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Das Meerweib von Fritz Leiber

Reihe: Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling Bd.4

Rezension von Oliver Kotowski

 

Fafhrd, der große Barbar aus dem Norden, und sein Kumpan der Graue Mausling, ein kleiner Beutelschneider aus urbanen Gefilden, leben als Kapitäne nun seit einiger Zeit auf der legendären Insel Eislande. Sie hatten deren nüchternen und atheistischen Bürgern vor einer Invasion räuberischer Meermingols und dem zerstörerischen Einfluss der herum vagabundierenden Götter Loki und Odin bewahrt. Die Bürger sind den beiden Helden und ihren Handlangern dankbar, wenn auch nicht übermäßig – Miete müssen sie trotzdem zahlen. Zwar teilen die beiden zufriedenen Glücksritter das Bett mit den beiden Ratsfrauen Afreyt und Cif, doch nach einer langen Karriere widerstreiten die Gefühle: Soll man noch ein wenig länger bleiben? Oder soll man weiterziehen? Schließlich aber müssen die beiden Abenteurer erkennen, dass sie in ihrer Laufbahn alle Arten von Spuren hinterlassen haben: Wer so viele erstaunliche Siege erfochten, so viele mächtige Feinde verspottet und so viele strahlende Schätze für Wein und Weib verprasst hat, der wird von seiner Vergangenheit eingeholt werden.

 

Dieser Band enthält die Geschichten, die zuvor in Ritter und Knappe des Schwertes erschienen sind, und einige Sekundärtexte.

Meeresmagie (18 S.) wirken Mordrug und Ississi, zwei uralte Geschöpfe des lange untergegangenen Simorgya; sie beschließen ihre mystischen Artefakte zurückzuholen, die noch immer in den Eislanden verwahrt werden. Dort sitzt Fafhrd auf den handelstätigen Mausling wartend fest und brütet über seine Lage: Zwar übt er Bogenschießen mit seiner verbliebenen Hand und macht Fortschritte, doch sein Verhältnis zu Afreyt ist merklich abgekühlt. Zudem wird er durch das lange Verweilen auf der Insel schwermütig. Da berichtet Cif von einem Gespenst in der Schatzkammer. Das Meerweib (31 S.) entdeckt der Mausling in einer Truhe: Nach einer langen und erfolgreichen Handelsfahrt ist man nur noch Tage von den Eislanden entfernt. Dem Mausling durchströmt ein Hochgefühl der Macht, denn er hatte seine Leute im letzten Hafen geschunden und ihnen den Landgang verwehrt, damit bloß nichts mehr schief läuft. Seinen kleinen Herrschaftsbereich inspizierend stößt der graue Kapitän in besagter Truhe auf ein dreizehnjähriges Mädchen, welches er im letzten Hafen gesehen hatte. Da hat sich seine Mannschaft ihn, den treu sorgenden Mausling, hintergehend eine Hure an Bord geschmuggelt! Während er in seiner Kabine die Kindhure an sein Bett fesselt, verrät sie ihm ihren Namen: Ississi. Der Fluch des Banalen und der Sterne (57 S.) trifft Fafhrd und den Mausling, denn ihre alten Lehnsherren Shilba und Ningaubel benötigen diese in Lankhmar. Dazu verraten sie dem armseligen Götter-Trio Mog, Issek und Kos den Aufenthaltsort der beiden Götter-Spötter, in der Hoffnung, dass die Götter mit einem Fluch das Handlanger-Paar in die Mentorenarme nach Lankhmar treiben. Die berechenbaren Götter fluchen, Fafhrd sich für die fernen Sterne begeisternd starrt in den Himmel, der Graue Mausling banale Dinge sammelnd blickt in den Straßenstaub. Unterdessen ist es der Geschwätzigkeit mancher Zauberer, Götter und Priester zu verdanken, dass die Position der beiden Glücksritter zu Ohren alter Feinde gelangt; diese versichern sich der Dienste des illustren Kultes der Assassinen. Der Mausling in der Unterwelt (164 S.) – diesen Wunsch trägt der zornige Gott Loki als Befehl an den Tod Nehwons heran. Der Gott wurde aus einem magischen Schlaf befreit, als Pschawri den Stiller vom Meeresgrund barg. Der Stiller ist eine der verehrten Ikonen der atheistischen Eisländer, der mit Lokis Essenz behaftet in den Großen Mahlstrom geworfen worden war und so Mahlstrom und Gott ruhig stellte. Beunruhigt vom erneuten Rühren des Stroms, eilen Pschawri und sein Kumpane Schurick zu ihren Kapitänen, die sich gerade mit den Nichten ihrer Gefährtinnen Cif und Afreyt unterhalten. Die Mädchen waren zu den trinkenden – und ihre Hausarbeit vernachlässigenden – Helden in den Keller gestürzt um ihre neue Freundin, die Prinzessin Finger, vorzustellen. Fafhrd nimmt die Geschichte des Neuzugangs gut auf: Nur mit ihrer Hilfe sei den Nichten die Flucht vor den Sklavenfängern gelungen. Der misstrauische Mausling dagegen hält die Kleine bloß für eine entlaufene Prostituierte. Zum Glück für diesen mag der Tod es nicht, wenn ihm irgendein dahergelaufener Gott befehlen will und so beschließt er, den Mausling etwas zu unterstützen um die Chancen auszugleichen. Doch erstmal müssen des Mauslings Freunde schockiert mit ansehen, wie dieser in der Erde versinkt. Wie man ihn retten kann, ist letztlich nicht die einzige Frage, die gestellt wird, wenn auch die vordringlichste.

