hexe überhaupt erst in einer Frau erwacht und ihre Macht entfesselt.

Dann aber schlägt ihn die junge Ywha in ihren Bann. Das Mädchen ist zwar mit dem Sohn eines guten Freundes verlobt, aber auch eine Hexe. Trotzdem kann der Großinquisitor mit ihr nicht so umspringen wie mit all den anderen Frauen, denn sie hat etwas an sich, dass ihn an seine erste und einzige große Liebe Djunka erinnert, mit der ihn ein grausames und düsteres Geheimnis verbindet. Und so nimmt eine gefährliche Beziehung ihren Lauf, die die bedrohliche Situation noch verschärfen kann.

 

Wie „Wächter der Nacht“ oder andere russische Fantasy-Romane ist auch „Das Jahrhundert der Hexen“ in einer Welt angesiedelt, die der unseren gleicht. Hexen und Inquiisitoren fahren und Bus und Bahn oder benutzen Autos. Sie sind mit den Errungenschaften der Technik vertraut - aber doch auch mit den Mythen der Vergangenheit. Und diese lassen die Dyachennos in der Gestaltung ihrer Hexen aufleben. Sie sind nicht der westlichen Tradition verhaftet, sondern erinnern mehr an Baba Yaga und andere zauberkundige Frauen aus russischen Märchen. Das gibt der Geschichte die typische schwermütige Note, von der die russische Literatur generell nicht so ganz frei zu sprechen ist. Klawdi und Ywha sind in ihren jeweiligen Rollen gefangen, aber auch Menschen mit Gefühlen. Man merkt das immer wieder - vor allem in den Rückblenden, die Licht auf ein düsteres Kapitel in der Vergangenheit des Inquisitors werfen, das nun seine derzeitigen Entscheidungen überschattet. Ywha hingegen ist sich ihres inneren Erbes bewusst, aber nicht gewillt sich so einfach zu fügen, als sie hinter die Masken Klawdis blickt und erkennt, das es nur gemeinsam eine Zukunft für alle Bewohner von Wyshna geben kann.

Der Roman selbst ist nicht unbedingt episch zu nennen. Eine Reihe kleiner Ereignisse fügt sich zu einer eng miteinander verwobenen Geschichte ineinander und konzentriert sich vor allem auf die Menschen. Ihre Entscheidungen treiben die Handlung voran und führen schließlich zu einem bittersüßen Ende, dass die Erzählung abrundet.

 

„Das Jahrhundert der Hexen“ ist vielleicht keine epische, aber eine nichtsdestoweniger spannende Geschichte, in der das Schicksal und die Entscheidungen weniger Menschen über das einer ganzen Epoche entscheidet und eine dichte Atmosphäre entsteht, wie man sie nur selten findet.

 

 

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Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

allgemeiner
Dienstag, 11. November 2008 22:12 Uhr
Leider wieder so eine unterdurchschnittliche Entwicklungsgeschichte. Diesmal mit der jungen, noch nicht initiierten Hexe Ywha. Sie ist durchdrungen von vielen Selbstzweifeln, die immer und immer wieder thematisiert werden. Sie ist verwirrt, verängstigt, verwirrt, verzweifelt, verwirrt, nicht zu großen Entschlüssen fähig und läuft über viele Seiten hinweg immer wieder davon. Großinquisitor Klawdi und seine Vergangenheit reißen den Plot auch nicht rum. Auch die gelegentlich auftauchenden Menschen namens Tschugeister, welche Njawkas jagen und endgültig töten, sind zwar interessant, werden aber nie zu etwas wirklich wichtigem ausgebaut.
Die Story entspannt sich leider nicht so, wie ich es erwartet hätte. Sie plätschert vor sich hin, ohne große Sprünge zu machen. Der Schreibstil ist okay. Nette Ideen, aber schwach umgesetzt. Insgesamt leider recht enttäuschend.

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Das Jahrhundert der Hexen

Autoren: Sergej und Marina Dyachenko

broschiert, 441 Seiten

Piper, erschienen März 2008

ISBN 978-3-492-26656-7

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Titelbild von Anke Koopmann

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.03.2008, zuletzt aktualisiert: 08.03.2019 17:30