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Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao von Junot Díaz

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Oscar de León ist ein Nerd. Er schaut sich nicht nur die bizarren englischen SF-Serien wie Dr. Who an, er spricht auch Sindarin. Das wäre für sich genommen nicht besonders schlimm, doch Oscar ist ein übergewichtiger Dominikaner (mit US-amerikanischen Pass) ohne jeglichen Sexappeal. Die Mädchen wechseln die Straßenseite, wenn sie ihn sehen. Das ist für einen Dominikaner sehr schlimm: All seine Verwandten und Bekannten bläuen ihm ein, dass er Mädchen haben muss – wenigstens eines. Selbst seine rebellische Schwester Lola macht sich Sorgen, weil der Junge statt Sport zu treiben lieber den Dragon liest oder SF-Geschichten schreibt. Im Nachhinein hat Oscar es auf den fukú geschoben, auf den Fluch der auf der Familie lastet, seit sein Großvater Abelard seine schöne Tochter Jacquelyn vor einer Vergewaltigung durch den Sexbesessenen Diktator Trujillo bewahren wollte. Es zeigt sich, dass der Familie de León seither immer wieder lebensbedrohliche Unglücksfälle widerfahren.

 

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao ist ein Episodenroman, dessen Episoden von 1944 bis 1995 reichen; einzelne Rückblenden reichen allerdings noch deutlich weiter zurück und der Ausblick bis in die Gegenwart (2007). Die Ereignisse tragen sich zwar etwa zu gleichen Teilen in New Jersey in den USA und der Dominikanischen Republik (DR), vor allem Santo Domingo, zu, doch da die Mehrheit der relevanten Figuren in den USA ebenfalls aus der DR stammen (oder deren Eltern) ist das Setting massiv vom Inselstaat geprägt.

Die Armut ist im dritte Welt-Land DR natürlich ausgeprägter als in dem erste Welt-Land USA, doch die Unterschiede sind nicht gravierend – die Autos sind häufiger schrottreif, makellose Zähne sind seltener etc. Gravierend ist das Maß der Gewalt und der Korruption. Rafale Leónidas Trujillo Molina errichtete 1930 eine Diktatur in der DR, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen, auch wenn Trujillo 'schon' 1960 ermordet wurde. Der Diktator ließ viele 'Kommunisten' und 'Schwule' verhaften, oftmals um deren Besitztümer unter seinen Günstlingen zu verteilen oder weil er einfach nur deren Frauen und Töchter vergewaltigen wollte. Die Systemfeinde wurden in Staatsgefängnissen gefoltert und hingerichtet oder verschwanden einfach in den weiten Zuckerrohrfeldern. Auch in der Gegenwart werden Frauen vergewaltigt und unliebsame Zeitgenossen verschwinden in den Zuckerrohrfeldern – häufig ist die Polizei beteiligt, allerdings nicht an der Aufklärung.

Es gibt zwei phantastische Elemente – fukú und zafa, Fluch und Segen. Es gibt immer wieder Momente, in denen die Familienmitglieder der de Leóns besonderes Pech oder Glück haben. Sie sehen dann einen gesichtslosen Mann (fukú) oder einen goldenen Mungo (zafa). Die Beiläufigkeit, die Allgegenwärtigkeit von fukú und zafa machen den Roman zum magischen Realismus, der Zweifel der amerikanisierten Jugend diesen Konzepten gegenüber, rücken ihn in Richtung todorovscher Phantastik.

Da das zentrale Thema die Auswirkung von Misshandlung und Gewalt auf den Charakter ist, ist das Setting eindeutig ein Milieu.

 

