Das letzte Spiel (Autor: Iain Banks; Kultur)
 
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Das letzte Spiel von Iain Banks

Reihe: Kultur

 

Rezension von Matthias Hofmann

 

Die alten Science-Fiction-Klassiker geraten, wie die SF-Literatur insgesamt, immer mehr in Vergessenheit. Der Heyne Verlag bringt pro Halbjahresprogramm einen Titel neu heraus. Immerhin zwei pro Jahr? Oder lächerlich wenig? Ich tendiere klar zu letzterem. Aber man muss froh sein, wenn es überhaupt ein Buch schafft, wieder in Print zugänglich gemacht zu werden.

 

Zuletzt erschienen 2025 Unendlichkeit von Alastair Reynolds und Gateway von Frederik Pohl, sowie 2026 von Cordwainer Smith Die Instrumentalität der Menschheit. Im Herbstprogramm ist Der ewige Krieg von Joe Haldeman für Oktober 2026 angekündigt.

 

Darüber hinaus hatte man 2019 den Roman Bedenke Phlebas von Iain M. Banks neu aufgelegt. Das war hoch erfreulich aus meiner Sicht, denn schließlich zählt Banks zu meinen Lieblingsautoren. Den viel zu früh verstorbenen Schotten hat ich zwei Mal persönlich getroffen, auf britischen EasterCons, und danach als Ehrengast zum EuroCon, dem FreuCon 1992 in Freudenstadt, gelotst. Banks verlor den Kampf gegen Krebs am 9. Juni 2013. Er war da gerade einmal 59 Jahre alt. So alt wie ich heute, an dem Tag, an dem ich diese Zeilen gerade schreibe.

 

Sieben Jahre nach der Neuedition von »Bedenke Phlebas«, dem ersten Roman, der im Kultur-Universum spielt, folgte 2026 nun der zweite Streich. Im Original heißt er The Player of Games und auf Deutsch hieß er Das Spiel Azad. Warum »hieß«? Weil der Heyne Verlag für die Neuedition den Namen geändert hat. Nun heißt er Das letzte Spiel. Die ursprüngliche Übersetzung mag nicht originalgetreu gewesen sein. Der neue Titel ist es aber auch nicht. Korrekt übersetzt müsste er »Der Spieler von Spielen«, »Der Spieler« oder »Der (ultimative) Spieler« lauten.

 

Weitere Änderungen: Das »M.« fehlt. Banks machte sich eine Art Spaß daraus, dass er seine literarischen Werke unter dem Namen Iain Banks und seine Genreromane unter dem Namen Iain M. Banks veröffentlichte. Bei Heyne ist das nicht mehr präsent. Ebenso wie die Übersetzerin, denn Rosemarie Hundermarck wird weder im Impressum, noch auf dem Vorsatzblatt namentlich erwähnt. Die Übersetzerin kann sich nicht mehr ärgern, denn sie verstarb, ebenfalls viel zu früh, im Alter von 55 Jahren im Jahr 1996. Sie war für mich eine der besten SF-Übersetzerinnen Deutschlands, nicht nur in Bezug auf die Romane von Iain M. Banks.

 

Doch kommen wir zum Inhalt und der Einordnung von »Das letzte Spiel«. Es handelt sich hierbei um den zweiten Roman, der im sogenannten Kultur-Universum spielt. Zu beschreiben, was diese »Kultur« ist, könnte ein Buch füllen. Daher nur so viel: Banks erschuf ein Welt, die von niemandem beherrscht wird, in der es nicht an Geld oder Gütern mangelt und in der die Menschheit mit anderen humanoiden Lebewesen und superintelligenten Künstlichen Intelligenzen gleichberechtigt zusammenlebt. Im Grunde ist das eine positive Utopie.

 

Dank weit fortgeschrittenen Technologien gibt es in der Kultur weder Armut noch Hunger, noch Geld. Jede Form von Arbeit ist freiwillig. Hochintelligente KIs kontrollieren das allgemeine Leben und sind für Verwaltung und Schutz der Gesellschaft zuständig. Alle können mit ihrem Körper machen was sie wollen, d. h. man kann sein Aussehen, sein Geschlecht oder seine Lebensweisen beliebig verändern. Tod und Krankheit sind weitgehend überwindbar. Eine umfangreiche Beschreibung unter dem Titel »A Few Notes on the Culture« hat Banks 1994 geschrieben. Man kann sie noch heute im Internet hier nachlesen.

 

In dieser friedlichen Utopie könnte alles so schön sein, wenn die Kultur nicht oft mit weniger fortschrittlichen oder gar barbarischen oder grausamen Zivilisationen aneinander geraten würde. Um derlei Probleme zu lösen, gibt es diesen Geheimdienst namens BU (Besondere Umstände), der seine Agenten aussendet, um durch verdeckte Aktionen zu intervenieren.

