Das Scharlachrote Evangelium von Clive Barker

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Dortmund gegen Schalke, Batman gegen Superman, Bauernbrot gegen Pumpernickel … was vorwiegend vom männlichen respektive Testosteron-getriebenen Teil der Menschheit gerne als ›Schwanzvergleich‹ tituliert wird, ist im Grunde nichts Neues und letztlich nix anderes als eine (mögliche) Befriedigung unserer Neugier und der Lust nach dem Spektakel. Panem et circenses, wenngleich meist ohne politische Hintergedanken, aber demzufolge nicht zwangsläufig Fast Food für die niederen Instinkte.

Eigentlich eine gar nicht mal soo üble Beschreibung, wenn's darum geht, die erste und wahrscheinlich auch finale Schlacht zweier moderner Horror-Ikonen zu deklarieren. Der Auseinandersetzung Harry D'Amour gegen Pinhead.

 

Harry wer? Seufz. War ja klar. Und ist auch irgendwo nachvollziehbar, wenn auch … grenzwertig kretinistisch. Auch bei all jenen, deren Interesse ›nur‹ der ›allgemeinen‹ Phantastik gilt. Schließlich reden wir von der Kreation einem der größten visionären Talente, den die moderne, (dunkle) Phantastik ihr Eigen nennen darf. Denn wer den gebürtigen Liverpooler Clive Barker auf einen weiteren, auf Blut, Gekröse und sinnlose Gewalt limitierten Horrorschreiberling reduziert, der beweist im Grunde lediglich seine Unwissenheit.

 

Gewiss, Clive Barkers legendäre Bücher des Blutes (die man durchaus zu den Speerspitzen der damals noch recht jungen Splatterpunk-Bewegung zählen darf), waren alles andere als gruselige Spukgeschichten für den Otto-Normalverbraucher und sind streckenweise in puncto Vehemenz selbst heute noch unerreicht – doch war besagte Wucht im Grunde lediglich Teil eines mehr als erfolgreichen Unterfangens, den Horror auf die nächste, literarische Stufe zu hieven. Respektlos streifte sich Barker damals den Mantel des Sterotypen ab und erschuf Geschichten, die gleichermaßen mit dem Realen und der Fantasie jonglierten wie mit Fleisch und Knochen und der menschlichen Seele. Und genau dort – präzise gesagt: in Band sechs – hatte auch der okkulte Privatschnüffler Harry D'Amour seinen allerersten Auftritt. Die letzte Illusion betitelt, bekommt es der tätowierte Detektiv mit der sonderbaren Ermordung eines berühmten Magiers zu tun; ein Auftrag, der ihn langsam aber sicher in eine parallel existierende Welt voller Dämonen, Magie und Illusionen zerrt, in der selbst das eigene Ableben unter Umständen nur eine Täuschung sein kann …

 

Machte diese Novelle aus D'Amour umgehend einen Liebling der Leserschaft? Ehrlich gesagt: wohl eher nicht. Doch in vielerlei Hinsicht wollte dieser, durchaus vielschichtige und auch faszinierende Charakter seinen Schöpfer einfach nicht loslassen. Gemeinsam ging man im Laufe der Jahre einen langen und durchaus ertragreichen Weg; durchlebte man weitere Romane (Jenseits des Bösen, 1989 und Stadt des Bösen, 1995) und Erzählungen und machte sogar einen, wenn auch bedauerlicherweise bescheiden erfolgreichen Ausflug nach Hollywood (Lord of Illusions, 1994 – mit Scott Bakula als D'Amour).