Es gibt sieben wichtige Figuren und zahllose Randfiguren. Zentral ist selbstverständlich Oscar de León. Der Nerd liebt Fantasy und SF – zu einem Kostümfest hatte er sich als Dr. Who verkleidet. Er sah dabei Oscar Wilde ("der fetten Schwuchtel") so ähnlich, dass er den Spitznamen Oscar Wao ("Wao" ist "Wilde" auf Spanisch) erhielt, und am schlimmsten (wie der Erzähler findet): Oscar hörte darauf. Oscar verbringt seine Zeit damit J. R. R. Tolkien zu lesen, Akira zu schauen und D&D zu spielen. Er schreibt außerdem unermüdlich an seinem Roman-Zyklus – E. E. "Doc" Smith meets Tolkien. Dennoch ist er todunglücklich, denn er verliebt sich ständig in Mädchen (und später Frauen), die ihn abblitzen lassen. Schlimmer noch ist es, wenn sie eine zeitlang mit ihm abhängen, er beginnt sich Hoffnungen zu machen und sie dann einen besseren Jungen finden – Oscar ist das Schlimmste, was einem Mädchen passieren kann. So treibt er durchs Leben, frustriert zwischen Essen (und manchmal Alkohol), Mädchen und Fantasy & SF – Depressionen sind nie fern. Um Oscar herum sind fünf weitere Figuren gruppiert: Sein Großvater Abelard, ein charmanter Arzt, der aller Erkenntnis eine kindlich-naive Freude entgegenbringt, zwar eine Geliebte hat, aber seine Familie so sehr liebt, dass er seine neutrale Haltung gegenüber der Diktatur aufgibt und seine Tochter vor Trujillo versteckt. Seine jüngste Tochter, Belicia – Beli – Cabral, Oscars Mutter, bekommt er nie zu sehen. Sie hat eine sehr dunkle Haut, was von ihrer Familie als Fluch gewertet wird – kaum ist Abelard verschwunden, schlägt Trujillos fukú zu. Sie hat eine sehr harte Kindheit und wäre beinahe an der Behandlung ihrer Pflegeeltern gestorben. Erst als ihre Tante La Inca sie zu sich nimmt, wird es besser. Beli hat nur wenig Selbstwertgefühl und kaschiert ihre Unsicherheit durch ein stures und arrogantes Auftreten. Als sie in die Pubertät kommt, wird sie ein wunderschönes Mädchen, nachdem sich alle Männer die Hälse verrenken. Sie beginnt sich wertzuschätzen und ihren Kopf durchzusetzen – sie steuert gradewegs auf gewaltigen Ärger zu. Jahre später, in New Jersey, macht sie sich stets Sorgen um ihre Kinder: Oscar hat keinen rechten Mumm (und ist dennoch ihr Liebling) und Lola wird sie ins frühe Grab bringen – die beiden streiten ständig. Lola ist eine echte Rebellin. Sie will nicht so werden wie ihre Mutter. Sie will nicht, dass Oscar einem Mädchen eine scheuert, damit sie ihn respektiert. Sie wird ein Punk. Da ihre Mutter sie ständig runtermacht, reißt sie irgendwann aus. Sie macht den Fehler sich Oscar anzuvertrauen – wer vertraut schon einem Jungen, der gerne Die drei Fragezeichen liest? Später bittet sie ihren Freund Yunior sich um Oscar zu kümmern. Yunior ist ebenfalls Dominikaner. Er treibt viel Sport, hat billige Jobs und jagt ständig "Muschis" nach. Nichts macht ihm so viel Spaß wie "Fremdvögeln". Eine zeitlang kommen die beiden miteinander aus, aber Yunior hat seine eigenen Probleme und zerstört daher früher oder später jede Beziehung.

Man sieht, im Kern sind diese Figuren Archetypen – Oscar der fette Rollenspieler, der keine Freundin bekommt, Lola die hitzige Rebellin mit Herz, Yunior der Schwanz-gesteuerte Collegejunge – doch sie sind so dicht beschrieben, so psychologisch plausibel entwickelt, dass es sich nicht um Makel, sondern um geschickt genutzte künstlerische Verdichtungen handelt.

Es bleiben noch zwei Figuren zu erwähnen, die sehr am Rande stehen, deren Einfluss aber stets zu spüren ist. Das ist einerseits der Diktator Trujillo, der ein grauenhaftes Regime errichtete, welches das Leben aller Dominikaner selbst vier Jahrzehnte nach seinem Tod noch beeinflusst. Er kann als Personifikation des fukú gesehen werden. Und andererseits die Großmutter La Inca, die einen heilenden Einfluss auf die Familie ausübt. Sie kann als Gegengewicht Trujillos, als Personifikation des zafa gesehen werden.

 

Es gibt eine Reihe von Plots – einen für jede Episode – die aber stets Entwicklungsgeschichten sind. Diese Entwicklungen sind nicht abgeschlossen (sieht man von Oscar ab, dessen wundersames Leben kurz ist); ein Motiv des Romans ist, dass nichts jemals abgeschlossen ist. Da ein Großteil in einer der übelsten Diktaturen des 20. Jh. spielt, gibt es einige Spannungsquellen des Thrillers – Heimlichkeit und Flucht sind nötig, da Folter, Mord und Totschlag drohen. Es gibt einige tragische Liebesgeschichten, aber, auch wenn Yunior als Schürzenjäger Zeus Konkurrenz macht, keine erotischen Szenen – "Aber weil ihr [Beli] damals noch die Vergleichsmöglichkeiten fehlten, war sie davon ausgegangen, dass sich Vögeln immer so anfühlte, als würde man mit einer Machete attackiert." So viel zur Erotik.

Das Ganze bleibt fokussiert durch das gemeinsame Thema: Die Auswirkungen von Missbrauch und Gewalt auf die Opfer. Es beginnt beim Großvater und endet bei den Enkeln, verdichtet wird dieses durch die schicksalhafte Wirkung von fukú und zafa – magischer Realismus par excellence.

Der Roman ist zwar überwiegend tragisch, enthält aber auch viele komische Momente. Oscar macht beim Anbaggern ein Kompliment – das Mädchen habe ein Charisma von 18. Ganz klar: Nerd-Humor.

