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Das Mißgeschick

Autor: Rei Miyamoto

 

Der Mond schien blaß vom dunklen Himmel und gab kaum Licht. Die Straßenlaternen entlang der belebten Straßen versuchten, dieses Manko wieder wettzumachen, aber der Nebel in den engen Gassen und zwischen den Häusern machte es ihnen gleichsam schwer.

Die Menschen klappten die Kragen ihrer Mäntel hoch und schritten schneller aus, um nach Hause zu kommen, wo die Familie und ein warmes Abendessen auf sie wartete. Sie waren in ihre Gedanken versunken, selten redeten sie miteinander und wenn, dann stritten sie sich.

Seltsam, dachte der Beobachter und legte den Kopf schief. Er stand in einer der vielen engen Gassen, in denen sich der Nebel so hartnäckig hielt und sah sich das Treiben der Menschen an. Sie waren verschlossen, konnten nichts miteinander anfangen. Und das überraschte ihn.

Früher, so dachte er, hatte es das nicht gegeben. Er versank in Erinnerungen an eine bessere Zeit, an eine Zeit, in der er einer von ihnen gewesen war.

Waren die Menschen schon immer so gewesen, dachte er und schloß die Augen.

Nein, waren sie nicht, dachte er, als er die Augen wieder öffnete, und die Menschen immer noch jeder für sich alleine durch die Nacht eilten.

Sollte ich einen von ihnen erlösen, fragte er sich und verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. Das war genauso unbequem, also beschloß er, einige Schritte zu gehen. Sein langer Ledermantel strich kratzend an der Backsteinhauswand entlang und das schwarze Leder spiegelte in den Resten des künstlichen Lichtes, das in die Gasse drang. Er trat mit sicherem Schritt auf die Straße und mischte sich unter die anonymen Menschen. Er fiel nicht weiter auf, schwarzer Mantel, schwarze Schuhe, schwarze Hose und ein dunkles Hemd. Seine dunklen Haare waren zurückgekämmt und schimmerten silbern im faden Licht, wenn es ihn im richtigen Winkel traf. Seine Augen blickten müde über die Straße, aber auf der anderen Seite schienen die Menschen auch nicht anders gestimmt zu sein. Er verzog mürrisch das Gesicht und bekam dabei sogar so eine Art Naserümpfen zustande. Seine Schritte trafen den trostlosen Asphalt hart, als ob es ihm helfen würde, seine schlechte Laune zu beseitigen.

Ja, er hatte schlechte Laune, ausgesprochen miese Laune. Er würde heute niemandem helfen, nur sich selbst. Vielleicht würde sich seine Laune bessern, wenn er nur genug getrunken hatte... Sein Blick fiel auf eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig. Sie trug einen roten Minirock und ein enges, rotes Top mit einer kurzen, dunklen Lederjacke darüber. Es waren bei weitem keine wärmenden Kleider, aber das schien sie nicht zu stören. Sie war keine Nutte, aber sie schien diese Nacht nicht allein verbringen zu wollen.

Den Gefallen kann ich dir tun, dachte er, grinste süffisant und ging mit ein paar schnellen Schritten auf sie zu.

"Hallo." sagte er schlicht. Seine Stimme war tief und auf eine ihm unverständliche Weise waren die Frauen verrückt danach. Sogar einige Kerle schienen auf seine tiefe Stimme zu stehen. Wenn man Hunger hatte, war man nicht wählerisch.

"Oh, hi." kam die quäkende Antwort. Sie hatte sicherlich ein hübsches Gesicht unter all dem Make-up, das sie sich kunstvoll ins Gesicht geschmiert hatte. Roter Lippenstift, blaugeschminkte Augen und viel Rouge. Das Mädchen kaute mit offenem Mund Kaugummi und spielte sofort mit einer ihrer sauerstoffgebleichten Haarsträhnen. "Wie geht's?"

Er seufzte und seine Laune verschlechterte sich augenblicklich noch mehr. Am Liebsten hätte er sich gleich hier auf sie gestürzt und in einem Blutrausch die gesamte Straße ausgelöscht, aber er beherrschte sich.

"Ganz gut, und selbst?" lächelte er. Seine Gesichtsmuskeln waren die Bewegung nicht gewöhnt und schmerzten heftig, so dass er sich das Lächeln gleich verkniff.

"Ja." quäkte sie zurück. "Allison." Sie streckte ihm die Hand hin, ohne die andere von ihrer Haarsträhne abbringen zu können.

"Ähm, Dave." sagte er und ergriff ihre Hand. Warme, weiche Haut, die seidig und rosig schimmerte... Speichel lief in seinem Mund zusammen, und er schluckte ihn gierig hinunter.

"Hi Dave." quäkte Allison. "Was eine geile Nacht, was?"

Dave, wie er sich nannte, nickte.

"Hast was vor?"

Dave schüttelte den Kopf. "Nichts bestimmtes. Und selbst?"

Sie zuckte mit den Achseln und ließ ihre Haarsträhne für ganze zwei Sekunden los, nur um sie dann wieder um ihren Finger auf- und abzuwickeln. "Weiß nicht. Ist nix geplant. Meine Leute sin alle woanders unterwegs und ham mich hier gelassen."

"Nicht doch." Dave heuchelte Mitleid und berührte sie leicht am Arm.

Allison stieg sofort darauf ein, legte den Kopf schief und lächelte einladend. "Doch, wenn ich's doch sag." Sie kaute schmatzend auf ihrem Kaugummi. "Haste Lust?"