 

Das Geschehen findet weitgehend auf der Insel Eislande und den umliegenden Gewässern statt. Die Eislande erinnern in Maßen an ein mittelalterliches Island: Es ist eine karge Insel, auf der nichts Größeres als ein Busch wächst. Hügel, Berge und zwei Vulkane dominieren die Landschaft. Die bodenständigen Bewohner leben in erster Linie vom Fischfang. Sie sind Atheisten, die in einer Art Protodemokratie leben; Thing nennt Leiber es nicht, doch die Nähe ist offenkundig.

Die phantastischen Elemente wirken dieses mal eigentümlich beiläufig. Im Laufe der letzten Geschichte sprach Rill, eine ehemalige Prostituierte, einen Zauberspruch, der ein Licht bewirkt, und ich dachte bei mir: Oh, ein phantastisches Element. Bis dahin waren schon das Meerwesen Ississi, das Götter-Trio, Loki & Tod aufgetreten und hatten ihre Flüche gewirkt.

Selbst das eindringlich geschilderte Versinken des Mauslings wirkt nicht unnatürlich. Die Perspektive, die in diesen Situationen sehr stark auf dem Innenleben der Protagonisten ruht, lässt die phantastischen Elemente, selbst wenn sie sehr bizarr sind, als normal erscheinen.

 

Die Figuren neigen zur Exzentrik, wiewohl deutlich weniger als in früheren Geschichten. Sie sind zwar rund, aber nur skizzenhaft portraitiert. Allen ist etwas Pikareskes zueigen.

Der Graue Mausling erhält dieses mal sehr viel Bühnenzeit. Er hat sich im Laufe der Jahre schon gewandelt: Er ist milder und passiver geworden. Zweifellos, der kleine Mann, der sich stets in grau kleidet, ist noch immer ein äußerst gewandter Kämpfer, aber mittlerweile ist er ein Kapitän geworden und erfährt neue Macht in dem er andere Befehle ausführen lässt. Sein Misstrauen, an dem sich nichts geändert hat, lässt ihn seine Untergebenen nur an eine kurze Leine legen. Sein Sadismus fügt sich hier gut und viel deutlicher als in früheren Geschichten ein. Dennoch ist er kein Unmensch und gerade Freunden gegenüber ist er hilfsbereit und generös. In der Liebe (im doppelten Sinne) wird dieses sehr deutlich: Cif respektiert er auf eine andere Art sogar so sehr wie Fafhrd, doch gerät er in Versuchung, wie mit der kindlich auftretenden Ississi, dann übermannt ihn die Lust nach sadistischen Sexspielen. Dieses hebt ihn von all den Dieben und Mördern, den düsteren Kerlen, die doch einen lichten Kern haben, ab: Der Mausling hat eine finstere Seite, gegen die er immer wieder ankämpfen muss und nur allzu oft verliert.

Neben dem Mausling und den großen, rotschöpfigen Recken Fafhrd, dem Berserker aus dem barbarischen Norden, der Barde werden wollte, der neugierig in die Zivilisation zog, der mal fröhlich zechend mit seinem Leben zufrieden ist, mal dumpf brütend über seine Fehler sinniert, treten dieses mal deutlich mehr Figuren in den Vordergrund: die bodenständigen beinahe Ehefrauen und heimlichen Hexen Afreyt und Cif, die zwischen Eifersucht und Liebe schwanken, deren Nichten, die quirlig und neugierig sich überall einmischen, die Unteroffiziere, wie Schurick und Pschawri, die den Jugendversionen ihrer Kapitäne sehr ähnlich sind, oder die bodenständigen Eisländer, wie der grummelige und skeptische Gröninger und viele weitere mehr.