 

»Das letzte Spiel« schildert die größte Herausforderung, die Jernau Morat Gurgeh, der berühmteste und beste Berufsspieler aller Zeiten, der jede Art von Spiel beherrscht, je erlebt hat. Gurgeh ist schwer gelangweilt von seinem nicht enden wollenden Erfolg, als ihn BU kontaktiert, um seine Bereitschaft abzufragen, an einer jahrelangen Reise teilzunehmen. Weitere Informationen gibt es erst, nachdem er zugesagt hat. Er bekommt Bedenkzeit, in der er an einem komplexen Spiel teilnimmt, das noch niemand mit einem perfekten Ergebnis gewonnen hat. Die Kampfdrohne Mahwrin-Skel, die aufgrund einer Persönlichkeitsstörung von BU ausgestoßen wurde, verspricht ihm, mit einer List des perfekte Ergebnis zu erzielen. Der Betrug geht schief, aber Mahwrin-Skel hat alles aufgezeichnet und nutzt die Aufnahmen, um Gurgeh zu erpressen. Er soll das Angebot von BU annehmen und mit der Bedingung verknüpfen, dass die Drohne wieder in den Geheimdienst aufgenommen wird.

 

Also begibt sich Jernau Morat Gurgeh auf eine mehrjährige Mission zum weit entfernten Imperium Azad. Dessen Gesellschafts- und Regierungssystem basiert vollständig auf einem sehr hochkomplexen Strategiespiel mit dem gleichen Namen. Um erfolgreich im Imperium intervenieren zu können, bedarf es eines extraordinären Spielers wie Gurgeh.

 

Die Gesellschaft von Azad ist insofern gefährlich, da sie auf einem absoluten Raubtierkapitalismus basiert. Es gibt kaum Gesetze oder Schutz für den Markt. Geld zählt mehr als Individuen oder die Umwelt. Die Schwachen und Armen tragen die Last. Aus Sicht der Kultur hätte Azad mit dieser Gesellschaftsordnung seinen gegebenen technischen Entwicklungsstand gar nicht erreichen dürfen.

 

Das Spiel Azad wiederum entscheidet sowohl über den sozialen Status wie auch über den politischen Rang der Teilnehmenden. Und, das ist der Clou, teilnehmen darf jeder, zumindest in der Theorie. Alle sechs Jahre findet ein Spielzyklus statt. Der Sieger wird zum Kaiser erklärt. Der letzte Kaiser ist verstorben und sein Amt ging auf den Regenten Nicosar über, der seine Kaiserwürde in diesem Azad-Zyklus bestätigen will. BU hat für Gurgeh eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, beim kommenden Spielzyklus teilnehmen zu dürfen. Wider alle Erwartungen übersteht er die erste Runde und setzt seinen Siegeszug bis zum Erreichen der Finalrunde fort …

 

Das ist nur ein grober Abriss der Ausgangssituation und der Rahmenhandlung. Was Iain M. Banks abbrennt, ist ein grandioses Feuerwerk an Charakteren, Dialogen, Wendungen und Ideen.

 

Eines der Markenzeichen der Werke des Schotten ist die Verbindung von schrecklichen oder tragischen Themen mit beißendem Witz und verspielten Elementen. Berühmt sind seine skurrilen Namen für KI-Raumschiffe. So heißen in diesem Roman zwei Kontakt-Schiffe der Kultur »Natürlich liebe ich dich noch« und »Lesen sie einfach die Instruktionen«.

 

Gurgeh ist ein für Banks typischer fehlerbehafteter Antiheld, der sich in komplexen ethischen Grauzonen bewegt. In der Handlung von »Das letzte Spiel« verwebt der Autor scheinbar unzusammenhängende Plots, die sich gegen Ende des Romans geschickt zusammenfügen. Bis hin zu einer schönen Pointe.

 

In der Rezeption wird dieser zweite Kultur-Roman gegenüber »Bedenke Phlebas« als stilistisch ausgereifter bewertet. Jedoch hatte »Bedenke Phlebas«, weil er der Erste in einer ganzen Reihe von Kultur-Romanen war, einen viel stärkeren Eindruck bei den Lesern hinterlassen, auch bei mir, der ich ihn 1989 erstmals gelesen habe.

 

Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen, weil sie keine auf einander aufbauende fortlaufende Handlung haben. Ich kann diesen Roman, wie die meisten anderen Werke von Iain M. Banks sehr empfehlen. Feinste Science Fiction, wie sie sein sollte. Viele Jahre nach seiner Erstveröffentlichung gilt das weiterhin.

 

Im Übrigen hat Heyne für Januar 2027 die dritte Banks-Neuedition angekündigt: Einsatz der Waffen. Es wäre schön, wenn da noch mehr kommen würde. Zum Neuentdecken oder Wiederlesen.

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Buch:

Das letzte Spiel

Reihe: Kultur

Original: The Player of Games, 1988

Autor: Iain Banks

Übersetzung: Rosemarie Hundertmarck

Taschenbuch, 496 Seiten

Heyne, 16. April 2026

 

ISBN-10: 3453324277

ISBN-13: 9783453324275

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0FXSX7VP4

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition


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Erstellt: 02.09.2026, zuletzt aktualisiert: 02.09.2026 16:59, 26802