Dave sah sie fragend und mit großen Augen an. Seine gesamte Körpersprache zeigte ein perfekt einstudiertes Fragezeichen. "Was?" fragte er verdattert.

"Na ja, ist nix los, und ich hab Bock, was zu unternehmen." Sie lachte schrill auf. "Ich bin noch jung und will was erleben." Sie lachte wieder, und Dave lächelte gequält. Seine Gesichtsmuskeln hielten es wieder nicht lange aus und so erstarb das künstliche Lächeln gleich wieder.

"Warum nicht." sagte er und fügte dann mit einem gewissen Unterton hinzu: "Und Lust habe ich immer."

Allison lächelte ihn wissend an, als er sich heftig an sie drückte. "Na, da hats aber jemand eilig."

Dave nickte und drückte ihr einen Kuß auf, den sie gierig erwiderte.

"Laß uns gehen." sagte sie mit dem gleichen Unterton in der Stimme, wie er eben.

Dave folgte ihr durch ein heilloses Durcheinander von Straßen und Kreuzungen. Immer wieder fielen ihm die Menschen auf, die so anonym durchs Leben gingen, sich niemandem zeigten und wenn, dann nur, wenn sie etwas Tolles vollbracht hatten. Sie starrten geradeaus oder auf den Weg, den sie alleine gingen.

Wart ihr schon immer so, dachte Dave, und eine plötzliche Wut packte ihn. Er haßte diese Welt, ihre Verlogenheit, ihr Zurschaustellen. Er packte die neben ihm gehende Allison am Handgelenk und zerrte sie grob in eine der Seitenstraßen. Seine Hand legte sich schnell über ihren Mund, bevor sie auch nur einen Ton von sich geben konnte. Er schleppte sie ein, zwei Biegungen weiter und fiel dann über sie her. Sie wehrte sich heftig, aber Dave hielt ihr den Mund zu, so dass sie nicht schreien konnte. Er strich hastig die Haare zur Seite und sah ihren weißen Hals im faden Licht des Mondes. Gierig leckte er sich die Lippen und senkte dann seine Zähne in ihren Hals, der förmlich danach schrie.

Allison bäumte sich auf. Ihre Augen quollen aus den Höhlen, als sich seine scharfen Zähne in ihr Fleisch bohrten. Ihr Herz schlug hart und holprig in ihrer Brust, sie schwitzte und hatte Angst, Todesangst. Sie verfluchte alle, die sie heute im Stich gelassen hatte. Sie verfluchte sich selbst, weil sie so blöd gewesen war, mit ihm zu gehen. Sie zappelte, aber sie kam nicht frei. Ihr gesamter Körper zitterte vor Anstrengung, und dann spürte sie etwas warmes an ihren Lippen. Für einen Moment war aller Schrecken vergessen. Sie schmeckte Blut. Sein Blut. Verwundert erstarb ihre Gegenwehr.

Hab ich ihn in den Finger gebissen, fragte sie sich.

Und während Dave gierig das Blut aus ihrem Hals trank, schmeckte sie sein Blut, sein jahrhundertealtes Blut auf ihrer Zunge. Und etwas geschah mit ihr.

Sie fühlte sich losgelöst. Sie hatte das Gefühl, zu schweben. Sie erkannte alles um sich herum mit einer nie da gewesenen Klarheit. Sie sah jede Kleinigkeit in der schäbigen Gasse, in der Dave über sie herfiel. Sie sah die drei überquellenden Müllcontainer ihr gegenüber an der Wand, einer davon stand nicht in der Reihe, sondern etwas schräg. Der Boden war mit Papier übersät, das noch vom letzten Regen feucht war und am Boden festklebte. Hier und da waren Streifen herausgerissen worden, als Kinder darüber gerannt waren und das Papier sich an den Schuhen festgesaugt hatte. Die Hauswände waren aus Backstein und so alt, das sie nur noch grau waren. Die kleinen Fenster waren beschlagen oder einfach nur dreckig, selten sah sie Vorhänge, und wenn, dann waren sie genauso dreckig wie die Fenster. Im dritten Stock war ein Fenster gekippt und feiner, weißer Rauch stieg heraus, vielleicht wurde dort gekocht. Der Papierstapel, auf dem sie lag, kratzte in ihrem Rücken, scheuerte ihr die Beine und Arme auf. Es stank entsetzlich nach Exkrementen und Erbrochenem.

Und über all dem schmeckte sie sein Blut, sein jahrhundertealtes Blut.

Ihre Augen, die einen Moment alles Leben aufgegeben hatten, leuchteten kurz auf. Sie schloß sie, und als sie sie wieder öffnete, waren die Iris etwas dunkler als zuvor. Sie leckte weiterhin sein Blut und spürte, wie sie Kraft tankte, sie fühlte sich mit jedem kleinen Tropfen stärker. Und es fühlte sich einfach herrlich an.

Sie lächelte, und Dave hielt in seiner Bewegung erschrocken inne.

Dave hob den Kopf. Sein Mund war blutverschmiert, die zwei spitzen Eckzähne ragten gefährlich unter seinen Lippen hervor. Er sah sie einfach nur verdutzt an und nahm dann seine Hand von ihrem Mund. Er sah sein Blut, wie es langsam sein Handgelenk hinunterfloß und fragte sich, wieso er nicht gemerkt hatte, dass dieses Miststück ihn gebissen hatte.

 

 

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Erstellt: 07.07.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17