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Das Kainsmal von Chuck Palahniuk

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Oliver K. (Leser): Also, in der Geschichte geht es um Rant Casey – eigentlich heißt er Buster Landru Casey, doch nach einem besonders ekligen Streich erhielt er den Spitznamen "Rant". Seine Kindheit und Jugend verlebt er in dem Provinznest Middelton. Schon seine Familie ist seltsam, denn die Mütter haben seit Generationen mit dreizehn ihr erstes Kind bekommen. Es heißt, es sei ein Fluch. Und der Vater ist noch schräger: Er zwingt den jungen Rant zuerst alle im Garten versteckten Ostereier zu suchen – bevor man sich daran macht, den Biss der Schwarzen Witwe, den Rant bekommen hatte, zu behandeln. Rant versucht daraufhin, mit grausigen Streichen gegen seine krassen Eltern zu rebellieren.

O. Kotowski (Rezensent): Bei der Geschichte steht das formale Spiel eindeutig im Vordergrund. Der Autor will die Postmoderne noch weiter auf die Spitze treiben und verwendet dazu den Modus der oral history.

Oliver K. (Leser): Kurz vor dem Highschoolabschluss haut Rant ab. Er flüchtet in die große Stadt, wo er auf einige Party-Crasher trifft. Das sind Nachtgänger, die ein bestimmtes Zeichen verabreden, das sie dann auf ihren Autos anbringen. Dann kreuzen sie durch die Stadt und wenn sie auf einen anderen Wagen mit dem verabredeten Zeichen stoßen, dann provozieren sie einen 'Unfall'. Genau das Richtige für Rant, doch er zieht die Schraube noch einmal an.

O. Kotowski (Rezensent): Ob die Referenzen auf reale Ereignisse nun Teil des postmodernen Spiels oder Selbstzweck sind, das bleibt dem Leser selbst überlassen. Wie eigentlich alles andere auch.

 

Chuck Palahniuks Das Kainsmal ist eine schwer zu beschreibende Geschichte, was an der großen Deutungsoffenheit liegt, die aus dem Modus der oral history resultiert. Was ist oral history? Wenn zu einem Ereignis keine verschriftlichten Quellen vorhanden sind, dafür aber mündliche Überlieferungen, müssen Historiker auf diese zurückgreifen. Mehr noch als schriftliche Quellen neigen mündliche zur Varianz – wie beim "Stille Post"-Spiel wird mit jeder Weitererzählung die Geschichte etwas verändert. Darum versuchen Historiker möglichst viele Quellen bzw. Zeugen zu befragen und unter Hinblick der Situation der Befragten aus den Berichten das Wesen des Ereignisses und dessen Bedeutung herauszufiltern.

Und genau das steht dem Leser bevor: Ihm werden unzählige Berichtsfragmente in Form von Figurenrede vorgelegt, die sich zumeist kapitelweise um einzelne Episoden aus Rants Leben oder Institutionen der Gesellschaft drehen. Aus diesem z. T. stark widersprüchlichen Material muss der Leser sich seine Geschichte herausfiltern. Man kann mit Fug und Recht behaupten, wenn zwei Leser dieses Buch gelesen haben, werden sie sich über unterschiedliche Geschichten unterhalten.

 

Die Deutungsoffenheit wirkt schon beim Setting. Sicher ist, dass es eine Art von SF-Geschichte ist: Es gibt eine Technologie, mit deren Hilfe via einem Port im Nacken neuronale Muster – Wahrnehmungen jeglicher Art – direkt ins Hirn gespeist werden. Wer einen Porno "boostet" wird den Geschlechtsakt mit allen Sinnen wahrnehmen – wenn das Transkript gut ist, dann ist der Akt für den Konsumenten nicht von einem realen zu unterscheiden. Wenn die aufzeichnende Person einen Acid-Rausch während des Aktes hatte, dann werden die Wahrnehmungen entsprechend verzerrt aufgezeichnet. Außerdem ist die Stadt durch die Effeff-Verordnung – die Verordnung zur effektiven und effizienten Nutzung der Infrastruktur – in zwei Teile gespalten: Die Taggänger dürfen die Infrastruktur von 8:00 bis 20:00 nutzen, die Nachtgänger von 20:00 bis 8:00. So kommen sich weniger Menschen ins Gehege. Anfangs sind Tag- und Nachtgänger auch noch einigermaßen gleichberechtigt, doch im Laufe der Zeit driften sie immer weiter auseinander – bis viele Nachtgänger auf Tollwutverdacht hin von der Polizei erschossen werden. Die Tollwutepidemie, die von Rant ausgegangen sein soll, ist so ein Fall von Offenheit: Gibt es diese Epidemie wirklich oder ist es bloße Propaganda der Behörden, um gegen unliebsame Nachtgänger radikal vorgehen zu können? Und wenn es sie gibt: Ging sie wirklich von Rant aus oder ist er nur ein gelegen kommender Sündenbock? Es gibt noch weitere SF-Elemente, bei denen unklar ist, ob sie nur in der Fantasie der Figuren oder (fiktional) real existieren. Ein sehr wichtiges Element greift ein mit Paradoxien gespicktes Thema auf – typisch für postmoderne Texte. Um die Spannung nicht zu verderben, soll an dieser Stelle nicht mehr dazu gesagt werden. Da das Setting nur aus der Figurenrede abzuleiten ist, ist es als schwach ausgeführtes Milieu zu werten.

 

Ähnliches gilt für die zahllosen Figuren – das letzte Kapitel "Die Mitwirkenden" zählt sechsundfünfzig Figuren auf und dabei fehlen noch einige wichtige wie z. B. Rant.

