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Das seltsame Tier aus dem Norden von Lars Gustafsson

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Mit dem Sonnensegel eine fernes Sonnensystem zu erreichen, ist auch im 50. Jahrtausend eine langwierige Angelegenheit. Um sich die Zeit zu vertreiben, widmet sich die Raumlord genannte artifizielle Intelligenz ihrem Lieblingsspiel: Sie teilt sich auf acht identische Admiräle auf, die sich in einer altertümlichen Messe Geschichten erzählen.

 

Und während der interstellare Sonnenwindsegler der Uranusklasse, Pascal II, langsam seinem Ziel entgegen segelt, unterhält uns der schwedische Autor Lars Gustafsson mit einem Reigen skurriler Geschichten, selten im klassischen Sinne auserzählt, meist eher Ideen, angereichert mit narrativem Zierwerk. Das ganze erinnert zu recht an Stanislaw Lem, dessen Idee eines Tankes mit Mikroorganismen, die sich zu einer artifiziellen Intelligenz verbinden, ist der Hintergrund des Raumlords. Am Ende des Buches entsorgt ein Techniker die degenerierte Masse – ein passend ironischer Abschluss.

 

Doch bis dahin versorgen uns die Avatare, acht muntere Lords, in der Offiziersmesse mit genügend Stoff zum Denken.

 

In der ersten Geschichte, Von gefangenen Prinzen und ihren Wärtern, geht es um die Manipulation des Geistes von Gefangenen, denen man vorgaukelt, aus der Gefangenschaft entkommen zu sein und ein Leben in Freiheit zu führen. Anhand weiterer Szenarien untersucht Gustafsson eine Endlosschleife, in der der Träumende immer wieder den selben Fehler begeht und dieselbe Bestrafung erhält. Bis hin zur Idee, einem einfältigen Hofnarren zu veranlassen, sich für eine artifizielle Intelligenz zu halten. Dieser Teil wird schnell so abstrus, dass es schwerfällt, Gustafssons Gedanken zu folgen, ein Problem, das sich an vielen Stellen von Das seltsame Tier aus dem Norden wiederholt.

 

Der zweite Lord kommentiert die vorhergegangen Episoden damit, dass in ihrer Erklärbarkeit Trost zu finden sei. Kann man hingegen keinerlei Vernunft entdecken, wie in Das Ding und Die zweimal Geborenen, fehlen also Lösungen oder gar Schuldige, ist die Sache weniger tröstlich.

Das ominöse »Ding« wird während einer Forschungsmission entdeckt und auch untersucht, leider gibt es plötzlich zwei exakte Versionen der Teilnehmer und es lässt sich nicht feststellen, wer Original und wer Kopie ist. Gustafsson untersucht im folgenden die philosophischen Implikationen der Verdopplung.

Eine durchaus amüsante Story.

 

Niederfahrt in die Porostät stellt uns die Navigationsboje Fredegesius von Tours vor, benannt nach einem christlichen Abt des 9 Jahrhunderts. Der satirische Ton des Buches lässt leicht denken, dass es sich bei den im Buch erwähnten »historischen Personen« fiktive Menschen handelt. Wer also entsprechendes Wissen nicht parat hat, sollte bei der Lektüre durchaus bereit sein, Namen und Ereignisse nachzuschlagen, da Gustafsson mit großer Freude nicht ganz so geläufige Themenkreise in die Mangel nimmt.

Fredegesius befasste sich mit dem Nichts, was die acht Lords zu etlichen Ideen und Gedanken animiert, bevor eine kleine Episode über den porösen Raum zum besten gegeben wird. Vielleicht mag das darin angesprochene ethische Problem philosophisch interessant sein, als Geschichte funktioniert das nur in geringem Maß.

 

Auch für die nächste Geschichte sollte man die Hintergründe abklopfen, geht es doch um einen »Stahlpakt zwischen Hitler und dem US-Präsidenten Huey Long« – man ahnt es bereits, in Von Zeitschleifen und eigentümlich wiederkehrenden Fremden geht es um Zeitreisen und alternative Geschichte. Neben der eher klassischen Story, auch wenn sie in Gustafssons sprudelnder Fabulierkunst sehr frisch wirkt, bindet der Autor die Ungeheuerlichkeit einer möglichen Geschichtsänderung direkt in den Metaplot ein.

 

Von Monstern und Idealisten in der Orthwolke ist ein recht langer philosophischer Einschub, der vielleicht entsprechende Interessen erfordert, um angemessen gewürdigt werden zu können.