 

Bei ›dem anderen‹, bei Pinhead sollte man das Feld eventuell von hinten aufrollen. Die meisten dürften ihn nämlich hauptsächlich aus Film und Fernsehen kennen und weniger aus der meisterlichen Novelle Das Tor zur Hölle, 1986 publiziert (und bedauerlicherweise noch immer zu schwer erhältlich für die Allgemeinheit). Und diese wahrliche Ikone, dieser grandiose Gegenentwurf zu Freddie Krueger, Mike Myers und Konsorten; dieser Anführer einer Gruppe Dämonen, Cenobiten genannt, deren größte Passionen in den unsagbarsten Auswüchsen und Entartungen von Schmerz und Leiden zu finden sind; die sich an unseren, letztlich ins Verderben führende Passionen, Fetischen und Neigungen laben – sie dürfte zweifelsohne noch kultischer, noch verehrter, noch langlebiger sein, was Comics, Kurzgeschichten anderer Autoren, eben auch bewegte Bilder, ja selbst ein Motörhead-Videoclip (!) eindrucksvoll beweisen – und füllte nebenbei Darsteller Doug Bradley das Portemonnaie und die Rentenkasse.

 

Doch leider hatte dieser Erfolg einen Preis, den man fast schon als

›faustisch‹ bezeichnen möchte. Waren Novelle und die ersten beiden filmischen Adaptionen gleichermaßen beliebt bei Fans und Kritikern, ging es schon mit dem dritten Teil, Hell on Earth (1992) bergab. Splatter ja, aber ohne durchdachten Plot, gute Darsteller – und Clive Barkers Expertise, der das Franchise verkauft und damit praktisch auch kein Mitspracherecht mehr hatte. Was sich in den darauffolgenden Fortsetzungen sogar noch mehr rächte. Aus dem Spiel mit Tabubrüchen, das Pinhead und seine Entourage so morbid-faszinierend machte, wurde ein Tabubruch mit der Vorlage höchstselbst; eine lieblose, talentfreie, hässliche Zerfleischung fernab von Respekt. Hellraiser im All? Warum nicht? Einen »Hellraiser«-Film ganz ohne Pinhead? Auf geht’s!

 

Es war schon ein Trauerspiel, was im Laufe der Zeit mit der Vorlage angestellt wurde. Umso eigenartiger mutet daher auch der Zeitraum an, den Barker brauchte, um sein Scharlachrotes Evangelium zu verfassen; den erwähnten letzten Kampf zweier Titanen. Fast wollte man den Glauben daran verlieren, das Ding als Mythos oder urbane Legende abstempeln oder den Schöpfer als müde und zahnlos abwerten (was freilich nicht der Wahrheit entspricht, wie Barkers Vita vollmundig beweist). Und nun liegt das Buch vor – und irgendwie traut man sich nicht, mit dem Lesen anzufangen. Schlichtweg weil man einfach weiß, dass es bei dieser Begegnung kein Remis geben, kein Hintertürchen für eine etwaige Fortsetzung offen gehalten wird. Doch wie wird es enden? Was hat sich Barker ausgedacht? Was erwartet den geneigten Leser? Folgt nach dem finalen Satz womöglich eine herbe Enttäuschung?

 

Fragen über Fragen, die auf ihre Weise etwas Masochistisches haben und man sich eventuell selbst wie Pinhead und sein Cenobiten-Crew vorkommt. Ob vom Autor geplant oder nicht, dürfte dies den Status des »Scharlachroten Evangeliums« ganz klar hervor heben. Nein, dies ist nicht bloß irgendein Buch, dies ist höchstsicher eines der meist erwarteten Bücher seiner Art seit langer Zeit.

 

Das sich Frank Festa Barkers aktuellen Roman krallen konnte, spricht für den exzellenten Ruf, den sein Festa-Verlag genießt – aber bedauerlicherweise auch für den miserablen Zustand der Großverlage, die schon lange um die meisten, mit dem Horror-Siegel abgestempelten Werke einen reichlich weiten Bogen machen. Mitunter durchaus verständlich, meistens aber leidlich traurig. Von daher auch ein großes Chapeau, werter Herr Festa!

 

Doch zurück zum »Evangelium«, welches wir im Grunde noch immer nicht aufgeschlagen haben bzw. konnten (an dieser Stelle übrigens ein zweites Chapeau an Alejandro Colucci, der ein grandioses Titelbild erschaffen hat; ein wahrlicher Hingucker).

