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Das schwarze Blut von Jean-Christophe Grangé

Rezension von Martin Weber

 

INHALT

„Das Entscheidende war für ihn etwas ganz anderes: das Eintauchen in das Gehirn des Mörders. Er würde das Böse sehen, ihm in die Augen blicken. Und vielleicht endlich begreifen.“

Der „Er“ in dieser Aussage ist Mark Dupeyrat, ein Gerichtsjournalist, der unbedingt verstehen will, wie die Killer dieser Welt ticken. Dafür gibt es einen guten Grund, den er hat selbst seine über alles geliebte Freundin durch einen bestialischen, bis heute unaufgeklärten Mord verloren. Nach diesem Verbrechen fiel er in ein mehrwöchiges Koma und kehrte nur allmählich wieder ins normale Leben zurück. Als Jahre später der mutmaßliche Serienmörder Jacques Reverdi in Malaysia inhaftiert wird, sieht Dupeyrat die einmalige Chance gekommen, die Gedankenwelt eines Killers zu erforschen und zu verstehen. Zu diesem Zweck denkt er sich einen perfiden Plan aus: er konstruiert eine falsche Identität – eine junge Frau namens Elisabeth - und beginnt in ihrem Namen Briefe an Reverdi zu schicken. Tatsächlich trifft er den richtigen Tonfall und schafft es, die Neugierde des Inhaftierten zu wecken. Reverdi (ein ehemaliger Weltmeister im Freitauchen) glaubt in der Briefschreiberin eine verwandte Seele entdeckt zu haben und zieht sie immer mehr ins Vertrauen. Schließlich lädt er sie sogar zu einer Reise auf seinen Spuren ein, an deren Ende angeblich das vollkommene Verstehen wartet. Dupeyrat kann diesem Angebot nicht widerstehen und begibt sich damit auf eine Expedition in die Abgründe der menschlichen Seele.

 

Währenddessen ahnt das angehende Modell Khadidscha nicht, dass für Reverdi ihr Gesicht das von Elisabeth ist. Als der Mörder ein Foto seiner Brieffreundin einforderte, hat Dupeyrat bei einem befreundeten Fotografen eine Aufnahme von Khadidscha mitgehen lassen und sie an Reverdi geschickt. Dieser Betrug wird die Unbeteiligte in Lebensgefahr bringen, denn der Killer kann nicht verkraften, hintergangen zu werden …

 

 

KOMMENTAR

Drei Hauptfiguren gibt es in diesem Buch, und selbstverständlich leiden alle unter einem Trauma. Wann hatte ich eigentlich den letzten Roman in der Hand, in dem die maßgeblichen Protagonisten nicht die Last einer zutiefst verstörenden Erfahrung zu tragen hatten? Gibt es keinen anderen Weg, fiktiven Akteuren Leben einzuhauchen und sie interessant zu machen? Müssen sie z.B. andauernd als Kinder missbraucht worden sein, Morde/Unfälle mit angesehen haben, fast ertrunken sein, miterlebt haben, wie der Lieblingsgoldfisch von der mörderischen Nachbarskatze gefressen wurde … und darunter ein Leben lang leiden? Dieses „Traumatisieren“ scheint für viele Autoren der billigste Weg zu sein, einen vordergründig interessanten Charakter zu kreieren und wird mittlerweile inflationär verwendet.

 

Abgesehen von dieser prinzipiellen Kritik hat Grangé mit Jacques Reverdi einen faszinierenden und charismatischen Schurken geschaffen, der jedoch manchmal zu überlegen gezeichnet wird, wodurch er in übermenschliche Sphären rückt (auch das kennt man von anderen genialen Serienkillern). Der Reporter Mark Dupeyrat ist eine seelisch verarmte Existenz, die mit ihren inneren Dämonen ringt und bereit ist, für ihre Besessenheit alles zu opfern. Was an Sympathie für Dupeyrat vorhanden ist, geht im Lauf des Geschehens immer mehr verloren, mit seinen fehlenden Skrupeln entspricht er weitgehend dem Klischee vom tabulosen Sensationsjournalisten. Ganz anderes liegt die Sache bei Khadidscha, die Grangé als durch und durch heldenhafte Frauenfigur charakterisiert, deren Geisteshaltung Bewunderung abringt (dabei trägt er allerdings ein wenig zu dick auf).

 

Der französische Schriftsteller ist Routinier genug, um den abgedroschenen Serienkiller-Stoff attraktiv aufzubereiten. Dass er dabei das Rad nicht neu erfindet, versteht sich von selbst. Der Versuch, darzustellen, wie das Innenleben eines Serienmörders aussieht, rückt den Roman unweigerlich in die Nähe von Büchern wie „Die Geduld der Spinne“ von Nasaw, „Psychopath“ von Ablow oder natürlich Harris´ Werken über Hannibal. Grangés Erzählung bietet eine ähnlich intensive Leseerfahrung, die aber durch zwei Umstände getrübt wird: zum einen ist wie erwähnt das Thema inzwischen allzu oft durchgekaut worden und zum anderen ist die im Grunde genommen simple und lineare Geschichte mit ihren insgesamt 540 Seiten zu gedehnt, um konstant spannend zu unterhalten.

Besonders die Schilderung von Dupeyrats Reise durch Südostasien beinhaltet einige Leerläufe und erinnert gelegentlich mehr an einen Reisebericht als an einen Thriller. Es hatte daher nicht geschadet, wenn der Autor sich entschieden hätte, einige Teile seiner Geschichte straffer zu erzählen und anderen mehr Sorgfalt zu widmen – wird in den beiden ersten Dritteln alles sehr ausführlich abgehandelt, überstürzen sich im letzten Drittel die Ereignisse und für den Plot wesentliche Punkte werden nur mehr gestreift statt vernünftig erläutert zu werden. Und wie meist bei Grangé ist dann der Showdown auch nicht so das Gelbe vom Ei, wobei es diesmal allerdings zu keinem Totalabsturz kommt, sondern lediglich geringfügigere Abstriche zu machen sind.

 

 

FAZIT

Jean-Christophe Grangé begibt sich mit seinem aktuellen Roman auf das Terrain der Serienkiller, wobei der Schriftsteller diese Thematik dadurch aufpeppt, indem er Elemente des Reise- und Gefängnisromans einbringt. Unterm Strich bleibt ein geradliniger, weitgehend unterhaltsamer Thriller, der mit ungustiösen Szenen nicht geizt. Allerdings hätte die eine oder andere Kürzung nicht geschadet.

 

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Das schwarze Blut

Autor: Jean-Christophe Grangé

Gebundene Ausgabe: 544 Seiten

Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 1 (März 2006)

ISBN: 3431036767

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.10.2006, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57