 

Die Plots lassen sich schlecht fassen; zum einen wird der Psychologie der Protagonisten viel (für eine Fantasy-Geschichte) Raum gewährt, dann gibt es immer wieder unglaubliche Ereignisse, die allerdings nicht zentral sind, viele komische bis parodistische Elemente kontrastiert mit des Mauslings Sadismus und fragwürdiger Sexualität und klassischen Sword & Sorcery Bedrohungen – die dann wieder nicht mit den üblichen Methoden gelöst werden. Kurzum: Es sind eher anti-Sword & Sorcery Geschichten; die Plots passen verführerisch gut zum Genre, aber schließlich werden viele hergebrachte Konventionen auf dem Kopf gestellt.

Noch ein Wort zu Sadismus und Sexualität: Hier geht es an den Tabu-Bruch heran. Es gibt eine sehr lange und recht detailliert geschilderte Szene, in welcher der Mausling eine Herrin beobachtet, die sadistische Spiele mit ihren Dienerinnen treibt, die wie Protosadomasochismus wirken – nur dass die Sklavinnen nicht aussteigen können. Den Mausling erregt dieses – den empfindlichen Leser könnte diese Szene abstoßen.

Dieses ist der vierte und letzte Band; anders als die früheren Geschichten, behandelt er quasi das Alter der Protagonisten und daher wird vielfach auf ältere Geschichten Bezug genommen, gerade Der Mausling in der Unterwelt verliert viel, wenn man die anderen nicht kennt.

 

Erzähltechnisch wagt Leiber keine Experimente, er nutzt eine typisch moderne Form der eingeschränkten auktorialen Erzählperspektive – wobei die Gedanken vieler Figuren mitgeteilt werden. Interessanter ist die ironische und verschachtelte Sprache, die gerade nicht ins altertümelnde, getragene fällt, sondern respektlos damit spielt. Durch verwendete Klammern wird zuweilen die Künstlichkeit des Textes betont. Die neue Übersetzung Körbers ist den älteren bei Weitem vorzuziehen; diese sind gekürzt und die Sätze werden massiv banalisiert.

 

Die Sekundärtexte beginnen mit einer Einleitung (2 S.) von Gisbert Haefs, der unter anderem Jorge Luis Borges Werke übersetzte und herausgab; er führt durch die knappe Beschäftigung mit der Lebendigkeit und Anrüchigkeit der Helden und der modernen und frischen Sprache Leibers an die Fafhrd und Grauer Mausling Geschichten heran. Nach den Geschichten folgt Mein Leben und Werk (11 S.); hierin legt Fritz Leiber selbst dar, wie Umstände seines Lebens sein Werk beeinflussten: wie die Wirtschaftskrise zu Horror-Geschichten und der Zweite Weltkrieg zu Science Fiction-Geschichten führte. Wie Pech und Schwefel (9 S.) von Jens Schumacher, bekannt für seine Krimi und dunkle Phantastik vermengende Geschichten, berichtet humorig von seiner Leseerfahrung als Jugendlicher und hebt als Qualitäten das pralle Leben in Lankhmar und die Charakterschwächen der Protagonisten hervor. Proletarier im Fantasy-Land (7 S.) von Joachim Körber, Mitherausgeber und Übersetzer der Reihe, ist ein Schlusswort, in welchem verschiedene Einflüsse wie Weltwirtschaftskrise und Marxismus, aber auch der Rahmen der Herausgeber der Magazine, in denen die Geschichten ursprünglich erschienen waren, mit vielen Zitaten gewürzt nachzeichnet. Die Bibliographie aller Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mausling (26 S.) will vollständig auflisten, welche Geschichte wann, mit welchem Titel und in welcher Sammlung im Deutschen erschienen ist. Weiterhin wird aufgeführt, welcher Sammelband welche Geschichte enthält.

 

Fazit: Fafhrd und der Graue Mausling werden am Ende ihrer Helden-Karriere von ihren Sünden eingeholt und erleben noch einmal haarsträubende Abenteurer. Wer einen Blick auf die finsteren Seiten von Helden werfen mag, sollte vor dem Kauf nicht zurückschrecken, zumal mit den Geschichten klar wird, warum Leibers Nehwon zu den Vorbildern von Terry Pratchetts Scheibenwelt gehört. Auch die Sekundärtexte enthalten für den, der sich weitergehend für das Werk interessiert, wertvolle Hinweise.

 

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Das Meerweib

Reihe: Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling Bd.4

Autor: Fritz Leiber

Broschiert: 332 Seiten

Verlag: Edition Phantasia; Auflage: ungek. Neuübersetzung (Dez. 2006)

ISBN-10: 3937897216

ISBN-13: 978-3937897219

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.01.2007, zuletzt aktualisiert: 18.06.2019 15:27