Noch bevor man den Prolog, Labor Diabolus betitelt, hinter sich gebracht hat, beantwortet sich gleich eine entscheidende Frage fast von selbst: Ja, Barker kann noch immer Horror, ohne dabei plump oder nicht redegewandt zu wirken. Synchron dazu weht ob der beeindruckenden, aber nie ungeschlacht wirkenden Brutalität ein bittersüß mundender Hauch von vintage Barker; von seinen besten und auch durchaus heftigsten Frühwerken. Gleichzeitig erinnert einer der beiden Hauptdarsteller des Evangeliums daran, was er ist, woher er kommt und wozu er imstande ist – und das auch ein paar gewiss mächtige Magier nicht wirklich als ebenbürtige Gegenparteien betitelt werden können.

Auftritt Harry D'Amour: Der tätowierte Detektiv mit dem Faible für übernatürliche Fälle soll im Grunde – und weil es eine Bitte seiner langjährigen Freundin Norma war – »nur« diverse Corpora Delicti beseitigen, welche die Witwe eines unlängst Verstorbenen sicher mehr als nur irritieren würden. Okay, simpler Job. Wenn man weiß, wo man anzusetzen hat, nicht leichter als das. Denkste. Denn hinter etwaiger Routine scheint mehr zu stecken, bedeutend mehr. Ist es Zufall oder doch Schicksal, als D'Amour ausgerechnet auf eine der berüchtigten Puzzleboxen des ebenso genialen wie komplett irren Franzosen Philipp LeMarchand stößt; jenes Individuums, der maximal in Gilles des Rais Konkurrenz hatte? Selbstredend weiß D'Amour, was diese Box ist – und was geschehen wird, wenn er das wahrlich höllische Dinge anfasst. Muss er jedoch nicht, denn unvermittelt öffnet sich der quadratische Kasten von selbst und damit auch eine Passage direkt in die Hölle; ein Durchgang, den kein Geringerer als Pinhead durchschreitet und sich direkt an D'Amour wendet. Denn ausgerechnet ihn hat der Cenobit als ganz persönlichen Chronisten auserwählt, als Geschichtsschreiber für seinen größten Coup – doch so einfach gibt sich ein Harry D'Amour nicht geschlagen …

 

Kaum zu glauben, aber wahr: den letzten »erwachsenen« Roman, den Clive Barker seiner Leserschaft präsentiert hat – abgesehen von der großartigen 2007er-Novelle Fahr zur Hölle, Mr. B; im vergangenen Jahr gleichfalls bei Festa erschienen – war Coldheart Canyon aus dem Jahre 2001 (bei uns drei Jahre später veröffentlicht). Dazwischen ging Barker seinen zahlreichen anderen Passionen nach; folgte er sozusagen der Strömung. Neben der Malerei war dies unter anderem wunderschöne, einzigartige Fantasy für (nicht nur) junge Leser mit Abarat, Comics und der Job als Filmproduzent.

Vom angekündigten »Scharlachroten Evangelium« gab es im Verlauf der Jahre maximal Andeutungen, aber nichts Konkretes. Synchron dazu wurde der Charakter, die Marke »Hellraiser«, wie bereits erwähnt, von zumeist talentfreien Low Budget-Regisseuren in unschöner Regelmäßigkeit gegen die Wand gefahren. Zwar gab es Hoffnung in Form des Franzosen Pascal Laugier (der dank seines ultaheftigen Films Martys förmlich berufen erschien, Pinhead in alter Stärke wiederauferstehen zu lassen), allerdings zerschlug sich das Projekt aufgrund kreativer Differenzen zwischen ihm und den Produzenten, die gerne einen zahn- respektive nagellosen Pinhead gesehen hätten, der vorwiegend ein U 20-Publikum in die Lichtspielhäuser angelockt hätte.

