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Das Schloss der Schlange von Bram Stoker

Rezension von Christian Endres

 

Bram Stoker hat mit »Dracula« einen der, wenn nicht sogar den ultimativen Klassiker der Horrorliteratur (bzw. der Schauerliteratur) geschaffen – und damit zugleich den Mythos des blutsaugenden Gentleman-Vampirs in Literatur, Comic und Film von seiner Position aus dem strengen viktorianischen England heraus definiert und über die Jahrzehnte hinweg geprägt. Doch das Schaffen des 1847 in Irland geborenen Autors, der zu Lebzeiten nie sonderlich erfolgreich werden sollte und erst nach seinem Tod zu Weltruhm gelangte, endet nicht mit seinen populären Aufzeichnungen über den Grafen Dracula: So versuchte der ambitionierte Stoker nach einigen künstlerischen Misserfolgen 1911 beispielsweise mit seinem letzten Roman, »Lair of the White Worm«, zu dt. »Das Schloss der Schlange«, noch einmal an den Erfolg des seinerzeit eher fragwürdig-berüchtigten »Dracula«-Romans anzuknüpfen. Diesen Versuch gibt es seit Anfang November nun als Neuauflage im Taschenbuch bei Bastei Luebbe zu bestaunen ...

 

Der junge Adam Salton kehrt zu seinem Onkel nach England zurück, um sich mit Ahnenforschung und der Geschichte der Gegend zu beschäftigen, die sich um das altehrwürdige Anwesen der respektablen, angesehenen Familie erstreckt. Doch sowohl die Ahnen, als auch die Geschichte wollen manchmal einfach nicht, dass man sich mit ihnen beschäftigt, und so stellt sich für den ehrgeizigen jungen Salton bald heraus, dass in der Heimat seiner Vorfahren manch eine Natter, ja manch ein Wurm ein gefährliches Spiel mit ihm und den anderen, tugendhaften Männern und Frauen treibt. Schnell begreift der tapfere junge Mann, dass er es hier nicht mit den üblichen oder bestenfalls noch anrüchigen Schurkereien einiger weniger zu tun hat, sondern mit den finsteren Bestreben einer höheren, bösen, übernatürlichen Macht und deren korrumpierten Dienern – einer Macht, der man sich, als rechtschaffender Bürger, natürlich um jeden Preis entgegen stellen muss ...

 

Wer »Dracula« kennt, der kennt im Grunde auch die leitenden Motive der Figuren aus »Das Schloss der Schlange«: Stoker schuf einerseits moralische, standhafte Männer in den Reihen der Guten, anderseits lasterhafte Schwächlinge in den Reihen der Bösen, wenngleich beide in gleichem Maße über kurz oder lang den Verlockungen des Bösen – zu meist in Form des besessenen anderen Geschlechts und dessen üppiger Reize – nicht widerstehen können, wobei zumindest die fanatisch-moralischen Guten am Ende ihren Fehler einsehen und auf den rechten Pfad zurückgebracht werden können, ehe sie das Böse abermals mit neuer Inbrunst und neuem Eifer bekämpfen und auch für die süßen, aber eben sündhaften Verlockungen Rache nehmen wollen.

 

1911 mag diese Charakterisierung ja durchaus noch gefragt und dem Zeitgeist entsprechend sinnvoll gewesen sein – heute, fünfundneunzig Jahre nach Ersterscheinen des Romans, lockt sie im Grunde niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Was bei den Abenteuern und Erzählungen Professor van Hellsings und der Harkers in »Dracula« durch den ewigen Klassiker-Bonus und die geschickte Inszenierung und stilistische Besonderheiten noch halbwegs plausibel und über weite Strecken spannend und atmosphärisch gewirkt hat, raubt der vorliegenden Geschichte nun einfach zu oft ihren Drive. Zu eindimensional, zu flach und stellenweise auch zu plump agieren und interagieren die Figuren, und wenn in Reihen der Bösen nicht ab und an ein Glanzlicht der Charakterisierung aufblitzen täte, dann würde die Handlung von »Das Schloss der Schlange« mitsamt ihrer Protagonisten unterirdisch flach vor sich hin dümpeln. So wird sie ab und an wenigstens aus ihrer Lethargie gerissen und weiß zumindest phasenweise so etwas wie zu fesseln ...

 

Was den staubigen Schauerroman darüber hinaus deutlich von seinem großen Bruder unterscheidet, das ist die geschlossene Form: Stoker gibt in diesem Fall den allwissenden Erzähler, der stets über dem Geschehen schwebt, und verzichtet diesmal auf Tagebucheinträge, persönliche Aufzeichnungen und Zeitungsberichte, um das Geschehen so voran zu treiben, wie er es in seinem berüchtigten Roman über den Vampirfürsten einst getan hat – vielleicht hätte diese stilistische Extravaganz aber auch dem »Schloss der Schlange« gut getan und eine dringend benötigte, interessante Note verliehen.

 

Das recht dünne Taschenbuch (etwas mehr als 250 Seiten) weist den üblichen Bastei-Luebbe-Standard vor, hat ein recht ansehnliches, atmosphärisches Fotocover mit auf den Weg bekommen und beinhaltet sogar eine kleine Einleitung zum Thema Bram Stoker, »Dracula« und »Das Schloss der Schlange«– nichts weltbewegendes, sicher, aber doch ein nettes Zubrot, das etwas ausführlicher geraten ist als die üblichen Dreizeiler über Autoren, wie man sie aus den meisten Taschenbüchern kennt.

 

Fazit: Ein ziemlich angestaubter Schauerroman aus dem 19. Jahrhundert, der zu keinem Zeitpunkt wirklich aus dem Schatten seines großen Bruders heraustreten kann. Für Stoker/Dracula-Fans und Freunde klassischen Horrors mit dem typischen, naiv-moralischen Flair früherer Tage dennoch durchaus einen Blick wert.

 

Eure Meinung:

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Buch:

Das Schloss der Schlange

Original: The Lair of the White Worm, 1911

Autor: Bram Stoker

Übersetzerin: Ingrid Rothmann

Taschenbuch, 252 Seiten

Bastei Luebbe, November 2006

 

ISBN-10: 3404155904

ISBN-13: 978-3404155903

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.11.2006, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18