 

Dafür birgt Dr. Weiss und der gestohlene Intelligenzverstärker die vielleicht beste Geschichte des Bandes. Björn Poulsen ist Verlagsmitarbeiter im Stockholm des Jahres 1960, als er in einem Trödelladen einen seltsamen Lampenschirm erwirbt, der sich als der im Titel bereits erwähnte Intelligenzverstärker erweist. Doch wohin führt eine solche Verstärkung?

Eine ungewöhnliche und fesselnde Geschichte.

 

Der achte Lord übernimmt sofort das Wort. Die Gäste der Medusa ist erneut eine kaum ausformulierte Ideen-Geschichte, in der es um Kommunikation mit Außerirdischen geht. Dabei wurden sechs Menschen in Säulen verwandelt und dienen als Anamorphosen, also nicht direkt sichtbare Bildinformationen.

Auf jeden Fall eine interessante Idee. Für SF-AutorInnen ist das Nachdenken über völlig unbekannte Wege der Kommunikation seit jeher ein faszinierendes Thema.

 

Die Titelgeschichte Das seltsame Tier aus dem Norden bietet eine raffinierte Konstruktion auf. Sie startet mit der Erzählstimme des Ersten Lords, der über die Besonderheiten des Planeten Ygal III berichtet, darunter sehr kostbare Kristalle und plötzlich zoomen wir in diesen Kristall hinein und begleiten seinen Bewohner, der nichts mehr darstellt, als eine elektromagnetische Ladung.

Hier passen Geschichte und Erzählweise perfekt zusammen, eine kleine literarische Perle.

 

Der letzte Fall des Dr. Weiss behandelt Zeit. Der uns bereits bekannte Verlagsmitarbeit steigt in eine alte Pyramide hinab und damit nicht nur in die Vergangenheit jener Kultur.

Eine nur mäßig spannende Parabel.

 

Auch Vom sonderbaren Tor in der Stadt Conacar verwendet viel Zierrat, um das Konzept von Portalen zu betrachten, zu einer wirklichen Story reichte es leider nicht.

 

Tief in die chinesische Meditationskultur dringt Die Erzählung vom Mandarin Li ein. Nach einem Herrschaftswechsel erwartet der Mandarin seinen Tod. In tiefer Meditation visualisiert er in den Schlieren eines Jadesteines eine Landschaft mit Fluss und Wanderweg, dem er zu folgen gedenkt, bis seine Mörder erscheinen.

Der unerwartete Twist fügt dem bereits nachdenklich stimmenden Ernst der Story eine weitere Ebene hinzu, die das Gedankenexperiment zu etwas ganz besonderem werden lässt.

 

Die Nacht des Jean Sibelius lässt den Mythos um die Achte Sinfonie des Finnen lebendig werden. Der Komponist erhält Besuch von einem musenähnlichen Mädchen und hinterfragt die Möglichkeit eines Erfolges der verbrannten Komposition.

Eine romantische und traurig stimmende Erzählung, die an viele andere Werke denken lässt, die nie entstanden.

 

Ganz so deutlich gibt sich der Sinn hinter Von der Kunst des Falkners nicht zu erkennen. Im Stil eines Märchens gehalten, wird eine Parabel gesponnen, die Reflektion, polare Monster und die Falknerei mit einander verbindet. Aber das ist nur eine Vermutung.

 

Im letzten Text vor dem Epilog, Erzählung von Rio Grande, treffen wir auf jemanden, der von einem Unsterblichkeitselixier trank. Ein melancholischer Blick auf ein ewiges Leben.

 

Und dann fegt der Epilog wie schon erwähnt, die ganze Fabuliererei hinfort. Oder vielleicht doch nicht? Wer weiß, was von des großen schwedischen Phantasten hängen bleiben wird. »Das seltsame Tier aus dem Norden« sollte Lars Gustafsson zumindest einen festen Platz im phantastischen Pantheon garantieren.

 

Fazit:

»Das seltsame Tier aus dem Norden« von Lars Gustafsson enthält eine Reihe von Geschichten und Ideen, deren Stärke in der blühenden Fantasie, einer großen Freude an philosophischen Betrachtungen und einer berauschenden Sprachkunst liegt. Gustafsson jongliert mit seinen Einfällen in einer bewundernswerten Leichtigkeit. Wo anderen kaum genug für einen Roman einfällt, streut er wie nebenbei Stoff für ein ganzes Bücherregal in den Sternenhimmel.

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Eure Meinung:

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Buch:

Das seltsame Tier aus dem Norden

Original: Det sällsamma djuret från norr, 1989

Autor: Lars Gustafsson

Gebundene Ausgabe: 200 Seiten

Hanser, 1989

Übersetzerin: Verena Reichel

Cover: Claus Seitz und Franco Maria Ricci

 

ISBN-10: 3446157344

ISBN-13: 978-3446157347

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.05.2020, zuletzt aktualisiert: 26.06.2020 13:58