Rant entwickelt sich in seiner Jugend zu einem seltsamen Flegel. Er geht zum 'Angeln', indem er seinen nackten Arm in Tierbauten steckt, um sich giftige Bisse oder Tollwuterreger einzufangen. Die Erreger gibt er dann (via Speichelaustausch) mit großer Freude weiter. Mit Sicherheit kann man sagen, dass er ein Anarchist und Danger-Junky ist, aber ob er schlicht Lust aus dem angerichteten Schaden zieht, oder ob sein Handeln Teil eines bizarren Plans ist, um seinen Mitmenschen zu helfen, bleibt offen. Die anderen Figuren sind zwar deutlich weniger stark entwickelt, aber nicht minder schwer einzuschätzen – und einen Hang zum Exzentrischen teilen die Figuren auch. Nichtsdestoweniger wirken sie relativ realistisch.

 

Die Deutungsoffenheit wirkt sich auch auf den Plot aus. Zunächst scheint es die Schwarze Legende Rants zu sein, also eine Art negativer Entwicklungsgeschichte. Doch mit dem Wechsel in die Stadt wird nahegelegt, dass es sich um eine Art Verschwörungsgeschichte handelt. In dieser Phase stehen die beiden Deutungen einander entgegen – entweder ist Rant ein Anarchist, der die Gesellschaft ins Wanken bringen will, oder er ist ein Sündenbock für die finsteren Pläne von – irgendwem. Nach und nach verschmelzen die beiden Deutungen und Details der Legendenbildung stützen die Verschwörung und umgekehrt.

Daraus erwachsen unterschiedliche Spanungsquellen. Zunächst sind da die Rätsel. Auf der untersten Ebene stellt sich die Frage, wer die Verschwörer sind, auf der mittleren Ebene, ob es überhaupt Verschwörer gibt, und auf der obersten Ebene schaut der Leser permanent nach Hinweisen, wie das jeweilige Berichtsfragment zu deuten ist – und ob es das vorher gelesene in der Deutung beeinflusst.

Zwar gibt es allerlei direkte Bedrohungen für Rant, doch daraus erwächst keine direkte Spannung; indirekt charakterisieren diese Szenen Rant und von seinem Charakter geht dann wiederum eine Faszination aus – ähnlich wie von den bizarren Details des Settings wie den Crash-Partys etc.

Hinzu kommen einige reale Bezüge. Nachdem Dr. Phoebe Truffeau von vier (realen) illegalen Experimenten, die die US-Behörden ohne Wissen der Versuchspersonen durchführten, berichtete und der paranoide Neddy Nelson ein paar Überlegungen zur AIDS-Epidemie und Rants Tollwutepidemie anstellte, die er mit der rhetorischen Frage "Verspüren Sie angesichts dieses Szenarios nicht auch den Wunsch in die nächste Klinik zu laufen und sich gratis gegen irgendetwas impfen zu lassen?" schließt, mag sich der Leser die Frage stellen, warum in der BRD auf eine Massenimpfung gegen ein verhältnismäßig harmloses Grippevirus gedrängt wird, während Krankenwagen mit Schwerverletzen durch die Städte kreuzen, weil es den Kliniken an den Mitteln mangelt, noch einen weiteren Notfallpatienten aufzunehmen.

Zuletzt sind noch etliche intertextuelle Bezüge zu nennen. Da ist Rant selbst, der an Palahniuks Figur Taylor Durden aus Fight Club erinnert. Die geteilte Stadt erinnert an China Miévilles The City & The City, obwohl die Ähnlichkeit vermutlich zufällig ist. Ebenso werden die sich am Ende der Geschichte zu Hal Duncans Vellum entwickelnden Ähnlichkeiten sein; ob die der Crash-Partys zu J. G. Ballards zentralem Thema in The Atrocity Exhibition Zufall ist, sei dahin gestellt. Sieht man von dem den postmodernen Modus meidenden Miéville ab, so verwenden alle drei eine mehr oder minder poststrukturalistische Erzählweise. Den üblichen Hauch Nietzsche darf man auch nicht vergessen.

 

Damit zur Erzähltechnik, die auch massiv von der Deutungsoffenheit beeinflusst wird. Ob dramatisch oder episodisch, ob progressiv oder regressiv, und ob das überhaupt sinnvolle Kategorien sind, hängt davon ab, welche Geschichte der Leser in die Berichtsfragmente hineininterpretiert.

Stil, Satzbau und Wortwahl variieren ebenfalls im hohen Masse – während die Pseudoprostituierte Echo Lawrence vulgär klingt, ist der bigotte Stadtrat Galton Nye pathetisch-gesteltzt und die Wissenschaftlerin Phoebe Truffeau sachlich-nüchtern.

 

Fazit:

Oliver K. (Leser): Rant Caseys kurzes Leben. Schon als Jugendlicher verbreitete er gerne Krankheiten und als junger Mann scheint er in der großen Stadt das ideale Mittel gefunden zu haben, um die Gesellschaft zu Fall zu bringen. Man muss sich sehr anstrengen, um da was zu kapieren. Naja, die Crash-Partys, die Effeff-Verordnung und so fand ich schon ziemlich cool.

O. Kotowski (Rezensent): Mit dem Vexierspiel von Schwarzer Legende und Verschwörung spitzt Das Kainsmal mithilfe des Erzählmodus' der oral history die Deutungsoffenheit der postmodernen Erzählung weiter zu – Chuck Palahniuk kann vermelden: Die große Geschichte ist tot.

 

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Erzähltext:

Titel: Das Kainsmal

Reihe: -

Original: Rant (2007)

Autor: Chuck Palahniuk

Übersetzer: Werner Schmitz

Verlag: Goldmann (Mai 2009)

Seiten: 351 - Broschiert

Titelbild: Getty Images/Darrin Klimek

ISBN-13: 978-3-442-54271-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.10.2009, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27