 

Sollte Barker das »Evangelium« mehr oder minder – und verständlicherweise – vor sich »hergeschoben« haben; hauptsächlich aus Respekt vor seiner bekanntesten Kreation, so könnte eben diese letzte Episode gewissermaßen der finale Nagel gewesen sein, den man dem Briten ins Gesicht getrieben hat, die Motivation, ein für alle Mal mit den raffgierigen und ahnungs- wie respektlosen Ungläubigen, die sich weniger für die Geschichte und mehr für das Geld interessieren, abzurechnen – und sie gewissermaßen mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Denn Barker agiert im »Evangelium« nach dem sehr adäquaten Auftakt stellenweise ungewöhnlich respektlos Pinhead und den Cenobiten gegenüber. Fast spürt man den Groll, den er während des Schreibprozesses gespürt haben muss: gegenüber den Regisseuren, gegenüber den Produzenten, gegenüber all jenen, die aus Pinhead eine schwarz gewandete Karnevalsattraktion haben werden lassen. Sich selbst eingeschlossen, wohl bemerkt. Dies äußert sich in Passagen, in denen bewusst auf die anderen Cenobiten eingegangen wird. Barker bekämpft das Feuer also gewissermaßen mit Feuer, er zeigt dieselbe Despektierlichkeit wie jene Ignoranten vor ihm und offenbart dadurch den größten Schwachpunkt Pinheads: seine anmaßende Selbstgefälligkeit. Dementsprechend … schludrig wirkt auch gelegentlich der Stil des Autors. Beinahe wie ein salopper Lagerfeuer-Märchenonkel und weniger wie der visionäre, einzigartige Prosaist von Weltrang. Und ebendort verfällt auch Barker ins Blasierte, tun sich bisweilen große Logiklöcher in der Handlung auf, welche Barker zwar überwiegend stopfen kann – mit Grand Guignol und überbordender Phantasie, die Hölle und deren Herrscher betreffend –, aber dennoch: ein leicht fader Nachgeschmack bleibt zurück.

Sofern man Barkers zweite und womöglich einzig wahre Intention bis dato nicht wahr genommen hat. Gewiss, er will das große Finale herauf beschwören; das Ende von mindestens einer Ära – doch ist dies im Grunde nur Mittel zum Zweck. Im Kern des »Scharlachroten Evangeliums« steht die Verhöhnung des Bösen, das abschätzige Entblättern der Angst respektive das menschliche Bezwingen ebendessen. Ein kraftvoller, ehrlicher, guter Subtext, der – unter anderem – Sorge trägt, dass die »Scarlet Gospels« (so der Originaltitel) nicht zur aufgebauschten Übertreibung avancieren, sondern zeigen, dass ein Clive Barker – mit kleineren Abstrichen in der B-Note – noch immer harten und visionären Horror mit Kraft und Verve inszenieren kann.

 

Fazit:

Mag dieses Evangelium »nur« knapp unter 500 Seiten dick sein – Inhalt und Handlung müssen für den Autor eine Mammutaufgabe gewesen sein, galt es immerhin, zwei ikonischen Charakteren einen würdigen Abgang zu verschaffen. Die Art und Weise, wie dies Clive Barker überwiegend gelungen ist, dürfte einen Teil seiner treuen Leserschaft spalten, trotz der überkochenden Phantasie und dem Bekennen zu den Splatterpunk-Wurzeln. So oder so: ein absoluter Höhepunkt der aktuellen Phantastikveröffentlichungen ist das »Scharlachrote Evangelium« allemal. Maat et joot, Pinhead!

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Scharlachrote Evangelium

Original: The Scarlet Gospels, 2015

Autor: Clive Barker

Übersetzerin: Claudia Rapp

Taschenbuch, 464 Seiten

Festa-Verlag, 25. Juni 2015

Cover: Alejandro Colucci

 

ISBN-10: 386552379X

ISBN-13: 978-3865523792

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00YULNI54

 

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zuletzt aktualisiert: 21.03.2019 12:28 | Users Online
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