Auf den ersten Blick scheint es eine kaum verhohlene Verhöhnung von Rollenspielern zu sein, was vor allem am abfälligen und spöttischen Tonfall des Erzählers liegt. Doch es gibt einige Hinweise, die in eine andere Richtung deuten. So ist Oscar der einzige, der wirklich ausbricht, und er ist der spanische Oscar Wilde. Am gewichtigsten scheint mir jedoch die Feststellung, dass der Erzähler unzuverlässig ist, denn trotz der abschätzigen Worte kennt er sich verdammt gut in der Szene aus: Trujillos oberste Schergen werden als Nazgûl beschrieben, der schöne Junge ist ein Melnibonéer und der groteske Koch stammt aus Gormenghast. Es scheint, als verdamme er seine Liebe zur Phantastik an Oscar. Die vielen Anspielungen sind eine weitere Spannungsquelle, die keineswegs auf Genreliteratur beschränkt ist – auf Anweisung für einen Abstieg zur Hölle von Doris Lessing wird genauso verwiesen wie auf Herman Melvilles Moby Dick.

In mancher Hinsicht erinnert der Roman an Michael Chabons Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay: Hier ein Phantastik-Nerd, da Comic-Nerds, hier ein dominikanischer "Nigger", da Juden, hier Trujillo, da Nazis und McCarthy, hier Fettleibigkeit, da Homosexualität, in beiden Fällen der Kampf um Anerkennung und Liebe. Doch es gibt auch wichtige Unterschiede. Kavalier und Clay sind zwar wesentlich runder als Oscar & Co., gleichzeitig aber auch idealisierter als diese. Und wichtiger noch: Chabon schreibt aus der Perspektive der Hochliteratur, Díaz verschmelzt die von Trivial- und Hochliteratur auf spektakuläre Art. Beide haben sie ihren Pulitzer-Preis verdient – noch eine Gemeinsamkeit.

 

Auch Erzähltechnisch ist der Roman einigermaßen ungewöhnlich. Das beginnt bei den Episoden, die nicht chronologisch angeordnet sind. Sie verlaufen generell progressiv, doch es gibt immer wieder regressive Rückblenden, die historische oder biographische Details nachreichen. Erzählt werden die Episoden aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, der allerdings oftmals nicht anwesend ist, weshalb es einige auktorial wirkende Momente gibt. Hinzukommt, dass der Ich-Erzähler nicht immer derselbe ist: Zwar erzählt Yunior die meisten Episoden, doch auch Lola erzählt. Es gibt sogar kurze Abschnitte anderer Figuren. Díaz nutzt dabei die Möglichkeiten der Perspektive voll aus – besonders Yunior ist nicht immer zuverlässig, und Yuniors und Lolas Texte unterscheiden sich nicht nur im Tonfall, sondern auch in der Darstellung der Figuren. Beide verwenden allerdings einen Stil, der zwischen Salopp und Vulgär schwankt – sieht man von Oscars wenigen Direktzitaten ab, die gestelzt und geistreich sind – Oscar begrüßt Yunior mit "Sei gegrüßt, Hund Gottes." (Gottes = domini, Hund = canis.) Die Sätze folgen dabei dem Duktus eines Gelegenheitsgesprächs, wie es sich in einer Kneipe ergeben könnte.

Kommen wir zu den Seltsamkeiten. Da sind zunächst die vielen spanischen Einschübe zu erwähnen. Sie ahmen die Mischmasch-Sprache der Immigranten aus der DR nach. Viele werden in einem Glossar übersetzt, andere kann man erschließen, selbst wenn der Leser des Spanischen nicht mächtig ist. Dann gibt es bisweilen Fußnoten, die Kontextwissen nachreichen, und zu guter Letzt wird für die Figurenrede stets der Modus direkter autonomer Rede verwendet.

 

Fazit:

Oscar Wao lebt in ständiger Frustration: Er hat keine Freundin, weil er ein dicker Nerd ist und um den Frust zu ertragen wendet er sich weiter dem Nerd-Verhalten zu. Aber das ist nur der Gipfel des fukú, den der sadistische Diktator Trujillo über Oscars Großvater Abelard verhängte – wird Oscar einen Ausweg finden? Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao ist ein sehr komplexer und vielschichtiger Roman mit hervorragend in einander greifenden Aspekten – Form und Inhalt wirken hier aufeinander ein. Er liest sich spannend wie ein Thriller, greift aber künstlerisch verdichtet Themen wie Rassismus, Sexismus und Folter auf und zeichnet nach wie die Erfahrungen der Gewalt sich 'vererben'. Der Roman hat Klassiker-Qualitäten.

 

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Eure Meinung:

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Roman:

Titel: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Reihe: -

Original: The Brief Wondrous Life of Oscar Wao (2007)

Autor: Junot Díaz

Übersetzer: Eva Kemper

Verlag: S. Fischer (März 2009)

Seiten: 382 - Gebunden

Titelbild: Serge Attal

ISBN-13: 978-3-10-013920-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.05.2009, zuletzt aktualisiert: 19.07.2019 09:39